Darum gehts
- Lutz van der Horst präsentiert in Zürich seinen Roman «Konfetti-Blues»
- Sein Buch mit fiktiven und autobiografischen Zügen brauchte 20 Jahre
- Der 50-Jährige kämpft mit Selbstüberwindung als Reporter in der «Heute-Show»
Lutz van der Horst sagt mit sanftmütigem Blick und zurückgelehnt, er sei keiner, der gerne unangenehme Fragen stelle. Ähm, meint er das wirklich ernst? Diese Frage stellt sich in unserem Gespräch nicht nur einmal. Im konkreten Fall wird aber schnell klar: Seine Auftritte als hartnäckiger Aussenreporter in der «Heute-Show» (ZDF) kosten den 50-Jährigen tatsächlich sehr viel Überwindung.
Denn privat sei er ein eher zurückhaltender, sensibler Zeitgenosse, wie er sagt. Aber erst mal zum Grund seines Besuchs in Zürich: dem «Konfetti-Blues». So heisst sein Debütroman rund um den erfolglosen Comedyautor Max, mit dem van der Horst derzeit auf Lesetour ist. Max hat allen Grund, in Selbstmitleid zu versinken: Seine Show wurde abgesetzt, die Liebe ist eine Qual, der Weg zum Happy End gepflastert mit herrlich-absurden und ebenso tiefsinnigen Momenten.
Wie viel Lutz steckt in Max?
Natürlich fragt man sich beim Lesen ständig: Wie viel Lutz steckt in Max? Er schmunzelt: «Glauben Sie mir, es hat nicht ohne Grund so lange gedauert, bis das Buch erschienen ist.» 20 Jahre, um genau zu sein. Die Veröffentlichung brauchte Mut. «Ich schreibe über Alkoholexzesse, über Drogen, Krisen, queere Themen – es geht ordentlich zur Sache. Und das im Umfeld eines Comedian. Klar besteht da die Gefahr, dass die Leute alles auf mich projizieren.»
Die Geschichte sei jedoch fiktiv – wenn auch mit autobiografischen Zügen. Welche das sind, lässt er genüsslich offen. Immerhin: Genau wie Max steckte auch Lutz in einer Sinnkrise, hatte in den Nullerjahren sein kleines Büro über einem Kölner Pornokino und schrieb Texte für dümmliche Pannenshows auf deutschen Privatsendern. «Wenn du zum hundertsten Mal bewitzeln sollst, wie eine übergewichtige Frau auf einer Eisfläche ausrutscht, drehst du durch!» Allen Widrigkeiten zum Trotz hielt der studierte Germanist und Anglist an seinem Showbiz-Traum fest. «Meine Eltern konnten einem leidtun», sagt er lachend und erzählt, wie Klein Lutz im Kinderzimmer stundenlang Samstagabendkisten nachspielte.
Die Vermutung liegt nahe, dass auch «Wetten, dass …?» darunter war, kommt die Show doch im Buch prominent vor. Sein Blick wird ernst, er zupft das Pink-Floyd-T-Shirt zurecht und holt tief Luft: «Da haben Sie einen wunden Punkt getroffen …» Dass man ihn als Nachfolger von Thomas Gottschalk übergangen und stattdessen die Kaulitz-Brüder gewählt habe, sei ein herber Schlag gewesen. «Ich will diese Show, seit ich denken kann! Nun lässt man mich warten, bis Bill und Tom sie in den Sand gesetzt haben.» Er sagt das in einem Tonfall, der einen kurz zweifeln lässt, ob es sich wirklich nur um Selbstironie handelt. «Mit diesem Buch», lenkt er ab, «kann ich nach 15 Jahren auch mal eine andere Seite von mir zeigen als jene in der ‹Heute-Show›.»
«Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat»
Doch warum, um Himmels willen, heftet sich einer wie er, der vor Drehs oft kaum schlafen kann, überhaupt mit bissigen Fragen an die Fersen von Politikerinnen und Politikern? Und lässt in den Specials mit Kumpel Fabian Köster (30) die Gesprächspartner gnadenlos auflaufen? Er fährt mit der Hand durch die unverwechselbare Strubbelfrisur. Es sei nun mal nicht die Idee von Satire, mit Politikern gemütlich ein Käffchen zu trinken. «Im Idealfall macht es dem Gegenüber ja auch Spass!» Wobei das zugegebenermassen eher selten der Fall sei. «Im Ernst, wir bewegen uns tatsächlich auf einem schmalen Grat.» Was sagt er zum Vorwurf, bei der «Heute-Show» gehe es vermehrt um Spott und Häme? «Diese Kritik müssen wir ernst nehmen.»
Der Balanceakt, über ein relevantes Thema zu berichten und das Publikum gleichzeitig zu amüsieren, sei enorm schwierig. «Auf der anderen Seite schaffen wir es, dass sich Menschen, die man über klassische Nachrichten nicht mehr erreicht, wenigstens dank uns über politische Themen Gedanken machen.» So erzählte ihm kürzlich ein junger Mann, der sich in der Lokalpolitik engagiert, dass es auch die «Heute-Show» gewesen sei, die sein Interesse daran weckte. Ein solches Feedback sei «ein Geschenk», freut sich Lutz van der Horst. Das motiviere ihn, trotz Selbstüberwindungskämpfen weiterzumachen. «Zumindest so lange, bis ‹Wetten, dass …?› anruft.»