Darum gehts
- Exoskelette unterstützen Beine und Arme und könnten älteren Menschen längere Touren ermöglichen
- Seit kurzem werden erste Exoskelette für den Alltag und im Freien verkauft
- Fachleute nennen Eingewöhnung, Balance und Sicherheit als Hürden für den künftigen Einsatz am Berg
In Science-Fiction-Streifen schon lange Grundausstattung jedes Helden, kannte man sie in der echten Welt bislang vor allem aus der Industrie: Exoskelette, eine über der Kleidung getragene Stützstruktur mit Elektromotor, helfen bei Bewegungen der Beine und Arme – und verlängern dadurch die Zeit bis zur Muskelermüdung, gerade im Alter ein Schicksal, dem auch geübteste Bergler nicht entfliehen können.
«Mit zunehmendem Alter können Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Trittsicherheit nachlassen. Besonders anspruchsvolle Auf- und Abstiege oder lange Wanderungen werden dadurch schwieriger», weiss Peter Burri Follath (56), Leiter Kommunikation bei Pro Senectute Schweiz. Wander- oder Gehstöcke und Rollatoren können unterstützen, eine realistische Tourenplanung ist zudem mindestens so wichtig.
Exoskelette noch in den Kinderwanderschuhen
Andere etablierte Hilfsmittel gibt es derzeit noch nicht. Doch nach der Elektrifizierung von Mountainbikes ist der nächste Schritt nur logisch. E-Wandern nennt sich die grosse Revolution am Berg, die sich nach Jahrzehnten der Forschung und Entwicklung anbahnt.
Bereits in den 1960er-Jahren tüftelten die USA und das damalige Jugoslawien daran, allerdings ohne Durchbruch. «Seit circa 20 Jahren gibt es sehr intensive Forschung und Entwicklung von Exoskeletten für Anwendungen in den Bereichen Reha, Sport und Industriearbeit. Sicherlich mehrere Hundert Labore und Firmen arbeiten daran», berichtet Professor Robert Riener (58) vom Departement Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH Zürich. Seit kurzem werden erste Geräte auch für Anwendungen im Alltag und im Freien verkauft.
Viele sind davon allerdings noch nicht in Gebrauch. Burri Follath: «Von einer breiten Anwendung kann derzeit nicht gesprochen werden. Als Sport- oder gar Wanderhilfsmittel spielen sie heute noch keine Rolle.» Schliesslich benötigt man Zeit, um sich an die Technik zu gewöhnen. «Das Zusammenspiel von Gehirn, Muskulatur und technischer Unterstützung kann am Anfang anspruchsvoll sein.»
Mit 80 auf den Hausberg? «Sehr gut!»
Von Herausforderungen spricht auch Professor Riener. «Bei zu schneller Krafterhöhung im Gerät können Balanceschwierigkeiten entstehen und zunächst das Sturzrisiko erhöhen», ähnlich wie bei den ersten Fahrten mit dem E-Bike. Weil man mit einem Exoskelett aber deutlich langsamer unterwegs ist, ist das Verletzungsrisiko bei einem möglichen Sturz geringer.
Einig sind sich die beiden Experten auch mit Blick aufs Potenzial. Bewegung ist nicht nur für die Gesundheit wichtig, sondern auch für die Selbständigkeit und die damit verbundene Lebensqualität. Ausserdem ersetzt ein Exoskelett nicht die Muskelfunktion, es unterstützt bloss. Eigene Muskelkraft ist also weiterhin gefordert und ermöglicht älteren Wandernden, länger an Aktivitäten mit anderen teilzuhaben und so den sozialen Anschluss zu wahren.
Wo führt das in Zukunft also hin? Werden wir auf Wanderwegen reihenweise 80-Jährige mit Exoskeletten antreffen? Für Professor Riener klingt das «sehr gut! Das schafft Freude, das gibt Selbstwertgefühl.» Auch Pro Senectute sieht darin eine Möglichkeit, einen Beitrag im Alter zu leisten. «Entscheidend bleibt aber, dass die Sicherheit gewährleistet ist.» Nimmt die Technologie diese Hürde, steht der alpinen Elektro-Revolution 2.0 nichts im Weg.