Darum gehts
- Sofortiger Tournee-Stopp bei «Das Zelt» aus wirtschaftlichen Gründen
- An eine Wiederaufnahme des Betriebs sei frühestens im Herbst zu denken
- Die Probleme begannen mit der Pandemie und akzentuierten sich danach
Die Nachricht vom sofortigen Tourneestopp von «Das Zelt» hat die Schweizer Showszene nachhaltig erschüttert. Verschiedene der 73 betroffenen Künstlerinnen und Künstler gaben ihrer Bestürzung darüber Ausdruck, dass der Betrieb des Unternehmens bis auf weiteres ruht und ein möglicher Sanierungsplan von Direktor Adrian Steiner (58) frühestens im kommenden Herbst greifen könnte. Die 70 Angestellten sind ab Juni auf Kurzarbeit gesetzt.
Doch ganz aus heiterem Himmel kam die Hiobsbotschaft nicht. «Das Zelt», hervorgegangen aus der Landesausstellung Expo.02, entwickelte sich rasch zu einem fixen Ankerpunkt in der Unterhaltungsszene und zum grössten mobilen Kultur- und Eventtheater des Landes. Stars wie Divertimento wurden hier gross und gaben ihren Dank zurück, indem sie der «Zelt»-Bühne über längere Zeit hinweg die Treue hielten.
«Das Zelt» mauserte sich nebst dem Circus Knie gemäss Adrian Steiner zum erfolgreichsten und beständigsten Showunternehmen des Landes. Der Umsatz bewegte sich bei maximal 27 Spielstätten zeitweise im Bereich um 18 bis 20 Millionen Franken pro Jahr. Insgesamt 3,5 Millionen Menschen besuchten «Das Zelt» seit der Gründung. Auch die Auslastung durch externe Veranstaltungen war gut.
Pandemie, Grosszelt und mutige Entscheide
Am Anfang der Niedergangskaskade stand wie bei anderen Show-Firmen die Pandemie. «Wir hatten während 580 Tagen 100 Prozent Ausfall, wurden vom Bund aber nur zu 80 Prozent entschädigt», so Steiner. Als sich das Geschäft langsam wieder erholte, setzte er mit einer Vorwärtsstrategie aufs Ganze. Im Spätsommer 2022 wurde das Grosszelt «The Dome» eingeweiht. Das modulare Zelt bietet Platz für bis zu 5000 Personen und gilt als europaweit einzigartig.
Der mutige Schritt erwies sich vor der Kulisse der Energiekrise und des sich verändernden Ausgehverhaltens der jüngeren Gäste als Negativ-Boomerang. Und auch die geplante Lancierung eines neuen Hochglanzmagazins unter dem Titel «Showtime» verursachte zusätzliche Kosten.
Gerüchte um finanzielle Engpässe und offene Forderungen kamen bereits letzten Winter am Rande des Gastspiels in Bern auf. Damals drang noch nichts nach aussen.
Erstmals medial erwähnt wurde die «Zelt»-Krise am 10. Februar 2026 auf dem Branchenportal Klein Report. «Hinter den Kulissen brodelt es. Nach Informationen aus mehreren, voneinander unabhängigen Quellen steht ‹Das Zelt› finanziell ziemlich unter Druck. Gemäss gut informierten Kreisen sind derzeit Honorare für Künstler, Techniker und weitere Mitwirkende einmal mehr ausstehend. Einzelne Beteiligte warten seit Wochen auf Zahlungen. Auf Steiners Schreibtisch sollen sich bereits mehrere Betreibungen stapeln.»
«Situation nur vorübergehend»
Dazu sagte Steiner am 11. Februar gegenüber Blick: «Es ist teilweise zu Zahlungsverzögerungen und Betreibungen gekommen, wobei gewisse Forderungen berechtigt und andere ungerechtfertigt sind.»
Seit der Gründung 2002 seien aber immer alle Rechnungen bezahlt worden, betonte der Direktor. Die Situation bestehe nur vorübergehend. «Die Summe der Ausstände ist unter fünf Prozent vom Umsatz. Dies ist unangenehm, im Gesamtkontext ist das Problem lösbar.»
Steiner schaute vorwärts. «Ich bin überzeugt, dass sich dies über den Zyklus wieder ausgleicht.» «Das Zelt» stehe absolut nicht vor dem Aus. «Im Gegenteil. Die Auftragsbücher sind so voll wie nie.»
Es sind Mantra-artig wiederholte Aussagen, die aber nicht mehr überall mit der gleichen Geduld aufgenommen werden.
Mitte März 2026 publizierte der Beobachter einen weiteren Artikel. Demnach warteten Angestellte seit Monaten auf ihren Lohn und Sozialabgaben seien nicht entrichtet worden. Das Konsumentenmagazin erwähnte einen achtseitigen Betreibungsregisterauszug. Darin seien offene Rechnungen über mehr als 2,5 Millionen Franken aufgeführt.
Sammelaktion und Hoffnung
Das Unternehmen reagierte und gab ab dem 26. März Partizipationsscheine aus, um «die langfristige Stabilität der Kulturplattform zu stärken». Über dieses Modell kamen durch 185 Kleininvestoren bisher 245'000 Franken zusammen. Offenbar ein Tropfen auf den heissen Stein.
Am Pfingstsonntag folgte nun im SonntagsBlick der Artikel über den sofortigen Tourneestopp. Darin skizziert Adrian Steiner auch einen Rettungsplan. «The Dome» soll verkauft oder an einem festen Standort etabliert werden. Auf Tournee soll es künftig wieder mit dem bewährten, deutlich wirtschaftlicheren Chapiteau-Zelt gehen. Gleichzeitig gebe es Verhandlungen mit neuen Sponsoren im siebenstelligen Bereich.
«Ich bin überzeugt, dass wir mit einer verschlankten Materialstruktur und neuen Partnern ab September wieder auf Tournee gehen können. Wir machen nur eine Pause, um danach umso stärker und gesünder zurückzukehren», so Adrian Steiner.
Ringier Medien Schweiz ist aktuell mit Blick und Schweizer Illustrierte Medienpartner der «Das Zelt»-Shows.