Darum gehts
- Interview mit Emily Blunt und Colman Domingo zu «Disclosure Day»
- Hollywoodstars feiern gemeinsam und scherzen über Katerstimmung während Interviews
- Filmvorführung in London: Sicherheitsmassnahmen und 9 Uhr Startzeit
Ich bin ehrlich: Natürlich hätte ich gerne Steven Spielberg (79) getroffen. Der Regisseur hat meine Kindheit und Jugend geprägt, mich auf die Schatzsuche mitgenommen und mir gezeigt, wo die Dinosaurier leben. Sein Name gehörte in den 1990ern zum Früh-Wortschatz derjenigen, die um 20 Uhr fernsehen durften. Spielberg schuf – mit der Ausnahme von «Schindlers Liste» – Fantasiewelten, in die man barrierefrei eintauchen und darin seine Längen ziehen konnte.
Für ein Kind wie mich, das nie ein Buch in die Hand nahm, war er immer derjenige, der mir und Millionen anderer Millennials aufzeigte, was vielleicht nicht ist, aber sein könnte. Spielberg würde ich lebenslang jeden Kino-Flop verzeihen; und als ich vor ein paar Monaten die (lose) Anfrage bekam, ihn im Rahmen seines neuen Films «Disclosure Day» zu treffen, konnte ich ehrlich gesagt für einige Stunden an nichts anderes mehr denken. Es kam anders – und vielleicht noch besser.
Spielbergs Sci-Fi-Thriller handelt von Daniel (Josh O’Connor, 36), der Alien-Daten stiehlt. Zusammen mit Meteorologin Margaret (Emily Blunt), die telepathische Kräfte entwickelt, plant er die globale Enthüllung. Kopf dieser Whistleblower-Operation ist Hugo (Colman Domingo), der im Hintergrund die Fäden zieht, um den alles entscheidenden Tag der Wahrheit zu ermöglichen.
Spielbergs Sci-Fi-Thriller handelt von Daniel (Josh O’Connor, 36), der Alien-Daten stiehlt. Zusammen mit Meteorologin Margaret (Emily Blunt), die telepathische Kräfte entwickelt, plant er die globale Enthüllung. Kopf dieser Whistleblower-Operation ist Hugo (Colman Domingo), der im Hintergrund die Fäden zieht, um den alles entscheidenden Tag der Wahrheit zu ermöglichen.
Frühmorgendliches Monumental-Kino
Für den Film des Jahres interessieren sich neben mir noch Hunderte andere Journalistinnen und Journalisten – und zumal es sich um sein Spätwerk handelt, wollen selbstredend alle mit dem Grossmeister sprechen. Wenige Tage vor dem eigentlichen Termin bekam ich eine Zusage: Mit Spielberg habe es leider nicht geklappt, dafür könne ich Emily Blunt (43) und Colman Domingo (56) treffen. Die Interview-Zeit sei begrenzt. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass sich jedes erdenkliche Medium um ein bisschen Redezeit mit Schauspielern zankt, die vermutlich bei den nächsten Oscars in die Kränze kommen. Da will ich auf jeden Fall dabei sein.
Es muss schnell gehen, das Programm ist tough. Donnerstagabend Flug nach London, Freitagmorgen Filmvorführung, kurze Pause, Interviews, Rückflug. In Zürich wartet der Jet auf seine Freigabe, letzte Notizen auf dem Weg zur Startbahn – den Film habe ich da noch gar nicht gesehen. Aliens, Big Data, das ist alles, was ich bis anhin über «Disclosure Day» weiss. Das Taxi vom City-Airport zum Hotel ist teuer. Um 22.30 Uhr Schweizer Zeit bin ich im Hotel direkt am Piccadilly Circus. Die Fish 'n' Chips kurz vor der Bettruhe waren gut, aber liegen schwer im Magen, Einschlafen kaum möglich. Worüber spreche ich mit Emily Blunt?
Nach einer kurzen Nacht sitze ich bereits um 9 Uhr morgens in einem riesigen Kinosaal, ausserdem sind eine Handvoll Journalistinnen und Journalisten aus Italien und den Niederlanden da. Mein Handy musste ich zuvor in einen giftgrünen, versiegelbaren Sicherheitsbeutel legen; die Produktionsfirma legt allergrössten Wert darauf, dass keine Film-Infos an die Öffentlichkeit geraten. Nach zweieinhalb Stunden morgendlichem Monumental-Kino torkle ich leicht benommen zurück ins Hotel und schreibe meine Interviewfragen für die Hollywoodstars in meinen Notizblock.
«Du hast tolle Haare!»
Ganz ehrlich: Der Part zwischen Filmvorführung und den eigentlichen Gesprächen ist ziemlich unromantisch. Die Interviews finden an diesem Tag in einem 5-Sterne-Hotel statt, etwa einen Kilometer von meiner Unterkunft entfernt. Die Produktionsfirma hat für mehrere Tage ein fast komplettes Stockwerk gebucht, dort mehrere professionelle TV-Studios eingerichtet. Zudem gibt es Zimmer für die Filmcrew und einen Warteraum für uns Journalisten. Ich sitze neben einer angespannten Kollegin aus Italien, die seitenweise Merkzettel durchgeht. Von nun an heisst es warten – dass man tatsächlich zur anberaumten Zeit drankommt, ist fast nie der Fall. Ausser heute: «Laszlo, Emily und Colman sind bereit für dich!»
Jetzt beginnt der Fiebertraum. Fünf Minuten Gesprächszeit, ein vollausgestattetes TV-Studio, perfekt geschminkte Hollywood-Grössen. Colman Domingo streckt mir die Hand entgegen – und meine Stimme versagt bei der Begrüssung. «Du hast tolle Haare!», sagt mir Emily Blunt. Das Eis ist gebrochen.
«Nur, weil du einen Kater hast!»
«Würden Sie lieber mit einer unbequemen Wahrheit oder einer tröstlichen Lüge leben?», konfrontiere ich Colman Domingo mit einer der Kernfragen des Films. Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist entwaffnend, das Gespräch wird immer wieder von einer wunderbar ansteckenden Heiterkeit durchbrochen. «Heute definitiv die tröstliche Lüge», gesteht er schmunzelnd. «Ich schätze die Leichtigkeit des Lebens – man muss nun wirklich nicht jedes Geheimnis ergründen.» Emily Blunt fällt ihm amüsiert ins Wort: «Aber auch nur, weil du heute einen Kater hast!» Prompt räumt sie selbst ein: «Um ehrlich zu sein, bin auch ich etwas angeschlagen. Wir haben gestern zusammen gefeiert, und ich versuche kläglich, das auf die feine englische Art zu kaschieren.» Meinen augenzwinkernden Vorschlag, die Lebensgeister mit einem Konter-Prosecco zu wecken, finden beide absolut fabelhaft.
Im Rückblick verblasst die leise Enttäuschung über das verpasste Spielberg-Treffen. Zwischen den folgenden (kurzen) philosophischen Exkursen über kosmische Demut, das grosse Unbekannte und das fragile Konstrukt aus Wahrheit und Lüge entpuppten sich Blunt und Domingo als kongeniale Gegenüber: scharfsinnig, herrlich geerdet und so wunderbar fehlbar wie du und ich. Bessere Gesprächspartner hätte ich mir nicht wünschen können. «Wir lieben deine Frisur», ruft mir Colman Domingo beim Hinausgehen zu.