Darum gehts
- Sebastian Nordmann leitet 2026 erstmals das Lucerne Festival in Luzern
- Neue Formate wie «City Stage» und «Sound Walk» geplant
- Festival-Motto «American Dreams» feiert 250 Jahre US-Unabhängigkeit mit Stars
Jeansjacke, offenes Hemd, stylisch geflochtener Gürtel und die Beats der Hamburger Techno-Marching-Band Meute im Ohr. Sebastian Nordmann (55) swingt und tanzt zum rhythmischen Sound aus seiner norddeutschen Heimat, den er diesen Sommer nach Luzern bringt. Nicht etwa in einen Club, sondern in den Luzerner Saal des KKL Luzern – als eines der Programm-Highlights von Lucerne Festival!
Klassik und Techno – passt das zusammen? «Ja», sagt Nordmann, ein studierter Musikwissenschaftler. «Meute ist eine Techno-Marching-Band mit akustischen Instrumenten. Ich finde es spannend, klassische und zeitgenössische Musik von heute einander gegenüberzustellen. Wer weiss, sind zum Beispiel die Werke von Jörg Widmann in 100 Jahren auch einmal Klassiker?»
«Festival ist hervorragend aufgestellt»
Man spürt die Begeisterung, mit der der Musikmanager in Luzern, seinem neuen Wohn- und Arbeitsort, ans Werk geht. Nicht weil Lucerne Festival eine grundlegende Veränderung nötig hätte. «Das Festival ist hervorragend aufgestellt. Grosse Namen, berühmte Orchester sind da. Und mit der Lucerne Festival Academy und den jungen Stars ist die musikalische Bandbreite riesig», sagt Nordmann.
«Dennoch glaube ich, dass wir uns immer Gedanken zu neuen Formaten, zu neuen Künstlerinnen und Künstlern – und vor allem zu neuen Zielgruppen machen müssen. Es macht mir unglaublich viel Freude, Menschen, die das Festival bisher nicht kannten, an die klassische Musik heranzuführen.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Dazu gehört auch Hans Willi, der Marktverkäufer aus Rothenburg LU, der in Luzern auf dem Rathausquai vor der Kapellbrücke Gemüse verkauft. Nordmann kauft bei ihm frische Peperoni und fragt ihn, ob er schon einmal bei einem Lucerne-Festival-Konzert war. «Nein», sagt Willi. «Mein Geschmack liegt eher bei der Volksmusik.»
Neue Formate für junge Menschen
Genau solche Menschen, aber auch junge Leute will Nordmann neugierig auf Lucerne Festival machen – mit neuen Formaten wie «Klassik für alle: Open Air» zum Festival-Start am 13. August auf dem Europaplatz direkt vor dem KKL Luzern mit der Hornistin der Berliner Philharmoniker Sarah Willis, dem Havana Lyceum Orchestra aus Kuba, Samba- und Salsaklängen und groovenden Bearbeitungen von Klassik-Werken von Mozart und Bach. Das gemeinsam mit Guerillaclassics neu konzipierte «In den Strassen: City Stage» soll die Musik und Interpreten von Lucerne Festival in die Stadt tragen.
Im «American Dream House», einem Mini-Konzertsaal in Form einer Pop-up-Installation, inspiriert vom «Dream House» des amerikanischen Minimalisten La Monte Young und dessen Ehefrau, der Künstlerin Marian Zazeela, lassen Musikerinnen und Musikern des Lucerne Festival Contemporary Orchestra ätherische Zeitlupenmusik ertönen. Und um die Luzerner Museggmauer mit ihren neun Türmen inszeniert Klangkünstler Andres Bosshard mit Mitgliedern der Lucerne Festival Academy einen «Sound Walk».
«American Dreams» entdecken
Ob er keine Angst habe, bei so viel Innovation das Stammpublikum von Lucerne Festival zu verlieren? «Ganz und gar nicht», entgegnet Nordmann. «Die Kernsubstanz des Festivals bleiben die grossen Orchesterkonzerte mit den berühmtesten Klangkörpern der Welt und das Repertoire grosser Klassiker wie Mozart, Beethoven, Mahler und Rachmaninow. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.»
Doch auch in diesem Bereich setzt der kommunikative Norddeutsche in seinem Premierenjahr in Luzern einen neuen Akzent: Unter dem Festival-Motto «American Dreams» präsentiert er Werke amerikanischer Komponisten wie Gershwin, Ives, Reich, Bernstein oder Barber, die heute zu den Klassikern zählen. Sie werden unter anderem interpretiert von US-Stars wie Yo‑Yo Ma, Hilary Hahn, Amanda Gorman und andere.
«Die Idee dazu entstand im Dialog mit Riccardo Chailly, der weiterhin Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra ist», sagt Nordmann. «Wir beide lieben die amerikanische Musik, und 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit sollen auch bei Lucerne Festival Raum für gesellschaftliche und kulturpolitische Diskussionen ermöglichen.»
«Fantastisch»
Sebastian Nordmann ist ein guter Stratege. Das ist kein Zufall. Denn neben seiner Arbeit als Kulturmanager war er auch als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group tätig. Von 2002 bis 2008 leitete er als Intendant die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, und von 2009 bis 2025 war er Intendant beim Konzerthaus Berlin.
Das urbane Pflaster nun mit dem beschaulichen Luzern zu tauschen, empfindet er als Glücksfall. «An diesem wunderschönen Ort in diesem unfassbaren Konzertsaal ein Festival gestalten zu dürfen, ist fantastisch. In Berlin fuhr ich immer mit der U-Bahn zur Arbeit, in Luzern mache ich alles zu Fuss oder per Velo. Da ich in der Stadt wohne, verzichte ich sogar aufs Auto. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, gehts morgens vor der Arbeit in die Seebadi.»
Den Kontakt zum pulsierenden Leben in der deutschen Hauptstadt hat er dennoch nicht ganz verloren: «Meine Frau arbeitet auch dort weiterhin als bildende Künstlerin», sagt er. Und seine Kinder – 18, 20 und 22 Jahre alt – fragen ihn manchmal, wo denn jetzt sein neuer «Berghain» sei – ein angesagter Club in Berlin. Nordmann lacht und sagt: «Ich sagte ihnen: Das ist jetzt der Pilatus!»