Darum gehts
- Prinz Andrew wurde in Norfolk verhaftet und später wieder freigelassen
- Er ist verdächtigt, Epstein vertrauliche Informationen weitergegeben zu haben
- Nur 45 Prozent der Briten unterstützen die geschwächte Monarchie weiterhin
Es ist eines dieser Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen: Andrew Mountbatten-Windsor (66), freigestellter Prinz, sitzt verstört auf der Rückbank eines Fahrzeugs, elf Stunden nach seiner Verhaftung. Ein Reuters-Fotograf drückte im entscheidenden Moment auf den Auslöser, kurz nach Andrews Entlassung aus der Polizeistation am Donnerstagabend.
Am Morgen hatten ihn Beamte aus einem königlichen Anwesen in der Grafschaft Norfolk geführt – rein in die Polizeiwache von Aylsham, einer Gemeinde mit 6000 Einwohnern. Vermutlich werde er bis zur Einvernahme in eine Zelle gebracht, ausgestattet nur mit Bett und Toilette, erklärte ein Polizeiexperte live auf BBC. Andrew wurde an diesem Tag 66 Jahre alt.
Es ist der vorläufige Tiefpunkt im Leben des gefallenen Royals. Andrew, der britische Thronfolger an achter Stelle, galt einst als Lieblingssohn von Queen Elizabeth II. (1926–2022). Mit seiner schelmischen Art brachte er sie zum Lachen, so hiess es. Später diente er als ausgebildeter Helikopterpilot im Falklandkrieg, wurde als Kriegsheld gefeiert. Die Winter verbrachte er in seinem Ferienhaus in Verbier VS, als gern gesehener Gast. Jetzt ist er dringend verdächtig in einem Verfahren wegen Amtsmissbrauch. Bei einer Verurteilung drohen ihm mehrere Jahre Haft.
Die Briten verlangen Antworten
«Andrews tiefer Fall», titeln die Medien in den Tagen nach seiner Festnahme. Und die Welt fragt sich: Reisst er das britische Königshaus mit in den Abgrund? Schon seit Jahren verliert die Monarchie an Zustimmung. Nur noch 45 Prozent der Briten stehen hinter ihr, wie die jüngste Umfrage zeigt. Sie erschien noch vor Andrews Verhaftung, die nun den Gegnern des Adels weiter Auftrieb verschafft.
Vor den Toren des Buckingham-Palasts steht ein junger Mann. Er blickt hinauf zum Sitz der britischen Krone und sagt: «Ich bin gewiss nicht der grösste Fan der Monarchie.» In London sind solche Stimmen derzeit leicht zu finden. Die Weltmetropole, ja das ganze Vereinigte Königreich, scheint mit der Dynastie zu ringen. Eine Frau, auf Andrew angesprochen, sagt, was wohl viele denken: «Ich hoffe, sie schauen sich die Sache ganz genau an.»
Die Menschen verlangen Antworten. Doch die Ermittlungen dauern an, und die Polizei hält sich in ihren Mitteilungen zurück. Selbst die konkreten Vorwürfe hat die zuständige Behörde von Thames Valley bislang nicht kommuniziert. Die Ermittlungen dürften jedoch im Zusammenhang mit den Epstein-Files stehen. So soll Andrew in seiner Zeit als britischer Handelsbeauftragter von 2001 bis 2011 unter anderem vertrauliche Dokumente an den New Yorker Sexualstraftäter weitergeleitet haben.
Die Strategie des Königs
Noch ist keine Anklage erhoben worden. Und selbst wenn: Die Hürden für eine Verurteilung sind hoch, wie britische Rechtsexperten betonen. Andrew müsste nachgewiesen werden, dass er vorsätzlich handelte und dadurch ein konkreter Schaden entstand. So oder so bleibt der Imageschaden aber kolossal. Und die Schlagzeilen reissen nicht ab.
Das britische Königshaus erlebt eine seiner schwersten Krisen in Jahrzehnten. König Charles III. (77) versucht zu retten, was zu retten ist. Die Behörden hätten «unsere volle und uneingeschränkte Unterstützung», erklärte der König kurz nach der Festnahme seines Bruders. «Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.» Sympathien für Andrew liess Charles keine durchblicken. In seiner Stellungnahme vermied er das Wort «Bruder», als würde er den Paria-Prinzen am liebsten aus dem Stammbaum radieren, wenn er denn könnte.
Es ist Charles' Verteidigungsstrategie. Maximale Distanz zum befleckten Familienmitglied. Prinz William (43) und Prinzessin Catherine (44), die ranghöchsten Vertreter des Hauses, stehen offenbar hinter dieser Linie. Viel mehr bleibt ihnen nicht übrig. Sämtliche Titel und Ehren haben sie Andrew schon genommen, ihn vor drei Wochen aus seinem alten Palast Royal Lodge gedrängt und ihn aus dem öffentlich inszenierten Hofleben verbannt.
Was wussten die Royals?
Doch der König und seine Entourage mögen sich noch so um Rechtschaffenheit bemühen – so schnell entkommen sie dem Epstein-Monster nicht. Zu viele Fragen drängen sich auf. Die heikelste lautet: Was haben die Royals über die Freundschaft von Andrew und Epstein gewusst?
Seit mehr als 15 Jahren gibt es Hinweise, dass Andrew im engen Kreis eines verurteilten Sexualstraftäters verkehrte. Später kamen Missbrauchsvorwürfe hinzu. Schon im Dezember 2010 tauchte ein erstes Foto auf, das Andrew und Epstein Seite an Seite zeigt, beim Spaziergang im New Yorker Central Park. Es entstand kurz nach Epsteins Haftentlassung.
2011 folgte der nächste Skandal. Eine britische Zeitung veröffentlichte ein Bild, auf dem Andrew seinen Arm um die damals 17-jährige Virginia Giuffre (1983–2025) legt, aufgenommen im Jahr 2001. Im Hintergrund ist Ghislaine Maxwell (64) zu sehen, Epsteins Komplizin. Weitere kompromittierende Bilder wurden durch die Epstein-Akten publik. Eines zeigt Andrew auf allen vieren, über eine Frau am Boden gebeugt.
Epstein soll dem damaligen Prinzen junge Frauen zugeführt haben. Giuffre schrieb in ihren Memoiren, sie sei dreimal zu Sex mit Andrew gezwungen worden. Er bestritt die Vorwürfe und bezeichnete das Foto mit Giuffre als Fälschung. Einen offiziellen Prozess vermied Andrew dann aber. Mit Giuffre einigte er sich aussergerichtlich auf einen Vergleich über zwölf Millionen Pfund. Bis heute ist nicht abschliessend geklärt, woher das Geld dafür stammte. War es das Königshaus und damit indirekt der britische Steuerzahler, der Andrew letztlich freigekauft hat?
Ein neuer Tiefpunkt
Die Royals schweigen sich über diese und weitere Fragen aus. The show must go on. Als Institution dürften sie denn auch überleben. Nur das britische Parlament kann die Monarchie zu Fall bringen und ein entsprechender Entscheid zeichnet sich nicht ab. Doch als moralische Instanz befindet sich das britische Königshaus auf einem neuen Tiefpunkt. Haus Windsor verkommt zur schmuddeligen Seifenoper.
Eigentlich sollten die Royals Identität stiften, als Kitt einer polarisierten Gesellschaft dienen. In einem Land, das seit dem Brexit und steigenden Lebenshaltungskosten fleissig die Regierungsspitze austauscht. Und nun mit Keir Starmer (63) einen Premierminister hat, der selbst im Sumpf des Sexualstraftäters gelandet ist, weil er einen weiteren, ehemaligen Freund Epsteins zum Botschafter in den USA ernannte.
Statt gesellschaftliche Ideale zu verkörpern, taumelt der Adel im Strudel des Andrew-Skandals. Ein einstiger Prinz, entzaubert durch seine Abgründe. Vielleicht ist das die nachhaltigste Folge der Epstein-Files, die nebst dem britischen Königshaus auch viele weitere Würdenträger erfasst haben. Die Monarchie mag überleben. Aber auch das Bild des gefallenen Prinzen auf der Rückbank wird bleiben.