Darum gehts
Rechts-rechts, links-links. Henrik (6) und Frederik (3) lassen ihre Schlägel über die kleinen Marschtrommeln hüpfen. Erst langsam, dann schneller. Ihr Vater Erik Julliard (50) hängt sich die Basler Fasnachtstrommel um und steigt in den Rhythmus ein.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Die Trommelwirbel schallen laut durchs ruhige Einfamilienhaus-Quartier in Oberwil BL. In der Nachbarschaft hebt deswegen niemand die Augenbrauen. Ob im Garten oder im Musikkeller des grosszügigen Steinhauses: Solche Szenen gehören bei Familie Julliard zum Alltag dazu.
Aus Basel nicht mehr wegzudenken
Erik Julliard ist einer der besten Tambouren der Welt. Als Mitglied des Top Secret Drum Corps, Kopf hinter dem heutigen Glaibasler Charivari und Gründer der Basler Trommelakademie sorgt der Eventorganisator immer wieder für Wirbel. Einmal pro Jahr verwandelt seine Agentur Julliard Events den Basler Kasernenhof in eine internationale Musikarena.
Königliche Garden, Drum-Corps und traditionelle Tanzgruppen aus aller Welt treten in den elf Shows und an der Parade auf. 200 000 Menschen sehen sich das Spektakel an. Aus der Basler Kulturlandschaft ist der Anlass nicht mehr wegzudenken.
Hinter den Kulissen sind 400 Helfende, ein 50-köpfiges Organisationskomitee und 15 Mitarbeitende beschäftigt. Das Basel Tattoo bucht 12 000 Hotelübernachtungen und organisiert 35 000 Mahlzeiten. Es fliessen 47 000 Liter Bier, und die Bar verbraucht 430 Kilogramm Limetten. Und mit einer geschätzten Wertschöpfung von 25 Millionen Franken pro Jahr ist das Tattoo längst auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region.
Von Roger Federer bis Queen Elizabeth
Für das diesjährige Festival vom 17. bis 25. Juli hat Erik Julliard alle Hände voll zu tun – es ist die Ausgabe zum 20. Jubiläum. Gleich nach dem mittäglichen Trommelwirbel muss er wieder los zu einem Meeting. «Könnt ihr mir eine Krawatte raussuchen?», fordert er seine Buben auf. Die stürmen euphorisch ins Ankleidezimmer. Zwischen Hunderten farbenfrohen Langbindern zu stöbern, finden sie fast noch lustiger als Krachmachen im Garten.
Erik Julliard geht unterdessen ins Bad, um sich fertig zu machen. Er gibt etwas Zahnpasta auf seine Bürste und beginnt, sich die Zähne zu putzen. So weit, so normal. Das Spiegelbild der Szene ist hingegen alles andere als alltäglich: Roger Federer, Sean Connery, Arthur Cohn, Beat Jans und sogar die Queen spiegeln sich über dem Waschtisch.
Die Wände der Toilette sind tapeziert mit Fotos einflussreicher Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur, die ihm auf seinem Weg zur Basler Event-Ikone die Hand schüttelten. Für seine Hall of Fame habe er ganz bewusst das stille Örtchen gewählt, sagt Erik Julliard verschmitzt. «So haben Gäste Zeit, die Bilder anzuschauen.»
Daher kommt der Name
Das Basel Tattoo ist – nach dem Mutterfestival in Edinburgh – mittlerweile das zweitgrösste Tattoo der Welt. Dennoch sorgt der Name in der Schweiz immer wieder für Verwirrung, gibt Julliard zu. «Vielen Menschen kommt, wenn sie Tattoo hören, erst einmal die traditionelle Hautverzierung in den Sinn. Mein Tattoo stammt allerdings nicht vom polynesischen ‹tatau› ab, sondern vom holländischen ‹doe den tap toe›. Das bedeutet: Zapfenstreich.»
Der heutige Millionenanlass begann denkbar unspektakulär: Als Julliard zwölf Jahre alt war, schenkte seine Mutter seinem Vater zum Hochzeitstag einen Ausflug ans Tattoo in Schottland. «Ich fand die Idee damals doof. Aber rückblickend entspringt diesem Erlebnis und den darauffolgenden Familienausflügen nach Edinburgh meine Leidenschaft für die schottische Kultur.»
Zwei Herzen im Takt
Dass das Basel Tattoo gern auch als Militärmusikfestival bezeichnet wird, findet Julliard nur bedingt passend. «Natürlich gehören militärische Formationen zum Programm. Aber diese Bezeichnung deckt die Vielfalt des Festivals nicht ab. Wir haben auch jedes Jahr traditionelle Kapellen und Tanzformationen auf der Bühne.»
Diesem Umstand verdankt Erik Julliard auch sein Familienglück. 2006 war er mit dem Top Secret Drum Corps am Royal Military Tattoo in Edinburgh zu Gast. Seine Frau Stephanie, eine Kanadierin mit schottischen Wurzeln, trat dort als Highland-Tänzerin auf. Sie pflegt diese Tradition seit Kindertagen. «Wir fanden uns gegenseitig ein wenig unsympathisch», erinnert sie sich.
«Für uns das grösste Glück»
Doch die Tattoo-Gemeinschaft ist fast wie eine weltweite Familie. Man läuft sich immer wieder über den Weg. Und so entstand nach mehreren Treffen über die Jahre aus der anfänglichen Ablehnung die grosse Liebe.
Mittlerweile ist das Paar seit neun Jahren verheiratet und auch beruflich verbandelt: Stephanie hat die künstlerische Leitung der Canadiana Celtic Highland Dancers übernommen. Dass dabei die Grenze zwischen Beruf und Familienleben manchmal ein wenig verschwimmt, stört das Paar nicht. «Es ist für uns das grösste Glück, unsere Leidenschaft teilen zu dürfen.» Nicht nur miteinander, sondern manchmal auch mit der Nachbarschaft. Oder mit der ganzen Welt.