Darum gehts
- Zwei Freundinnen besuchen ein Theaterstück in San Francisco im Sommernebel
- Das Stück mischte griechische Mythologie mit Cabaret und Musicalklassikern
- Nur 30 Plätze, intime Atmosphäre, zwei Stunden lang völliges Eintauchen
«Wann waren wir zuletzt im Theater?», fragte sie. Ich hatte keine Ahnung. Dabei war das früher mal unser Ding, erinnerte sie mich. Stimmt: Sie war lange Zeit die Einzige, die obskure Einpersonenstücke auf winzigen Bühnen ebenso spannend fand wie ich. Doch diese gemeinsamen Ausflüge waren wie so vieles dem Alltag zum Opfer gefallen, meinen häufigen Reisen – vielleicht gehörten sie auch einfach zu den vielen Dingen, die wir nach der Pandemie nie mehr so richtig wiederentdeckt haben.
«Ich hab keine Ahnung, was es für ein Stück ist», sagte sie. «Aber es klang irgendwie spannend, und da hab ich einfach mal Karten gekauft.»
Irrlauf im Sommernebel
Es war einer dieser typischen kalten Sommerabende in San Francisco. Dicker Nebel hüllte uns ein, ein kalter Wind peitschte unsere Rocksäume, denn wir hatten uns extra noch «schön angezogen», auch wenn das hier nicht wirklich üblich ist. «Ich weiss, wo es ist», behauptete ich, doch dann führte uns mein fehlender Orientierungssinn zweimal in die verkehrte Richtung.
Als wir ankamen, waren wir durchfroren, und unsere Augen tränten. Wir behielten unsere Jacken gleich an und holten uns erst einmal heissen Tee an der Bar, die aus einem Klapptisch bestand. Wir wärmten unsere Hände an den Pappbechern, bis uns der junge Mann, der gleichzeitig den Einlass, die Bar und die Garderobe betrieb, in den Aufführungsraum drängte.
Plato oder Knete?
«Sucht euch besser einen Platz», meinte er. Gerade mal 30 Stühle standen in zwei Reihen vor einer sehr kleinen Bühne. Aus dem Lautsprecher klang Musik, und eine Scheinwerferfolie warf bunte Lichttupfen über uns.
«Worum geht es schon wieder?», fragte ich. Meine Freundin faltete das fotokopierte Programmblatt auf: «Irgendwas mit Cabaret und griechischen Göttern.»
«Welche Götter, wie heissen sie?» Vor Jahren hatte ich hier an einer Party ein gut gelauntes Quartett kennengelernt. Sie seien der Play-Doh-Club, erklärten sie mir. Und ich war ganz gerührt von der Vorstellung, dass sich diese eleganten älteren Herren zusammentaten, um mit bunter Knete zu spielen. Die man hier Play-Doh nennt. Wir redeten gute fünf Minuten aneinander vorbei, bis mir klar wurde, dass sie Plato meinten. Den Philosophen. Und dass die griechischen Namen, die ich vor langer Zeit in der Schule gelernt hatte, hier ganz anders ausgesprochen wurden.
Zauber im Kellerraum
Bevor ich im Programm nachschauen konnte, ging das Licht aus, die Musik wurde lauter. Und der griechische Gott kam herein, von zwei Nymphen begleitet. Sie gingen so nahe an uns vorbei, dass wir sie berühren konnten, aber das taten wir natürlich nicht. Und ihre Namen waren dann auch vollkommen egal.
Während der nächsten zwei Stunden vergassen wir alles. Die Kälte und den Nebel, den etwas modrigen Geruch in dem Kellerraum und wie nah wir plötzlich neben Fremden sassen, die ausserdem geräuschvoll Chips aus Knistertüten assen. Wir vergassen alles, was uns in den Tagen und Stunden zuvor beschäftigt hatte. Alles, was uns belastete.
Konfetti für den Halbgott
Wir folgten dem Halbgott auf einer wilden Reise mit dem gestohlenen Sonnenwagen, wir schauten hingerissen zu, wie er mit einer Federboa tanzte, und sangen all die amerikanischen Musicalklassiker mit, die er unvermittelt anstimmte. Wir hinterfragten das keine Sekunde lang, wir liessen uns ganz von ihm verzaubern. Und als es von uns verlangt wurde, warfen wir Konfetti in die Luft und jubelten.
Viel zu schnell war es zu Ende. Wir schauten einander an, bunte Lichtpunkte tanzten über unsere Gesichter, wir waren noch nicht bereit, wieder in der Realität anzukommen.