Darum gehts
- Heidi Maria Glössner (82) bleibt aktiv, trotz Alter und Makuladegeneration
- Gen-Test zeigt: Biologisch 10 Jahre jünger, gehört zu gesündesten 15 Prozent
- Tipps: Kontakte pflegen, aktiv bleiben, Freude am Leben bewahren
Longevity, Healthspan, Biohacking – wer hat das und anderes nicht auch schon gelesen? Viel Englisch, einfach erklärt: Angestrebt wird Langlebigkeit, möglichst lange geistig und körperlich fit zu sein.
Um den Alterungsprozess zu verlangsamen, setzt man sich in Sauerstoff-Druckkammern oder eiskaltes Wasser, isst Nahrungsergänzungsmittel, optimiert hier, injiziert dort. Bis zur Obsession.
An teure Cremes glaubt sie nicht
«Puls» will ergründen, wie sinnvoll der Kampf gegen das Alter ist. Schauspielerin Heidi Maria Glössner, mit 82 Jahren nach wie vor auf der Bühne aktiv, war bereit, im SRF-Gesundheitsmagazin ihre Gene testen zu lassen: Sind diese etwa der Grund für ihre Vitalität?
Um darüber zu reden, schlägt sie das «Giardino» in Bern vor. Das plätschernde Wasser des Teichs übertönt den Verkehr. Aber ein Jungbrunnen scheint es nicht zu sein, die Kois sehen aus wie immer.
Glössner ist mit dem E-Bike da (ein Geschenk ihres Sohnes zum Siebzigsten) und sitzt im Garten, obwohl sich der Himmel nicht von seiner schönsten Seite zeigt.
Sie schon. Die St. Gallerin sieht umwerfend aus, ist geschmackvoll gekleidet – kurz: der beste Beweis, dass man auch ohne Anti-Aging-Firlefanz gut altern kann.
An teure Cremes und Pillen glaubt sie nämlich nicht, möchte dem Streben nach Langlebigkeit ihren Alltag auch keinesfalls unterordnen. «Ich sage immer, das hat mit ganz anderen Sachen zu tun.» Wenn das jemandem guttue – geschenkt. «Aber Lebensfreude erhält man so nicht.» Ihre Augen blitzen.
«Gehöre zu den 15 Prozent der Gesündesten»
Reden wir über den Test: Was ergab die Analyse der Gene? Glössner macht es spannend und erzählt, dass sie dem Longevity-Arzt vorab verkündet hatte, nicht im Traum an einen allenfalls verordneten Alkoholverzicht zu denken. Zum Glück habe der entgegnet, das sei Blödsinn und wie so oft eine Frage der Menge.
Sie könne essen und trinken, was sie wolle, sagt sie, als sie zu ihrem Eistee greift. «Ich war nie steckendünn, bin an den richtigen Orten leicht gepolstert.»
Müsste sie aufs Gewicht achten, käme der Wille ins Spiel – sie schmunzelt –, und der wäre bei ihr sehr schwach. «Von der Veranlagung her», kommt sie nun auf das Testresultat zu sprechen, «gehöre ich zu den 15 Prozent der gesündesten Menschen.» Obwohl sie eine schlechte Schläferin sei. «Ich war schon als Kind Tagträumerin in der Nacht, habe bis in den Morgen hinein Geschichten erfunden.»
Auch habe man ihr attestiert, fährt sie fort, biologisch mindestens 10 Jahre jünger zu sein. Möchte sie das denn? «Nein», sagt sie resolut, «ich finde es schön, so alt zu sein.»
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«Nehmt aktiv teil am Hier und Jetzt, so bleibt ihr wach»
77 Jahre ihres Lebens habe sie stets nur kleine Bobos gehabt und die Krankenkasse keinen Rappen gekostet. «Das hat sich erst seit der Makuladegeneration geändert.»
Die feuchte Makula bleibt dank regelmässigen Spritzen stabil, die trockene und nicht behandelbare wurde etwas schlechter. «Aber ich komme gut durch den Alltag.»
Sollte sie jedoch wie ihre Mama fast erblinden und nicht mehr lesen können, sei für sie Schluss. «Dann macht mir das Leben keinen Spass mehr.» Glössner blickt ernst und erwähnt nochmals den Test. «Du kannst die besten Gene kaputtmachen, wenn du entsprechend lebst», sagt sie und erzählt nun vom verstorbenen Halbbruder, der zweimal Krebs hatte. «Er rauchte 40 Jahre lang vier Päckli Zigi am Tag.»
Und überhaupt: Das eine sei die Veranlagung, das andere, welchen Inhalt man dem Leben gibt. Sie predige immer, man solle nicht nur ins Innere blicken, weil einem dann nichts von aussen geschenkt werde.
«Und schaut nicht fortwährend zurück und sagt, früher sei alles besser gewesen. Nehmt aktiv teil am Hier und Jetzt, so bleibt ihr wach.»
Sonst, sie tippt an die Schläfe, laufe man Gefahr, dass das Hirn abbaue. Davon ist Glössner weit entfernt. Aktuell spielt sie in «Cyrano de Bergerac» die Roxane. «Eigentlich eine junge Frau, aber man hat eine alte gewollt und mich geholt, um das Ganze aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen.»
«Habe gar keine Zeit, alt zu werden»
Nun erwähnt sie alle anstehenden Engagements sowie ein Solostück, für das sie 40 Seiten auswendig lernen muss. «Ich kann noch kein Wort, und am 1. Juli beginnen die Proben.» Sie runzelt die Stirn.
Hinzu komme, dass sie zwei Enkelinnen hat und es mit ihnen stets so schön ist. «Die Grosse wird elf dieses Jahr, die Kleine neun. Da interessiert mich natürlich, was mit ihnen wird.» Sie sei also gut ausgelastet, schliesst sie den Exkurs.
«Ich empfinde alles als Privileg, aber du siehst, ich habe gar keine Zeit, alt zu werden.» Sie korrigiert sich lächelnd. «Ich bin alt und sehs mir an. Das finde ich auch richtig.»
Tipps für ein erfülltes Dasein? «Kontakte aufrechterhalten, die Initiative ergreifen, nicht zu Hause warten, bis jemand vorbeischaut.»
Klar, sagt sie und nimmt einen Schluck Eistee, sei das nicht allen gegeben, auch wolle sie keineswegs verurteilen, wer nach einem schwierigeren Leben keine Kraft mehr für Unternehmungen habe.
Wie Tante Ida. Dafür reist Glössner gedanklich zurück. «Es war ein Geschenk, ihren Tod miterleben zu dürfen, so friedlich, einfach ein Ausatmen», sie legt eine Hand auf die Brust, «dass ich dachte, man muss sich nicht fürchten.» Ihre Tante konnte loslassen, sei mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen.
Anders würde sie nichts machen
«Ich sage immer, wenn es morgen vorbei ist, ist es gut.» Sie habe von klein auf so ein buntes, vielseitiges Leben gehabt, «es kann gar nicht mehr schöner werden.»
Was indes allen blüht: Je älter man wird, desto mehr Freunde sterben. «Damit umzugehen, ist hart.» Trotzdem – sie deutet auf die Kois – müsse man Dinge aufnehmen und die Augen nicht verschliessen vor dem, was das Leben bereithält. «Schau mal, wie die da zu dritt auf einer Höhe schwimmen, so lustig!»
Was sie anders machen würde? Nichts! «Nur mich als junge Frau mit Melkfett einreiben, um braun zu werden, würde ich nicht mehr.» So habe sie ihre Haut geschädigt.
Nun redet sie lange über das Äussere und wie es so viele im Jugendwahn optimieren. Oft missglücke das ja – sie formt Schlauchbootlippen –, in ihrem Beruf wäre das fatal. «Mein Gesicht ist mein wichtigstes Arbeitswerkzeug.»
Sie müsse nun langsam, sagt sie mit Blick auf die Uhr, eine Lesung vorbereiten: «Das gefährliche Alter», ein Text aus dem Jahr 1910. Heidi Maria Glössner schwingt sich auf ihr E-Bike und fährt zügig los.