SRF-Korrespondent David Nauer in der Ukraine
«Ich will den Leuten vor Ort eine Stimme geben»

Sein Herz schlug für Russland – dann kam der Krieg. Heute berichtet David Nauer als SRF-Korrespondent aus der Ukraine: Wie der Vater von Zwillingen in seiner Wahlheimat Wien das Erlebte verarbeitet und ob er Hoffnung für Frieden sieht.
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David Nauer beim Abendspaziergang in der Wiener Innenstadt, seiner Wahlheimat.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

  • SRF-Korrespondent David Nauer berichtet regelmässig aus der Ukraine
  • Er möchte den Menschen im Krieg eine Stimme geben
  • Im ersten Kriegsjahr hatte er kaum Zeit, das Geschehene zu reflektieren
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Jessica Pfister
Schweizer Illustrierte

Morgens um sechs Uhr läutet in der Altbauwohnung im zweiten Bezirk in Wien David Nauers Wecker. Der 49-Jährige checkt sein Handy. Seine Vermittlerin in der Ukraine hat eine Nachricht geschickt. In Kiew seien die Heizungen ausgefallen, am Tag liegen die Temperaturen bei minus 14 Grad. «Ich habe gestern noch zwei Paar Wollsocken für die Reise gekauft», sagt der gebürtige Zürcher. Er geht warm duschen, danach schenkt er sich in der sonnengelb angestrichenen Küche einen Kaffee ein, macht für die vierjährigen Zwillingsbuben Spiegeleier. Seine Söhne wissen, dass er in die Ukraine fährt – und dort Krieg herrscht. Sie wissen, dass die Russen schiessen und Papa darum eine Weste und einen Helm anzieht. «Der eine fragte mich kürzlich: ‹Was, wenn dir jemand mit der Pistole ins Gesicht zielt?› Ich antwortete: ‹Dann weiche ich aus.›»

Seit vier Jahren berichtet David Nauer fürs SRF über den Krieg in der Ukraine, erst fürs Radio, nun fürs Fernsehen. Von seiner Wahlheimat Wien reist er mehrmals jährlich ins Land und geht bis an die Front. Zuvor hat er zehn Jahre in Russland gelebt und war dort Korrespondent für Radio SRF und den«Tages-Anzeiger». «Ich will den Leuten vor Ort eine Stimme geben», sagt er. Der Mutter in der Ostukraine, deren Haus halb zerstört wurde, den Ärztinnen der Geburtsklinik im eiskalten Kiew, den Soldaten in den Schützengräben im Donbass.

Verliebt in Russland

Nauer ist in Esslingen im Zürcher Oberland als jüngster von drei Brüdern aufgewachsen. Sein Vater war Englischlehrer am Gymnasium, seine Mutter arbeitete in der Pflege. Mit elf Jahren brach er sich beim Spielen beide Arme. «Als ich da im Bett lag und auf die Weltkarte an meiner Wand schaute, fiel mir dieser grosse grüne Flecken auf. Russland. Ich sagte mir: Da will ich mal hin.» Rund zehn Jahre später beginnt er an der Uni Zürich mit dem Studium in Geschichte und russischer Literatur, kurz darauf reist er das erste Mal für einen Sprachaufenthalt in die russische Provinz, später gehts mit einem Freund nach Sankt Petersburg. «Ich erlebte ein wildes, freies Russland und war völlig fasziniert von Menschen und Kultur.» Er verliebte sich, heiratete eine Russin.

Als SRF-Korrespondent geriet Nauer kurz vor Beginn des Angriffskriegs im Januar 2022 ins Visier des Kreml. In einem News-Beitrag berichtete er über den Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine. «Man hat den Eindruck, dass sich Russland auf einen Krieg vorbereitet», sagte er. Die Reaktion aus Moskau kam prompt: Das russische Aussenministerium nannte den Beitrag «antirussisch» und «unprofessionell» und unterstellte Nauer ein medizinisches Problem. «Das war mein journalistischer Ritterschlag», kommentiert dieser einen Tag vor der Abreise nach Kiew in seinem Co-Working-Space in Wien schmunzelnd. Von der Terrasse des unscheinbaren Innenhofs schaltet er sich jeweils für Einschätzungen in die «Tagesschau».

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Nur wenige Minuten vom Büro entfernt, im jüdischen Viertel, befindet sich Nauers Coiffeur. Die Eltern des Besitzers stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, ein Angestellter ist auf der Krim aufgewachsen, ein anderer ist Albaner. «So friedlich wie hier müsste die Welt sein», sagt Nauer, während Ronie Karsgjew ihm den Bart stutzt. Zwischendurch schickt er Sprachnachrichten an sein Team in der Ukraine. Nauer spricht einwandfrei Russisch, auf Ukrainisch kann er sich gut verständigen.

Auch mit seiner heutigen Partnerin Jutta Sommerbauer, 48, die als Redaktorin bei der österreichischen Zeitung «Die Presse» über die Ukraine berichtet, spricht er manchmal Russisch. «Natürlich hilft es, dass sie weiss, wie mein Job vor Ort aussieht.» Die Wienerin und er lernten sich in Moskau kennen. «Die Liebe zur Region und zum Journalismus verbindet uns.» Seit Kriegsbeginn sind beide nie mehr in Russland gewesen – zu gross wäre die Gefahr, dass die Russen irgendeinen Grund finden, sie zu verhaften. Er sagt aber auch: «Ich vermisse Russland nicht.» Der Kontakt zu vielen Freunden in Moskau sei eingeschlafen. «Nachdem ich so viel Zerstörung gesehen habe, kommt mir Small Talk übers Wetter oder die letzte Party am Telefon falsch vor.» Mit der Ukraine habe er ein freundlicheres, freieres Land entdeckt. «Hier flucht mein Fahrer auch mal über Präsident Selenski, die Leute können offen ihre Meinung kundtun.»

Im journalistischen Fieber

24 Stunden dauert die Reise von Wien nach Kiew. Im Spar kauft Nauer zwei Büchsen österreichisches Bier. «Darüber freut sich der ukrainische Kameramann.» Auch Zigaretten hatte er schon im Gepäck, ein Gesprächsöffner bei den Soldaten an der Front. Im Zug schaut er aus dem Fenster, liest oder schreibt an seinem Buch. «Das Schreiben hilft mir, meine Rolle in diesem Krieg zu finden.» Es sind Kurzgeschichten, erzählt aus der Sicht einer fiktiven Person – ebenfalls ein Journalist. Eine handelt von einem Mann, der gefallene Soldaten abtransportiert, eine andere von einer Mutter, die im Sommer 2024 mit ihrem Sohn in der einen und dem Katzenkorb in der anderen Hand am Bahnhof der Industriestadt Pokrowsk auf den Evakuierungszug wartet und weiss, dass sie ihre Stadt nie mehr so wiedersehen wird. «Ich bin sonst kein rührseliger Mensch, aber dieser Anblick trieb mir Tränen in die Augen», sagt Nauer.

Im ersten Kriegsjahr habe er kaum Zeit gehabt, das Geschehene zu reflektieren. «Vor Ort war ich in einem journalistischen Fieber, zu Hause war ich auf unsere neugeborenen Zwillinge fixiert.» Dann kam die Zeit, als sich Nauer an den Krieg gewöhnte. «Nachdem ich im Donbass Tag und Nacht Artillerie hörte, erschrak ich nicht mehr.» Damit er nicht fahrlässig wird, spricht er mit anderen Korrespondenten aus Krisengebieten. «Meine wichtigste Regel ist: Es muss immer einen journalistischen Grund geben, warum ich einen Ort besuche.» Nauer übernachtet nie in Hotels in Frontnähe und isst dort nicht in Restaurants. Für andere Gefahrensituationen gibt es Protokolle, zum Beispiel wenn das Team von Drohnen angegriffen wird. «Dann rennen wir alle in eine andere Richtung.» Der Krieg – eine eigene Welt mit eigenen Regeln.

Erden würden ihn seine zwei Buben, mit denen er und seine Partnerin gern Museen besuchen oder im Sommer mit dem Velo an die Donau fahren. «In der Badi kann ich sogar anschreiben lassen», sagt er augenzwinkernd. Und wenn ihn die Einheimischen anschnauzen, kann er inzwischen charmant im Wiener Dialekt zurückmosern. Obwohl er das Leben in der österreichischen Hauptstadt geniesst, hadert Nauer damit, dass er sein Team jeweils in der Ukraine zurücklassen muss. Trotz internationalen Gesprächen hätten die Menschen keine Hoffnung, dass der Krieg endet. «Angesichts der täglichen russischen Angriffe sind die Ukrainer überzeugt: Die Russen wollen kein Ende des Kriegs. Und sie haben wohl leider recht.»

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