Darum gehts
- Anina Müller bewältigt Via Alpina in zehn Tagen
- 390 Kilometer, 14 Alpenpässe und Lebensmittelvergiftung gemeistert
- 56 Kilometer und 3800 Höhenmeter an einem einzigen Tag
«Es sieht steiler aus, als es ist», sagt Anina Müller (27). Vor ihr ragt der Grosse Mythen empor. Auf das Laienauge wirken die rund 800 Höhenmeter angsteinflössend. Doch wer die Zürcherin kennt, weiss, dass die Wanderung vom Brunni zum Gipfel ein Spaziergang für die 27-Jährige ist. «Ich habe ihn schon in 45 Minuten bestiegen», erklärt sie.
Müller hat diesen Sommer die Via Alpina in der Schweiz gemacht. Wer sie absolviert, muss sieben Kantone, 14 Alppässe und 390 Kilometer abwandern. Doch hinter den nüchternen Zahlen liegen für sie Tage voller Anstrengung, Begegnungen und Erfahrungen. Ihr Motto lautet zwar: «Je weiter oben, desto weniger Wald, desto besser.» Doch dieses Abenteuer war selbst für die Outdoor-Begeisterte eine Herausforderung.
20 Etappen in zehn Tagen
Die Via Alpina besteht in der Schweiz aus 20 Etappen, für jeden Abschnitt soll ein Tag eingerechnet werden. Müller meisterte die ganze Route in zehn. «Ich habe mir die Etappen angeschaut und ausgerechnet, was drin liegen könnte und was nicht», sagt sie. Für die leitende Flugbegleiterin mussten die Zeitspanne reichen, denn: «Bei der Arbeit ist im Sommer Hochsaison. Mir ist auch bewusst, dass es schwierig ist, Ferien im Sommer zu bekommen.»
Wie bereitet man sich auf eine solche Reise vor? «Ehrlich gesagt bin ich dann einfach losgelaufen», sagt Müller. «Es hat sich frei angefühlt. Ich musste mich an niemanden halten und wusste, wann ich spätestens in Montreux sein musste.»
Die entspannte Abenteurerin
Was bei Müller intuitiv passiert, beruht auf jahrelanger Erfahrung. Die Outdoor-Begeisterte wuchs zwischen Zürich und dem Engadin auf, wo sie fast jedes Wochenende sowie 13 Ferienwochen pro Jahr in einem ausgebauten Stall verbrachte. Mit dem Beitritt zum Schweizer Alpen-Club lernte sie Gleichgesinnte kennen. Die Vermutung liegt nahe, dass dies ihr Grund ist, weshalb sie die Via Alpina so locker angegangen ist.
Vielleicht ist es diese Vertrautheit mit den Bergen, die ihr unterwegs den Kopf für anderes freimacht. «Manchmal denke ich gar nicht, manchmal denke ich über das Leben nach. Ich glaube, das schiesst alles Mögliche an Gedanken durch den Kopf. Beispielsweise wie privilegiert du bist, dass du so etwas überhaupt machen kannst. Oft ist es ein Geniessen der Aussicht, ein Musik- oder Podcast-Hören», berichtet sie.
«Es war ein grosser Kampf gegen mich selbst»
Im Gespräch mit Müller ist ihre innere Ruhe spürbar. Doch auch sie hatte auf ihrer Reise Hürden zu bewältigen. Als der zweite Tag anbricht und sie von Altdorf nach Engelberg wandert, absolviert sie 56 Kilometer mit 3800 Höhenmetern. «Ich habe mich gefragt, ob das noch Sinn macht. Mein Körper war sich das überhaupt nicht gewöhnt. Die Belastung war sehr heftig. Meine Füsse, Knie, alles hat mir am Abend weh getan.»
Doch ihr Durchhaltewille bewährt sich. Selbst als sie sich unterwegs eine Lebensmittelvergiftung zuzieht: «Es war ein grosser Kampf gegen mich selbst. Es ging mir nicht gut, aber ich wollte mich nicht mit Medis vollpumpen. Der Kopf wollte es nicht zulassen, dass ich aufhöre.»
«Es ist ein Privileg, in diesem Land zu wohnen»
Die Outdoor-Begeisterte liebt es, an ihre Grenzen zu gelangen. «Ich finde es sehr spannend, was der Körper machen kann. Oder der Körper gegen den Kopf.» Hier vermutet sie auch ihre Motivation: «Ich glaube, das ist ein Anreiz. Das Gefühl, dass ich etwas geschafft habe.»
Nicht mal die turbulenteren Tage können ihr dieses Abenteuer vermiesen. Die Via Alpina hinterlässt selbst bei der weitgereisten Flugbegleiterin einen Eindruck, der nachhallt: «Es ist ein Privileg, in diesem Land zu wohnen. Ich habe es jetzt wieder gesehen. Wir haben so viele schöne Ecken.»
Von Bergen nach Costa Rica
Nach dieser sportlichen Leistung zu Hause entspannen? Fehlanzeige: «Ich musste arbeiten gehen und bin am nächsten Tag nach Costa Rica geflogen», erklärt Müller. Für sie kein Problem, denn ihr Bewegungsdrang ist ansteckend.
Um ihre Gelenke zu schonen, hiess es erstmals eine Pause vom Sport einlegen. «Nach der Heimkehr nicht trainieren zu können, hat mir sehr auf die Laune geschlagen. Ich muss mich bewegen.» Und die Ruhe währt nicht lange. Mittlerweile hat Müller bereits den Trailrun «Matterhorn Ultraks» absolviert. «Ich bin absolut gehypt, etwas Neues zu machen», sagt sie.
Stillstehen liegt ihr offenbar nicht. Wo andere einen steilen Berg sehen, sieht Müller die nächste Herausforderung.