Gefangen im Stau
Die Verkehrsprüfung

Nein, ich meine nicht die Fahrprüfung: Ich meine die Prüfung einer Beziehung, wenn man miteinander im Stau feststeckt.
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Ein unerwartetes Verkehrschaos bremst den Ausflug von Milena Moser und Victor komplett aus. Das stresserprobte Paar kann jedoch gelassen darauf reagieren.
Foto: IMAGO/Anadolu Agency
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Milena MoserSchriftstellerin

Es war ein milder Sommernachmittag, als wir uns auf den Weg zu einer Ausstellungseröffnung auf der anderen Seite der Brücke machten. Der Nebel hatte sich vorübergehend verzogen, ich trug meine neuen silbernen Stiefel, und unser Nachbar, der am Strassenrand seinen Truck wusch, machte mir ein Kompliment.

Kleine Dinge, dachte ich. Ein sonniger Tag, ein kleiner Ausflug, neue Stiefel, gute Laune. Es braucht nicht viel.

Wir fuhren los. Wir kamen nicht weit.

Die Brücke war noch nicht mal in Sicht, als der Verkehr stockte und schliesslich ganz stehen blieb. Um uns herum wurde gehupt, was ja ein bewährtes Mittel ist, um solche Stockungen aufzulösen. Wir drehten die Musik lauter. Wir unterhielten uns. Wir bewegten uns zwei Meter weiter und blieben wieder stehen. Victor versuchte herauszufinden, was los war, gab es aber schnell wieder auf und spielte mir stattdessen einen neuen Song vor, den er vor ein paar Tagen mit Freunden aufgenommen hatte.

Gefangen im Verkehr

Die Zeit verging.

Nach einer Stunde war klar, dass wir die Vernissage verpassen würden. Doch es dauerte dann immer noch ein Weilchen, bis wir die nächste Kreuzung erreichten und umkehren konnten.

«Das war aber ein kurzes Vergnügen», sagte der Nachbar, der seinem Truck gerade die letzte Hochglanzpolitur verpasste. Wir lachten.

Im Stau zu stecken, kann die Nerven zum Zerreissen anspannen. Kein Wunder, kommt es beim Autofahren so oft zum Streit. Dass uns das nicht passiert, liegt aber nicht daran, dass wir ach so gelassen und entspannt im Hier und Jetzt ruhen. Also, auf Victor trifft das vielleicht zu, aber auf mich definitiv nicht!

Nein, ich glaube, wir sind uns einfach Schlimmeres gewohnt. Unser Alltag ist so durchzogen, immer wieder von Krisen und Anfechtungen unterbrochen, dass uns so ein kleiner Stau nicht aus der Fassung bringen kann. Wir sind zusammen, wir unterhalten uns, wir haben eine gute Zeit. Simpel.

Das Mass an Unmut

Ein Leser hat mir einmal erklärt, dass wir Menschen immer ein gewisses Mass an Unmut brauchen, um unser seelisches Gleichgewicht zu erhalten. Wenn uns das Leben keine Felsbrocken vor die Füsse wirft, suchen wir eben das Haar in der Suppe. Und das kommt uns dann ebenso schwer vor wie ein Felsbrocken.

Ich weiss nicht, was ich von dieser Theorie halten soll. Etwas in mir wehrt sich dagegen. Das ist doch wie diese unsägliche Frage, ob man lieber arm und gesund oder reich und krank wäre. Was bitte ist mit reich und gesund? Warum ist das keine Option?

Das wäre jedenfalls meine Wahl.

Im Moment leben

Und natürlich wünschte ich mir, Victor wäre gesund und müsste nicht so viel durchmachen. Wir hätten andere Ausflugsziele und Stammlokale als die Uniklinik mit ihren vier Kantinen. Wir könnten zusammen reisen, Victor würde Familienfeiern und Buchpremieren mit mir teilen, und einmal mit der Rhätischen Bahn die Albulastrecke fahren, einer seiner grossen Lebensträume. Aber so ist es nun einmal nicht.

Das Leben an seiner Seite ermöglicht mir dafür etwas anderes, etwas, was jedes Ratgeberbuch, jede spirituelle Lehre, jeder Lifecoach sagen würde. Im Moment zu leben, mich nicht über Dinge aufzuregen, die ich nicht kontrollieren kann. Wie über einen Verkehrsstau.

«Ich habe Hunger», sage ich, als ich die Tür aufschliesse.

«Ich mach dir eine Quesadilla.»

Simpel.

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