Darum gehts
- Schweizer Regisseurinnen lancieren Leitfaden für das Drehen von intimen Szenen
- Empfohlen werden geeignete Casting-Räumlichkeiten und «Closed Sets»
- Der Leitfaden richtet sich an Prouktionsfirmen und Filmcrews in der Schweiz
Wiederholt gab es in letzter Zeit heftige Diskussionen um bereits bestehende Filmszenen, bei denen die Integrität von Schauspielerinnen und Schauspielern verletzt worden war.
Einer der bekannten Fälle: Nastassja Kinski (65) gegen Wim Wender (80). Kinski kämpfte jahrelang darum, dass eine Nacktszene mit ihr aus seinem Film «Falsche Bewegung» von 1975 gelöscht wird. Sie war damals 13. Letzte Woche gipfelte die Debatte in Wenders Zusicherung, sein Werk vorerst zurückzuziehen.
Passend dazu ist in der Schweiz kürzlich der erste nationale «Leitfaden für das Drehen von intimen Szenen» erschienen. Er soll Produktionsfirmen und Filmcrews als Orientierungshilfe dienen, um heikle Situationen in Zukunft gar nicht erst entstehen zu lassen.
Weinstein, Wedel und die Schweiz
Im 54-seitigen Papier wird auch die Arbeit mit Intimitätskoordinatorinnen und –koordinatoren beschrieben, deren Einsatz mittlerweile auf breite Akzeptanz stösst.
Initiiert wurde das Projekt von den Regisseurinnen Jasmin Gordon (48, «Les courageux») und Katalin Gödrös (56, «Jakobs Ross») sowie Intimitätskoordinatorin Nathalie Egea (56). Auch ausländische Leitfäden und die Aussagen von Fachleuten flossen ein. Die Finanzmittel stammten von verschiedenen Branchenverbänden und Stiftungen.
Der Leitfaden setzt bereits in der Vorproduktion beim Castingprozess ein. Explizite Vorfälle bei Vorstellungsterminen in Hotelzimmern oder Privatwohnungen sind allgemein bekannt.
Aus Hollywood mit Figuren wie Produzent Harvey Weinstein, aber auch aus Deutschland mit Regisseur Dieter Wedel (1939–2022). Und 2022 machte «SRF Investigativ» frühere Übergriffe eines Schweizer Regisseurs bei einem Casting publik.
Im entsprechenden Abschnitt des Leitfadens steht: «Das Vorsprechmaterial sollte keine intimen Momente beinhalten. Wenn für eine Rolle Nacktheit oder simulierte sexuelle Handlungen vorgesehen sind, müssen die Darstellerinnen und Darsteller zum Zeitpunkt der Bewerbung bei der Castingeinladung schriftlich über den spezifischen Inhalt und Kontext informiert werden.»
Als geeignete Vorsprech-Lokalitäten werden professionelle Räumlichkeiten empfohlen. «Die Bewerberinnen und Bewerber werden nie aufgefordert, sich zu entkleiden, eine sexuelle Handlung zu simulieren oder sich zu küssen.»
Empfohlen werden «Closed Sets»
Zum eigentlichen Dreh heisst es: «Während Dreharbeiten zu einer intimen Szene verlangt die bewährte Vorgehensweise ein Protokoll für einen geschlossenen oder reduzierten Dreh – ein sogenanntes ‹Closed Set› – anzuwenden.»
Anwesend sein sollen nur die für die Dreharbeiten der intimen Szene erforderlichen Personen. «Monitore und Audio-Feedback-Geräte sind ausgeschaltet, mit Ausnahme derjenigen, die von den anwesenden Personen verwendet werden. Das Aufnehmen von Bildern mit privaten Geräten während intimer Szenen muss von der Produktion unterbunden werden.»
Auch das Thema «Arbeit mit Minderjährigen» wird behandelt: «Bei Projekten, in denen Minderjährige vorkommen und deren Handlung explizite sexuelle Intimität oder sexuelle Gewalt jeglicher Art beinhaltet, müssen erzählerische Entscheidungen getroffen werden, die die Anwesenheit von Minderjährigen am Drehort vermeiden, etwa durch erzählerische Sprünge, akustische Mittel oder die Verwendung der Kameraperspektive der Minderjährigen. Eine weitere Möglichkeit besteht im Einsatz erwachsener Doubles.»
Das jetzt veröffentlichte Dokument soll alle zwei Jahre einer Prüfung und Aktualisierung unterzogen werden.