Darum gehts
- Milena Moser steigt versehentlich in den falschen Zug Richtung Zürich
- In dem Chaos helfen Fremde und ihr Sohn, das Problem zu lösen
- Ankunft am Ziel nur 30 Minuten verspätet, alles klappt schliesslich doch
Gerade war ich noch so stolz auf mich gewesen: Dass ich trotz Jetlag nicht verschlafen und pünktlich in den Zug gestiegen war. Dass ich den Anschluss beim Umsteigen trotz Verspätung geschafft hatte. Nicht schlecht, Frau Moser, lobte ich mich selbst, als sich die S-Bahn in Bewegung setzte.
Ich schaute aus dem Fenster. Der Bahnhof bewegte sich in die falsche Richtung aus meinem Blickfeld. Ich sass im falschen Zug.
Dabei war ich in höchst wichtiger Mission unterwegs, ich durfte nämlich zum ersten Mal meine kleine Enkelin hüten. Vor lauter Aufregung hatte ich kaum schlafen können. Und jetzt das.
Schon wieder falsch abgebogen
Wie konnte mir das passieren – andererseits: Wie oft war mir das schon passiert? Und dann noch zu Zeiten, in denen es keine Handys gab, keine Onlinefahrpläne, keine Map-App. Manchmal war es harmlos, Basel statt Baden, kann passieren. Manchmal kam es teurer, zum Beispiel, als ich in Mailand durch den ganzen Zug lief, der gerade angefahren war. Mein damaliger Freund, der beide Fahrkarten hatte, hatte sich im Bahnhof noch kurz rasieren lassen. Wir würden uns direkt im Zug treffen. Doch wo war er?
Im Zug nach Zürich, wie abgemacht. Ich hingegen hatte den nach Amsterdam erwischt ...
Ein andermal fragte ich in einem winzigen Dorf im Osten Deutschlands nach langer Zugfahrt nach der Bibliothek, in der meine Lesung stattfinden sollte. Die existierte nicht beziehungsweise nicht hier. Sondern in einem Vorort Frankfurts mit demselben Namen.
«Sie sind nicht die Erste», tröstet mich die Bahnhofsvorsteherin, die mich auch ihr Telefon benutzen liess. «Letzte Woche hatten wir einen ganzen Schachclub hier!»
Die Lesung verpasste ich, das Billett musste ich neu kaufen, aber irgendwie ging immer alles gut aus. Und wird es auch jetzt, rede ich mir gut zu.
«Nächster Halt: Dottikon-Dintikon.»
Ich steige aus. Was soll ich denn sonst tun? Vielleicht, so denke ich einen wilden Moment lang, gibt es hier ja ein Taxi, das mich noch rechtzeitig ans Ziel bringen könnte. Oder vielleicht könnte ich die verhasste Uber-App herunterladen und ...
Nein.
Menschen, auf die Verlass ist
Ein Postautofahrer, der seine Pausenzigarette raucht, erkennt meine Verzweiflung. «Ja, wo müssen Sie denn hin? Wo? Hm. Nie gehört ...»
Doch eine Frau, die an einem der drei Plastiktische vor dem Bahnhof ihren ersten Kaffee trinkt, weiss, wo ich hinwill. Und wie ich da hinkomme. Sie kennt den Fahrplan auswendig, hilft mir schneller, als mein Handy es könnte. Menschen, denke ich. Am Ende kann ich mich auf Menschen verlassen. Wie auf die Mitreisenden im Zug nach Amsterdam, die mir beim zufälligen Halt nach hundert Metern halfen, die Tür aufzustemmen, sodass ich (verbotener- und gefährlichermassen) über die Schienen zum Bahnhof zurückgehen und den nächsten Zug nach Zürich erwischen konnte. Oder auf die Bibliothekarin, die damals an meiner Stelle aus meinem Buch vorlas, nachdem ja alle schon da waren.
Auf die Fremde im Bahnhofscafé. Und am Ende auf meinen Sohn, der mehr Geduld für mich aufbringt als ich selbst.
«Klar, jetzt haben wir ein Problem», sagt er. «Aber das lösen wir nicht, indem wir uns aufregen.»
Kluger Mann.
Den nächsten Zug erwische ich, er fährt in die richtige Richtung. Am Ende bin ich einfach eine halbe Stunde zu spät. Geht doch, denke ich. Geht doch alles ...