Darum gehts
- Der Astrophysiker Hakan Kayal bewertet UFO-Sichtungen und ausserirdisches Leben kritisch
- Er fordert transparente Forschungen mit belastbaren Daten und ergebnisoffenem Ansatz
- Beide Szenarien möglich: Signal aus dem All oder direkter Kontakt auf der Erde
Blick: In «Disclosure Day» gerät die Welt aus den Fugen, als Hinweise auftauchen, dass Regierungen möglicherweise mehr über unerklärliche Phänomene wissen, als sie bisher zugegeben haben. Wie realistisch ist dieses Grundszenario aus wissenschaftlicher Sicht – und wo beginnt für Sie die reine Hollywood-Fantasie?
Hakan Kayal: Dass Regierungen oder Behörden über bislang unveröffentlichte Daten zu ungewöhnlichen Beobachtungen verfügen könnten, ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass es sich um Hinweise auf ausserirdische Technologien handelt. Zwar lässt sich eine solche Möglichkeit nicht kategorisch ausschliessen, bislang gibt es dafür jedoch keine eindeutigen wissenschaftlich belastbaren Belege. Genau an dieser Stelle beginnt die Hollywood-Fantasie.
Der Film stellt auch die Frage, ob die Menschheit überhaupt bereit wäre für die Wahrheit, dass wir nicht allein im Universum sind. Glauben Sie, die Öffentlichkeit könnte mit einer solchen Nachricht rational umgehen – oder würden Angst, Verschwörungstheorien und Misstrauen überwiegen?
Welche Auswirkungen eine solche Nachricht hätte, hängt – wie entsprechende Arbeiten von Experten zeigen – stark davon ab, wie weit entfernt oder wie unmittelbar der Kontakt zu einer möglichen ausserirdischen, nicht-menschlichen Intelligenz wäre. Die Nachricht über ein Radiosignal aus einem fernen Sternsystem hätte eine völlig andere Wirkung als die Nachricht über den Nachweis einer Technosignatur auf der Erde.
Das heisst?
Kurzfristig wären sicherlich starke emotionale Reaktionen, intensive Medienberichterstattung und zahlreiche Spekulationen zu erwarten. Langfristig gehe ich jedoch davon aus, dass die Gesellschaft mit einer wissenschaftlich belegten Entdeckung ähnlich umgehen würde wie mit anderen grossen Erkenntnissen der Menschheitsgeschichte. Entscheidend wären Transparenz, internationale Zusammenarbeit und eine klare wissenschaftliche Kommunikation.
Steven Spielberg spielt mit der Vorstellung, dass Hinweise auf ausserirdische Intelligenz seit Jahren vor unseren Augen liegen könnten, ohne dass wir sie richtig einordnen. Macht Sie das nachdenklich?
Es sind weniger einzelne Beobachtungen als vielmehr die grosse Zahl und Beharrlichkeit entsprechender Meldungen über viele Jahrzehnte hinweg, die teilweise aus sehr ernstzunehmenden Quellen stammen.
Aber?
Die lange Zeit bestehende Stigmatisierung des Themas hat dazu beigetragen, dass viele dieser Fälle nicht mit der notwendigen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit und Transparenz untersucht wurden. Dadurch befinden wir uns heute in der Situation, dass belastbare Daten weitgehend fehlen und eine umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema vielerorts erst beginnt.
Was fehlt uns denn noch?
Ich halte es für eine Frage wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung, ernstzunehmenden Fällen nachzugehen und ihre Ursachen objektiv zu klären. Dafür benötigen wir frei zugängliche, wissenschaftlich belastbare Daten sowie eine ergebnisoffene Forschung mit ausreichenden Ressourcen. Meiner Ansicht nach sollten wir auch bei der Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen unseren Suchhorizont erweitern. Wenn wir nur nach den Signalen suchen, die wir erwarten, laufen wir Gefahr, etwas Grundlegendes zu übersehen. Deshalb plädiere ich dafür, gezielt auch nach Anomalien Ausschau zu halten.
Was halten Sie für wahrscheinlicher: Dass wir in den nächsten Jahrzehnten ein technisches Signal ausserirdischer Intelligenz empfangen – oder dass es zu einer Beobachtung kommt, die die Menschheit unmittelbar und öffentlich mit dem Unbekannten konfrontiert?
Ich halte grundsätzlich beides für möglich.
Die vielleicht grösste Frage von «Disclosure Day» lautet: Was würde die Wahrheit mit uns machen? Ich gebe sie Ihnen gerne weiter.
Die erste grosse Konsequenz wäre vermutlich ein grundlegender Perspektivwechsel, vielleicht sogar eine weitere Relativierung unseres Selbstverständnisses als Menschheit. Respekt sollten wir insbesondere vor den sozialen, politischen und kulturellen Folgen einer solchen Entdeckung haben. Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass die Menschheit auch tiefgreifende Veränderungen ihres Weltbildes letztlich bewältigt hat. Die Frage, welchen Respekt wir vor möglichen Besuchern selbst haben sollten, kann derzeit niemand seriös beantworten. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir versuchen sollten, uns auf möglichst viele denkbare Szenarien vorzubereiten. Vorbereitung ist in jedem Fall besser, als von einer solchen Entwicklung vollkommen überrascht zu werden.