Neuer Film «Cordula» beleuchtet Leben auf der Strasse
«Obdachlose Frauen verstecken sich mehr als Männer»

Manuela Wenger spielt in ihrem neuen Film «Cordula» die fiktive Obdachlose Cordula. Für ihre Rolle lebte sie selbst auf der Strasse und erhielt Einblick in eine Welt, die von der Gesellschaft verdrängt wird. Mit Blick spricht sie über ihre Erfahrungen.
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Manuela Wenger spielt im neuen Film «Cordula» die Titelfigur.
Foto: zVg/Manuela Wenger

Darum gehts

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Silja AndersRedaktorin People

Cordula lebt auf der Strasse und versteckt sich vor der Polizei. Die junge Frau führt ein Leben, das mehr Frauen führen, als den meisten Menschen bewusst ist – aber: Cordula gibt es eigentlich gar nicht. Bei ihr handelt es sich um eine Figur im gleichnamigen Roman der Autorin Maja. Deren Titelfigur wird plötzlich lebendig und die Schriftstellerin muss sie zurück in das Buch bringen, bevor Cordula alles auf den Kopf stellt; klingt nach Kinostoff – ist es auch!

Manuela Wenger (35) spielt in ihrem neuesten Film «Cordula» die namensgebende Protagonistin. Für die Schauspielerin ist es die erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Dafür wurde sie von Schauspielerin und Drehbuchautorin Thamar Rieser (52) besetzt, die die Autorin Maja im Film selbst verkörpert.

Um sich auf die anspruchsvolle Rolle vorzubereiten, ging Wenger einen aussergewöhnlichen Weg: Sie verbrachte eine Nacht auf der Strasse, um die Lebensrealität obdachloser Frauen besser nachvollziehen und sich intensiv in ihre Figur hineinfühlen zu können.

Hauptdarstellerin verbringt eine Nacht auf der Strasse

«Cordula» handelt von einer jungen, obdachlosen Frau, die versucht, zu überleben. Dabei erlebt sie Angst, Gewalt und Vergewaltigung. Etwas, das für viele Frauen harte Realität ist. Schauspielerin Wenger wurde während ihrer Vorbereitung Zeugin davon, was auf der Strasse passiert.

Sie spürte, wie sie als Undercover-Obdachlose plötzlich unsichtbar wurde – und sein wollte. Sie fühlte sich schmutzig, hatte ständig das Gefühl, zu stinken und war davon überzeugt, dass ihre Mitmenschen sie ebenfalls so wahrnehmen. Die Nacht auf der Strasse sei hart gewesen. Eine Kollegin habe das Experiment mit ihr mitgemacht, die beiden hätten sich eine Ecke auf dem Stauffacher eingerichtet. Als sie ruppig von einem Mann zurechtgewiesen wurden, dass das nicht ihr Platz sei, rückten sie zur Seite – blieben aber bei der fremden Person.

In der Nacht habe sie kaum ein Auge zugetan, erinnert sich Wenger. Irgendwann nickte sie aber doch ein, während ihre Kollegin wach blieb. «Ein Glück», sagt Wenger. «Plötzlich kam ein Mann auf einem Velo angefahren und wollte unsere Sachen stehlen. Da meine Kollegin aber wach geblieben war, konnte sie ihn kurzerhand in die Flucht schlagen.» An Schlaf sei danach aber nicht mehr zu denken gewesen. 

Die harte Lebenswelt obdachloser Frauen

Der Mann, der neben ihnen die Nacht am Stauffacher verbracht hatte, lebt auf der Strasse. Am nächsten Tag erzählte er den beiden Frauen vom Gassencafé der Stiftung Pfarrer Sieber. Dort bekommen Obdachlose gratis Essen und Trinken und können sich für eine Weile ausruhen. Eines fiel Manuela Wenger dort sofort auf: «Die meisten waren Frauen, die ihren Kopf in ihre verschränkten Arme auf dem Tisch legten und ein wenig Schlaf suchten.»

Auf der Strasse ist es häufig zu gefährlich für Frauen. Schlafen ist dabei nicht wirklich eine Option, denn damit machen sie sich angreifbar, sind schutzlos. Viele obdachlose Frauen würden sich daher an einen Mann halten. «Auch, wenn ihnen dieser nicht guttut und sie vielleicht auch küsst, obwohl sie das nicht wollen. Sie lassen das über sich ergehen, denn es ist immer noch besser und sicherer, als alleine zu sein», erklärt Manuela Wenger.

Natürlich habe Wenger Geld mit ihrer Rolle verdient, jedoch nur «einen Bruchteil» einer sonst für eine solche Rolle angemessenen Gage. «Es war wirklich sehr low budget», aber es sei ein Projekt gewesen, das allen Beteiligten am Herzen lag. Die Produzentin und Schöpferin des Films «Cordula», Thamar Rieser, zahlte das meiste aus eigener Tasche, die Einnahmen des Films werden zu einem grossen Teil an die Privatinvestoren zurückfliessen. Doch aus einem Film mit einem solchen Thema Kapital zu schlagen, war nie das Ziel der Film-Truppe.

Ein Fünftel der Obdachlosen sind Frauen

In der Stadt Zürich leben im Winter durchschnittlich etwa 200 obdachlose Menschen, im Sommer sinkt die Zahl auf rund 125. Frauen machen dabei konstant rund 20 Prozent aus – die Dunkelziffer wird jedoch höher geschätzt, erklärt Karin Verga, Betreuerin beim SWS Sozialwerk Pfarrer Sieber, gegenüber Blick.

Die Idee und das Drehbuch zu «Cordula» stammen von Thamar Rieser. Gemeinsam mit den Produzentinnen Caroline Wloka und Elisabeth Rieser konnte das Filmprojekt realisiert werden. Den Film haben die Produzenten mittlerweile Zurich Film Festival eingereicht, und Cast sowie Crew hoffen nun auf einen positiven Bescheid.

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