Flughafen Zürich, 2. Oktober 2001, 16.15 Uhr:
«Meine Damen und Herren, liebe Fluggäste. Aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.»
Diese Ansage über die Lautsprecher am Flughafen Zürich geht in die Geschichtsbücher ein. Es ist der Moment, in dem die Schweizer Öffentlichkeit realisiert: Es ist vorbei.
Es ist einer der wohl prägendsten Tage der Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Am 2. Oktober 2001 stellt die Swissair ihren Flugbetrieb ein. Die einst stolze Schweizer Traditionsairline ist zahlungsunfähig. Ihre Flugzeuge bleiben am Boden, Tausende Passagiere stranden.
Das Grounding kommt nicht aus dem Nichts. Die Swissair hat sich in den Jahren zuvor mit einer aggressiven Expansionsstrategie übernommen. Teure Beteiligungen an ausländischen Airlines belasten den Konzern, gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb in Europa. Dann kommen die Terroranschläge vom 11. September 2001 hinzu. Sie treffen eine Luftfahrtbranche, die ohnehin in der Krise steckt. Für die Swissair wird die Lage endgültig dramatisch.
Doch wie konnte es so weit kommen?
Die Swissair will Europas Airline-Gigant werden
6. Dezember 1992: Die Schweizer Stimmberechtigten lehnen den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ab. Für die Swissair wird die Position im sich liberalisierenden europäischen Luftverkehr schwieriger. Die Airline sucht nach einer Strategie, um ihre Eigenständigkeit zu bewahren.
1993: Ein geplanter Zusammenschluss von Swissair, SAS, KLM und Austrian Airlines scheitert. Die Swissair bleibt auf sich allein gestellt.
14. Dezember 1994: Der Verwaltungsrat beschliesst eine Beteiligung von 49 Prozent an der belgischen Sabena. Die Airline ist bereits finanziell angeschlagen. Später wird die Beteiligung für die Swissair zu einer enormen Belastung.
1997: Philippe Bruggisser übernimmt die Führung der SAirGroup. Unter ihm verfolgt der Konzern eine aggressive Expansionsstrategie: die sogenannte Hunter-Strategie. Die Swissair will sich mit Beteiligungen an anderen Airlines ein eigenes europäisches Netzwerk aufbauen.
Die Idee klingt zunächst vielversprechend. Doch die Expansion kostet immer mehr Geld.
Die Hunter-Strategie wird zum Milliardenrisiko
1998 bis 2000: Die SAirGroup beteiligt sich an zahlreichen Fluggesellschaften. Dazu gehören unter anderem Air Littoral, AOM, Air Europe, LTU, Volare und LOT. Auch an South African Airways beteiligt sich der Konzern.
Viele dieser Airlines kämpfen selbst mit wirtschaftlichen Problemen. Die Swissair muss immer wieder Geld nachschiessen.
2. September 1998: Eine Swissair-MD-11 stürzt kurz vor Halifax in Kanada in den Atlantik. Alle 229 Menschen an Bord kommen ums Leben. Der Absturz von Flug SR111 ist eine der schwersten Katastrophen in der Geschichte der Schweizer Luftfahrt.
Der Absturz ist nicht die Ursache des späteren Swissair-Groundings. Er wird aber zu einem weiteren tiefen Einschnitt in der Geschichte der Airline.
2000: Die finanziellen Probleme der Beteiligungen werden immer offensichtlicher. Die Strategie erweist sich zunehmend als Belastung.
Swissair scheitert: Milliardenverlust statt Millionengewinn
23. Januar 2001: Philippe Bruggisser wird als Konzernchef entlassen. Die Hunter-Strategie ist gescheitert.
16. März 2001: Mario Corti, zuvor Finanzchef des Lebensmittelkonzerns Nestlé, übernimmt das Präsidium und die Konzernleitung. Er soll die Swissair retten.
2. April 2001: Dann kommt die ganze Dimension der Krise ans Licht: Statt des erwarteten Gewinns von 200 Millionen Franken weist die SAirGroup für das Jahr 2000 einen Verlust von rund 2,9 Milliarden Franken aus.
Die Swissair steckt tief in der Krise. Gleichzeitig fehlt die Zeit für eine geordnete Sanierung.
Dann erschüttert 9/11 die Luftfahrt
11. September 2001: Terroristen entführen in den USA vier Passagierflugzeuge. Zwei Maschinen fliegen in das World Trade Center in New York, eine weitere ins Pentagon. Ein viertes Flugzeug stürzt in Pennsylvania ab.
Der internationale Flugverkehr wird massiv beeinträchtigt. Die ohnehin angeschlagene Luftfahrtbranche gerät zusätzlich unter Druck.
Für die Swissair kommt der Schock zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. 9/11 ist nicht die Ursache des späteren Groundings – aber die Anschläge verschärfen die bereits bestehende Krise.
24. September 2001: Mario Corti präsentiert einen radikalen Rettungsplan. Die Swissair soll mit der Crossair zusammengeführt werden. Das Streckennetz soll schrumpfen, Tausende Stellen sollen wegfallen.
Doch die Liquidität wird immer knapper.
2. Oktober 2001: Die Swissair bleibt am Boden
2. Oktober 2001: Der Schlüsseltag.
Der Swissair fehlt das Geld, um den laufenden Flugbetrieb zu finanzieren. Die Flugzeuge können nicht mehr starten. Die gesamte Flotte bleibt am Boden. Rund 19'000 Passagiere sind betroffen. Etwa 260 Flugzeuge stehen still. Die Bilder der auf dem Flughafen Zürich parkierten Swissair-Maschinen gehen um die Welt.
Am Flughafen wird eine inzwischen legendäre Durchsage gemacht:
«Aus finanziellen Gründen ist die Swissair nicht mehr in der Lage, ihre Flüge durchzuführen.»
Für die Schweiz ist es ein Schock. Die Airline, die über Jahrzehnte als Symbol für Qualität und Zuverlässigkeit galt, steht vor dem Ende. Das Grounding war laut Eidgenössischer Finanzkontrolle der letzte Akt des Swissair-Debakels. Ursache für das Stillstehen der Flotte war die fehlende Liquidität.
Der Bund greift ein
3. Oktober 2001: Bund und Banken suchen nach einer Lösung. Die Schweizer Regierung beschliesst kurzfristig ein Darlehen, damit der Flugbetrieb zumindest teilweise weitergeführt werden kann.
Zunächst ist von einem Überbrückungskredit von 450 Millionen Franken die Rede. Insgesamt beläuft sich das Bundesdarlehen später auf 1,45 Milliarden Franken. Davon werden 1,15 Milliarden Franken ausbezahlt.
4. Oktober 2001: Ein reduzierter Flugbetrieb wird wieder aufgenommen. Gleichzeitig wächst der öffentliche Zorn. Tausende Swissair-Angestellte demonstrieren in Bern gegen die Verantwortlichen und die Grossbanken.
8. Oktober 2001: Die SAirGroup kündigt einen massiven Stellenabbau an.
22. Oktober 2001: Der Bundesrat macht den Weg für eine neue Schweizer Fluggesellschaft frei. Die Crossair soll zur neuen nationalen Airline ausgebaut werden.
Das Ende unserer Swissair. Nach 71 Jahren
7. November 2001: Die belgische Sabena meldet Konkurs an. Die Swissair war mit 49 Prozent an der Airline beteiligt und hatte ihre Beteiligung später deutlich erhöht. Das Scheitern von Sabena gehört zu den grossen Belastungen der Swissair-Krise.
16./17. November 2001: Das Parlament bewilligt weitere finanzielle Mittel für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs und die Gründung einer neuen Schweizer Fluggesellschaft.
31. März 2002: Die Geschichte der Swissair endet nach 71 Jahren. Der letzte Swissair-Flug landet.
1. April 2002: Die neue Swiss International Air Lines nimmt den Flugbetrieb auf. Die neue Airline entsteht im Wesentlichen aus der Crossair und übernimmt grosse Teile des bisherigen Schweizer Luftverkehrsnetzes.
Das Schweizerische Bundesarchiv bezeichnet das Grounding als Abschluss des Niedergangs der Schweizer Traditionsgesellschaft. Kurz darauf wird mit staatlicher Unterstützung die Swiss gegründet.
Lufthansa übernimmt 2007 die Kontrolle über die Swiss
Die neue Swiss steht allerdings ebenfalls vor grossen finanziellen Herausforderungen.
2005: Lufthansa und Swiss einigen sich auf die Übernahme. Die Swiss soll Teil der Lufthansa-Gruppe werden, dabei aber als Schweizer Marke mit ihrem Sitz und Drehkreuz in Zürich erhalten bleiben.
2007: Lufthansa übernimmt die vollständige Kontrolle über die Swiss.
Damit endet die Geschichte der Swissair endgültig. Doch die Schweizer Airline-Tradition lebt unter dem Namen Swiss weiter.
25 Jahre nach dem Swissair-Grounding
Das Grounding vom 2. Oktober 2001 ist bis heute ein Symbol für einen spektakulären wirtschaftlichen Absturz.
Die Swissair scheiterte nicht an einem einzigen Ereignis. Der Niedergang war das Ergebnis mehrerer Faktoren: einer aggressiven Expansionsstrategie, teurer Beteiligungen, wirtschaftlicher Probleme bei Partner-Airlines und einer sich verschärfenden Krise der Luftfahrt. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verschärften die Situation zusätzlich.
Die Swissair gibt es nicht mehr. Die Marke Swiss dagegen ist geblieben.
Und die Bilder vom 2. Oktober 2001 – die stillstehenden Flugzeuge auf dem Flughafen Zürich und die gestrandeten Passagiere – gehören heute noch immer zu den eindrücklichsten Bildern der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.