Selenski will 50’000 russische Tote pro Monat – Experte warnt:
«Wer nur Körper zählt, verliert den Krieg»

Töten, zermürben, durchhalten: Selenskis Kriegsstrategie setzt auf hohe russische Verluste. Doch laut Militärexperte Ralph Thiele ist das kein Plan, sondern eine Notlösung – mit fatalen Folgen für die Ukraine und ihre Verhandlungsposition.
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Wolodimir Selenski steht unter wachsendem Druck, den Krieg nicht nur politisch, sondern auch militärisch neu zu begründen.
Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Darum gehts

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Chiara SchlenzAusland-Redaktorin

50’000 russische Soldaten pro Monat – getötet oder kampfunfähig gemacht. Mit dieser Zahl hat Ukraine-Präsident Wolodimir Selenski (48) den Krieg zuletzt auf eine brutale Kennzahl reduziert.

Es ist die offene Ansage eines Abnützungskriegs: Russland soll so lange Menschen und Material verlieren, bis Moskau zum Einlenken gezwungen ist. Ein «Frieden aus Stärke», erkauft durch maximale Verluste auf gegnerischer Seite. Doch Militärexperte Ralph Thiele hält diese Strategie für hochriskant – und militärisch kurzsichtig.

Eine Notlösung mit falscher Logik

«Ich halte das für eine Notlösung», sagt Thiele im Gespräch. Die kommunizierten Zahlen seien zwar hoch, «aber in aller Regel übertrieben». Zudem kämpfe Russland noch lange nicht mit seiner Kernbevölkerung. «Es sind oft keine Russen, sondern Menschen aus früheren Sowjetstaaten oder armen Regionen, die in Geld- und Arbeitsnot sind.» Der entscheidende Punkt liege jedoch woanders: im Verhältnis der Verluste. «Mit steigenden russischen Verlusten steigen auch die ukrainischen. Und diese Verluste wiegen für die Ukraine ungleich schwerer.»

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Wolodimir Selenski spricht offen von Abnützung – und macht Verluste zur politischen Kennzahl.
Foto: IMAGO/ZUMA Wire

Militärisch ist das der Kern des Problems. Abnützung funktioniert nur, wenn die eigene Reserve grösser ist als die des Gegners. Doch genau hier liegt Kiews Schwäche. «Wenn man die beiden Länder gegenüberstellt, sieht man die massive Personalnot der Ukraine», sagt Thiele.

Selbst wenn die ukrainischen Verluste geringer seien, «vielleicht nur die Hälfte oder zwei Drittel», sei das strategisch fatal. Russland kann Verluste absorbieren, die Ukraine nicht. Jeder Gefallene oder verletzte Soldat reisst eine Lücke, die kaum noch geschlossen werden kann. 

Krieg wird in der Tiefe entschieden

Hinzu kommt ein struktureller Nachteil im modernen Krieg. Der Konflikt wird längst nicht mehr an der Frontlinie entschieden, sondern in der Tiefe: bei Logistik, Kommunikation, Drohnen, Nachschub. Genau hier greift die reine Körperzählerei zu kurz. «Theoretisch ist es richtig, Logistik und Führungsstrukturen anzugreifen», sagt Thiele. «Praktisch ist die Ukraine dazu aber nur sehr begrenzt in der Lage.» Der Grund: fehlende Masse, fehlende Technik, fehlende Ausdauer.

Die Ukraine sei von Beginn an nicht für einen langfristigen Abnützungskrieg gerüstet gewesen. «Dass sie sich überhaupt halten konnte, war auch ein Glücksfall – weil die Russen sich am Anfang des Krieges dumm angestellt haben», sagt Thiele. Korruption, mangelhafte Ausrüstung und schlechte Planung hätten Moskau zu Beginn geschwächt. Doch dieser Vorteil sei längst verspielt. Russland produziere heute schneller Waffen und Munition, als die Verbündeten der Ukraine liefern können. «Und die Ukraine kann das selbst nicht kompensieren.» Thieles Fazit lautet deshalb: «Wer nur Körper zählt, verliert den Krieg.»

Der Westen schwächelt, Russland hält durch

Gleichzeitig schwindet der strategische Rückhalt. «Die USA wollen nicht mehr, die Europäer können nicht mehr», sagt Thiele. Viele Zusagen des Westens seien nie eingehalten worden. «Das Versprechen, die Ukraine so auszurüsten, dass der Darm platzt, haben wir nicht gehalten.» Weder finanziell noch politisch sei der Westen noch bereit, einen langen Abnützungskrieg zu tragen.

Russland dagegen hat Zeit – und Ressourcen. «Putin sitzt auf Rohstoffen wie Dagobert Duck auf seinem Goldschatz», so Thiele. Solange Moskau Öl, Gas und andere Rohstoffe verkaufen könne und ein Grossteil der Welt diese auch kaufe, bleibe der Kreml handlungsfähig. Die Hoffnung, Russland wirtschaftlich zu ermüden, sei eine Illusion.

Die militärische Sackgasse

Aus militärischer Sicht führt Selenskis Strategie damit in eine Sackgasse. Hohe russische Verluste mögen politisch beeindrucken, sie verändern aber nicht die strategische Ausgangslage. «Wir verlängern seit Kriegsbeginn nur den Wunsch, dass Russland irgendwann nicht mehr kann», sagt Thiele. Tatsächlich wachse das Grauen auf beiden Seiten. «Wir befinden uns in einer Teufelsspirale.»

Dass parallel in Abu Dhabi wieder über ein Kriegsende verhandelt wird, ist aus seiner Sicht die logische Folge dieser militärischen Realität. «Wenn die Russen nicht zufrieden sind, hören sie nicht auf.» Moskaus Ziele seien klar: der Donbass, strategische Tiefe, keine Nato vor der Haustür. «Putin will den Donbass – und ich befürchte, er wird ihn bekommen.»

Für die Ukraine verschlechtert jeder weitere Monat Abnützung die eigene Position. «Die Ukraine sieht schrittweise ihrer Vernichtung entgegen», sagt Thiele. Ein Waffenstillstand wäre aus militärischer Sicht kein Zeichen von Schwäche, sondern von Realismus. Frieden werde es nur geben, wenn beide Seiten Zugeständnisse machten. «Es geht nicht um die Belohnung Russlands», sagt Thiele. «Aber ohne Beidseitigkeit gibt es kein Ende.»

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