Der deutsche Star-Regisseur Wim Wenders im Interview
«Ich versuche, hinter die Dinge zu sehen»

Filmemacher Wim Wenders ist ein Chamäleon – was er anfasst, wird zu Kunst. Mit einer Dokumentation über den polarisierenden Maler und Bildhauer Anselm Kiefer hat er ein Wagnis unternommen. Ein Gespräch über Vornamen, Kritik und Religion.
Publiziert: 15.10.2023 um 16:00 Uhr
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Aktualisiert: 15.10.2023 um 20:28 Uhr
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Der deutsche Regisseur Wim Wenders gehört zu den Besten seiner Klasse.
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Filme sollen eine Geschichte erzählen. Fiktive Werke orientieren sich oft an den Regeln der antiken griechischen Tragödie (oder an den Dogmen Hollywoods), sie zielen auf eine Klimax, einen erzählerischen Höhepunkt, den sie in der Folge auflösen. Sie stilisieren ihre Figuren zu (Anti-)Heldinnen und (Anti-)Helden, die einen heroischen Tod sterben oder heiraten – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Andere Filme folgen dem dokumentarischen Auge der Kamera; die Abbildung der Wirklichkeit im Blick. Fiktion und Dokumentation sind zwei Erzählmodi, die nur wenige Filmemacher zu gleichen Teilen perfektioniert haben. Als einer der besten seiner Klasse gilt der deutsche Regisseur Wim Wenders (78). Zeugnisse seiner Leistung sind beispielsweise der Regiepreis für das Fantasydrama «Der Himmel über Berlin» 1987 in Cannes oder eine Oscarnomination 2015 für die Doku-Produktion «Das Salz der Erde» über das Leben und Werk des brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado (79). Wim Wenders – ein Tausendsassa, ein Film-Heiliger?

Die Gestalt des gebürtigen Düsseldorfers hat tatsächlich etwas Erhabenes. Als er SonntagsBlick trifft, erscheint er ganz in Schwarz. Ein schmaler Oberlippenbart ziert sein Gesicht, auf der Nase sitzt seine ikonische Hornbrille. Wenders war in Zürich, um am örtlichen Filmfestival ZFF seinen Dokumentarfilm «Anselm» über den kontroversen deutschen Maler und Bildhauer Anselm Kiefer (78) vorzustellen. Kiefer beschäftigt sich in seinem Werk mit dem Unheimlichen, mit Religion und Mystik – und der deutschen Geschichte während der NS-Zeit. Seine Arbeit, in der er oft seine bereits fertigen Gemälde und Skulpturen übermalt, sorgt gleichermassen für Kritik und Ablehnung. Und sie passt zu einem Filmemacher wie Wenders, der uns im Gespräch mit tiefer, ruhiger und pastoraler Stimme erklärt, warum er sich an ein so komplexes Werk wagt und wie er es mit der Religion hat.

Herr Wenders, in «Pina», dem Dokumentarfilm über die deutsche Tänzerin Pina Bausch (1940–2009), nennen Sie die Protagonistin beim Vornamen – dasselbe nun bei «Anselm». Es scheint mir, als wollten Sie die Personen für das Publikum so nahbarer machen.
Wim Wenders:
(Schmunzelt) Ich glaube, das hat damit nichts zu tun. Pina war für alle immer nur Pina. Es gab kaum jemanden, der sie «Frau Bausch» genannt hat. Und Anselm hiess schon als kleiner Junge eben nur Anselm. Der Name hat einfach einen schönen Klang. Er ist vielschichtig. Und er ist ein wunderbarer Anlass, sich einzulassen auf die Reise, zu der der Film den Zuschauer ja einlädt. Nicht vergessen: «Anselm» hat auch den Untertitel: «Das Rauschen der Zeit


Der Film ist aber doch sehr persönlich.
Natürlich ist Anselm drin, aber es geht nicht um ihn persönlich. Der Film ist kein Biopic. Es geht darum, was er alles gemalt hat, dass er nichts für un-malbar hält. Das kann die Astrologie sein, das können Mythen und Geschichte sein, es kann um Deutschland gehen, um Poesie oder Religion – aber auch um Atomphysik. Diese Vielfalt an Motiven kann man jemandem nicht erklären, wie wenn man ihn einen Katalog durchblättern lässt, man muss den Zuschauer darin aussetzen, er muss in dem Film eine Erfahrung machen. Deshalb habe ich den Film auch in 3D gedreht. Um die Leute teilhaben zu lassen an diesem Königreich des Anselm Kiefer.

Kiefer hält also alles für malbar – ist denn auch alles filmbar?
Im Prinzip ist alles, was er gemalt hat, auch filmbar, ja.

Das stelle ich mir bei der schier unermesslichen Grösse von Kiefers Werk gelinde gesagt als Herkulesaufgabe vor.
(lacht) War es auch. Bevor ich mir überhaupt vorstellen konnte, wie ich das mache, haben wir uns acht Tage lang jeden Tag hingesetzt und fünf, sechs, manchmal auch sieben Stunden geredet. Da hatte ich auch mein iPhone da liegen wie Sie jetzt. Wir hatten jeden Tag ein Thema: Mal ging es um Nachkriegszeit, mal um Frauen, oder um Kindheit. Ich habe ihn Löcher in den Bauch gefragt. Am Schluss war es so viel, dass mein Büro 1200 Seiten abtippen musste, das war dann meine Bibel.

Und irgendwann mussten Sie noch einen Film drehen.
Ich wusste vor allem noch nicht, womit anfangen. Wie Sie sagen: Es war unfassbar viel. Ich habe ihn auch gewarnt: «Anselm, da muss ich mehrfach kommen.» Das war ihm aber egal. Seine einzige Bedingung war, dass ihn der Film am Ende überrascht. Wir haben siebenmal über zwei Jahre gedreht, jeweils 8-10 Tage lang. In der ganzen Zeit habe ich geschnitten, zweieinhalb Jahre lang. Das hat dann Klarheit geschafft.

Persönlich: Wim Wenders

Der Deutsche Wim Wenders (78) gehört zu den bekanntesten Autorenfilmern der Gegenwart. Als Sohn eines Chirurgen wuchs er in Düsseldorf und in Oberhausen im Ruhrgebiet auf und näherte sich nach einem Medizinstudium immer mehr dem Film an. Zu seinen berühmtesten Werken gehören «Paris, Texas» (1984) oder «Der Himmel über Berlin» (1987), der Hauptdarsteller Bruno Ganz zu internationaler Bekanntheit verhalf. Für sein Werk hat Wenders unzählige Preise erhalten. Seit 1993 ist er mit Donata Wenders (58) verheiratet. Wenders ist kinderlos.

Wim Wenders
DUAS

Der Deutsche Wim Wenders (78) gehört zu den bekanntesten Autorenfilmern der Gegenwart. Als Sohn eines Chirurgen wuchs er in Düsseldorf und in Oberhausen im Ruhrgebiet auf und näherte sich nach einem Medizinstudium immer mehr dem Film an. Zu seinen berühmtesten Werken gehören «Paris, Texas» (1984) oder «Der Himmel über Berlin» (1987), der Hauptdarsteller Bruno Ganz zu internationaler Bekanntheit verhalf. Für sein Werk hat Wenders unzählige Preise erhalten. Seit 1993 ist er mit Donata Wenders (58) verheiratet. Wenders ist kinderlos.

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Wir müssen auch über die Kritik an Kiefer sprechen. Seinem früheren Werk werden auch faschistoide Tendenzen nachgesagt. 1969 zeigte er sich auf Fotos mit Hitlergruss, angeblich um «das Unvorstellbare in mir selbst abzubilden».
Das war kühn von ihm. Zu der Zeit kannte man das noch gar nicht, dass ein Künstler «Aktionen» macht. Im Nachhinein haben das dann alle kapiert. Aber damals konnte wohl einer, der einen Hitlergruss macht, nur selber Nazi sein, nicht einer, der einem zu denken geben will: «Schaut, vor nicht mal einem Vierteljahrhundert habt ihr alle gemacht. Und jetzt tut ihr so, als sei das nicht geschehen. Vergessen gilt nicht!»

Wenn ich Sie richtig verstehe, verbindet Sie und Kiefer vieles. Er hegt eine grosse Faszination für Religion – und Sie? Ich erinnere an Bruno Ganz (1941–2019) als Engel in «Der Himmel über Berlin».
Ich bin einer, der versucht, hinter die Dinge zu sehen und die Dinge zu transzendieren – und Religion ist ja eine Form der Transzendenz, des «Herüberschreitens». Sie handelt von dem, was man nicht sieht.

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