Darum gehts
Im Schatten der Konflikte um Grönland, Iran und Venezuela ist der Ukraine-Krieg fast in Vergessenheit geraten. Dabei geht an der Front zurzeit einiges ab. Russland überzieht die Ukrainer laufend mit Raketen- und Drohnenteppichen, um sie frieren zu lassen und zu zermürben.
Und die Russen haben eine alte, heimtückische Waffe mit moderner Technik aufgepeppt. Mit dieser Weiterentwicklung wird die Todeszone noch grösser und der Kampf an der Front noch brutaler. Denn die Waffe kann den Gegner nicht nur im Graben vernichten, auch in den Bunkern ist man nicht mehr sicher.
Beim System handelt es sich um ferngesteuerte, unbemannte Fahrzeuge, die thermobarische Bomben abfeuern können. Nachdem vor knapp einem Jahr die Ukrainer ihren «Krampus» vorgestellt haben, fahren die Russen laut dem Institute for the Study of War (ISW) ihrerseits mit einem ähnlichen System namens «Malvina-M» auf: Es ist leicht, kostengünstig und kann nahe an den Gegner herangelenkt werden, ohne eigene Leute zu gefährden.
Tödlich bis in den Bunker
Thermobarische Waffen versprühen eine explosive Wolke aus feinen Brennstoffen, die dann gezündet wird. Die Wirkung: verheerend! Es entstehen eine extrem starke Druckwelle und grosse Hitze. Gleichzeitig wird der Sauerstoff in der Umgebung verbraucht. Menschen sterben durch Überdruck, Hitze und Sauerstoffmangel – selbst wenn sie in Deckung sind. Denn die Druckwelle erreicht auch Räume hinter Mauern und im Boden.
Thermobarische Waffen sind entfernt verwandt mit den berüchtigten Napalmbomben, die erstmals gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurden und die viele Menschen mit schweren Brandwunden verletzt zurückliessen. Der Unterschied: Napalm ist sehr heiss und brennt lange. Thermobarische Bomben lösen eine extrem kurze und noch heissere Explosion von gegen 3000 Grad aus.
Bisher haben die Russen thermobarische Waffen meistens von bemannten, schweren und langsamen Fahrzeugen aus eingesetzt. Sie hatten keine grosse Reichweite und waren ein leichtes Ziel für die Drohnen der gut organisierten Abwehr der Ukrainer.
Die Drohnen machten den Anfang, nun dürften sich unbemannte Systeme schnell auch in anderen Bereichen weiterentwickeln. Dieser Meinung ist Marcel Berni, Strategieexperte an der ETH-Militärakademie. Gegenüber Blick sagt er: «Unbemannte Plattformen werden künftig auch am Boden gegeneinander kämpfen und damit die ‹Todeszone› vergrössern.»
Druck auf die Ukraine steigt
Sowohl die Ukrainer als auch die Russen sind dringend auf Erfolge angewiesen. Die Fronten sind verhärtet, mit minimalem Geländegewinn für die Russen. In den vergangenen Wochen haben die Russen die ganze Ukraine intensiv mit Bomben und Drohnen angegriffen. So sind seit Dienstag in Kiew laut Bürgermeister Vitali Klitschko (54) 5635 Hochhäuser ohne Heizung. Berni: «Putins Luftkrieg instrumentalisiert den Winter und will die Ukraine in Kälte und Dunkelheit untergehen lassen.»
Der seit bald vier Jahren dauernde Zermürbungskrieg geht somit in die nächste Runde. Denn aus Friedensverhandlungen wird bis auf weiteres nichts.
Der Druck auf die Ukraine wird laut Berni an allen Frontabschnitten zunehmen. Problematisch sei auch, dass die europäische Aufmerksamkeit zunehmend von den Entwicklungen rund um Grönland überlagert werde. Berni: «Diese Verschiebung birgt die Gefahr, dass selbst die verbliebenen Verbündeten der Ukraine durch eine weitere strategische Front abgelenkt werden und damit ihre Fokussierung nachlässt.»