Darum gehts
- Christian Jott Jenny zieht in SRF-Show Bilanz über seine Politikerzeit in St. Moritz
- Der Sänger trat sein Amt als Gemeindepräsident 2019 an und tritt Ende 2026 ab
- St. Moritz vergleicht er mit dem «Scheinriesen» aus dem Kinderbuch mit Jim Knopf
In der SRF-Talkshow «Gredig direkt» zieht der Ende 2026 abtretende St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny (47) über seine knapp achtjährige Dienstzeit Bilanz. «Sie dürfen mich jetzt schon alt Präsident in spe nennen», scherzt Jenny gegenüber Moderator Urs Gredig (56).
Seine aktuelle Situation sei eigentlich komfortabel. Er verdiene knapp 200'000 Franken pro Jahr, und es gebe keine Amtszeitbeschränkung.
«Doch ich habe oft beobachtet, dass Routine zu einer gewissen Bequemlichkeit führt. Man kennt die Materie, verliert aber die Neugier. Ich glaube sehr an Zyklen und auch, dass sich Personen abnutzen.»
Selbstironie als Überlebenshilfe
Besonders deutlich äussert sich der gebürtige Zürcher über die Besonderheiten «seiner» Gemeinde. «St. Moritz ist ein spezielles Dorf voller Widersprüche. Und auch ich habe viele Widersprüche in mir. Da ist etwas ganz Besonderes zusammengewachsen», so Jenny.
«Man muss unterscheiden zwischen dem Dörfli, das etwa gleich gross ist wie Eglisau ZH, und zwischen der Weltmarke. St. Moritz ist wie der Scheinriese im Kinderbuch mit Jim Knopf. Je näher man kommt, umso kleiner wird das Dorf. Und am Schluss geht es auch hier wie in anderen Gemeinden um Abwassergebühren und Verkehrsprobleme.»
Auf die Frage, wie viel Humor Politik erlaube, meint Jenny: «So ein Amt hält man nur mit sehr viel Selbstironie aus. Das war für mich die einzige Möglichkeit, zu überleben.»
Wenn die Lage ernst wurde, wie während der Corona-Pandemie, habe er diese Ernsthaftigkeit zu leben versucht. Doch habe er sich immer auch ein süffisantes Lächeln bewahrt.
«Ich war König und Hofnarr gleichzeitig, das trifft es gut. Ich finde den Hofnarren als Figur sehr spannend. Der darf Dinge sagen, für die andere Menschen geköpft würden. Ich spielte immer mit hohem Risiko. Und im schlimmsten Fall wäre ich hingestanden und hätte die Verantwortung übernommen. Ich habe stets mit einer Abwahl gerechnet.»
Grillo, Gnarr, Selenski und Jenny
Als Jenny im Herbst 2018 erstmals gewählt wurde, waren Querbesetzungen aus dem Unterhaltungsbereich in politische Ämter der letzte Schrei – siehe Beppe Grillo (77), Jón Gnarr (59) oder Wolodimir Selenski (48). «Ich wollte aber kein weiteres Experiment sein, ich wollte zeigen, dass es geht.»
Die zeitliche Nähe zu seiner Amtseinsetzung und jener von Selenski im Frühling 2019 sei eine merkwürdige Parallele gewesen. «Wir sind fast gleich alt und haben zuvor ähnliche Dinge gemacht, er ein wenig grösser als ich. Er wurde dann in eine Position gehievt, um die ich ihn nicht beneide. Ich habe allergrössten Respekt vor ihm.»
Er habe seine Aufgabe ohne grosse Vorbereitung angenommen. «Ich war mir von der Bühne her gewohnt, Dinge auszuprobieren. Doch dieses Amt hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Viele fanden, ich hätte keine Ahnung, was auf mich zukommt. Heute kann ich zugeben, dass das stimmte. Aber wenn alle genau wüssten, was sie erwartet, gäbe es für solche Posten gar keine Interessenten mehr.»
Angst, er werde auch nach seinem Abschied herumgeistern und seinen Nachfolgern Ratschläge erteilen, hat Jenny nicht: «Ich kann aufhören und loslassen», sagt er überzeugt.