Darum gehts
- Der Creux du Van ist auch bekannt als Grand Canyon der Schweiz
- Wenige Schritte trennen Besucher von der Felswand und der Tiefe
- Blick wagt den Selbsttest und benotet die Attraktion
Die Wandersaison neigt sich dem Ende zu. Ein Vorurteil will ich noch loswerden. Nachdem mich schon der beliebte Äscher und der überlaufene Caumasee trotz Skepsis beeindruckt haben, schnüre ich erneut die Wanderschuhe. Diesmal gehts zum Creux du Van.
Den Grand Canyon der Schweiz wollte ich längst besuchen. Doch mein Insta-Feed und die lange Anreise von Winterthur in den Neuenburger Jura schreckten mich ab. Verpasse ich seit Jahren etwas? Finden wirs heraus!
Erreichbarkeit
Nach knapp zweieinhalb Stunden Anreise aus Winterthur erwartet mich beim Bahnhof in Noiraigue NE absolute Stille und ein Haufen freier Parkplätze. Auch wer mit dem Zug anreist, landet an diesem urchigen Ort.
Neben mir leint eine Frau in Wanderausrüstung ihren Hund an. Ist die Wanderung anstrengend? «Ah non, c'est facile», versichert sie. Also stelle ich mich auf einen gemütlichen Ausflug ein.
Wer zum Creux du Van will, muss zum Restaurant Le Soliat fahren und fünf Minuten zur Felswand spazieren. Ganz so faul bin ich noch nicht. Deshalb wähle ich diese Route:
Ich wandere die Route entgegen der empfohlenen Richtung. Lieber nehme ich einen steilen Aufstieg in Kauf, als beim Abstieg meine müden Knie zu belasten.
Der grösste Teil des Wegs führt durch buntes Herbstlaub, vorbei an sattgrünen Tannen und moosbewachsenen Felswänden. Ein Herbstwald wie aus dem Bilderbuch. Genau so habe ich mir meine letzte Herbstwanderung des Jahres vorgestellt.
Bis zum Restaurant La Grand Vy ist allerdings noch etwas Geduld gefragt. Immer wieder blitzt zwischen den Bäumen die schroffe Felswand des Creux du Van hervor.
Oben auf dem Hochplateau angekommen, grasen Gämse und Steinböcke. Der Wind pfeift über die Weiden, vereinzelt wandern Menschen an den entspannten Tierherden vorbei.
Ich geniesse die Ruhe und lasse die Weite auf mich wirken. Die Bäume lichten sich, und vor mir steht nun der prächtigste Ausblick, den ich seit langem mit eigenen Augen sehen durfte: der Schweizer Grand Canyon.
Die Erreichbarkeit verdient sich die Note 8 von 10.
Hats den Wow-Effekt?
Wer noch nie beim Creux du Van war, verpasst etwas. Ich habe die Schweiz von den verschiedensten Seiten gesehen. Auch dachte ich, dass der Name «Grand Canyon der Schweiz» sicher überspitzt ist. Doch der Schein trügt. Oben angekommen, scheint die Welt unendlich gross.
Das Freiheitsgefühl kommt nicht überraschend. Die Sicherheitsvorkehrungen wirken wie ein gutgemeinter Vorschlag. Ab und an trennen mich nur Meter vom tiefen Abgrund. Ein falscher Tritt kann böse enden. Wie 2019, als ein Besucher in die Tiefe stürzte.
Wohin lohnt sich der nächste Ausflug ins Grüne wirklich? Welche Wanderungen, Naturerlebnisse und Outdoor-Abenteuer begeistern und welche kann man sich sparen?
Gerade in der Schweiz ist das Angebot riesig. Doch Prospekte, Social Media und Hochglanzbilder zeigen oft nur die Schokoladenseite. Wie sieht ein Ausflug tatsächlich aus? Ist die Wanderung ihr Geld, ihre Zeit und die Anreise wert?
Ich teste Wanderungen, Naturerlebnisse und Outdoor-Abenteuer, damit ihr nicht die Katze im Sack kauft. Im Format «Taugts was, Niki?» zeige ich, was überzeugt – und was nicht. Ehrlich, direkt und mit allen wichtigen Infos für eure nächste Tour.
Wohin lohnt sich der nächste Ausflug ins Grüne wirklich? Welche Wanderungen, Naturerlebnisse und Outdoor-Abenteuer begeistern und welche kann man sich sparen?
Gerade in der Schweiz ist das Angebot riesig. Doch Prospekte, Social Media und Hochglanzbilder zeigen oft nur die Schokoladenseite. Wie sieht ein Ausflug tatsächlich aus? Ist die Wanderung ihr Geld, ihre Zeit und die Anreise wert?
Ich teste Wanderungen, Naturerlebnisse und Outdoor-Abenteuer, damit ihr nicht die Katze im Sack kauft. Im Format «Taugts was, Niki?» zeige ich, was überzeugt – und was nicht. Ehrlich, direkt und mit allen wichtigen Infos für eure nächste Tour.
Die wenigen Besucher um mich herum scheint das jedoch nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil: Ein Mann tänzelt gefährlich nahe am Abgrund. Während er scherzend herumspringt und mir vor Schreck das Herz in die Hose rutscht, lacht mir seine Partnerin zu.
Der Wow-Effekt des Creux du Van liegt nicht allein in seiner Schönheit. Auch die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen sorgen für Nervenkitzel.
Der Wow-Effekt erhält eine 7,5 von 10.
Verpflegung
Nach einem solch steilen Aufstieg brummt mir der Magen. Als ich beim Restaurant Ferme Robert vorbeispaziere, überlege ich mir kurz, einen Abstecher zu machen. Die Stube ist voll, das Essen riecht gut.
Ich befinde mich am Anfang meiner Wanderung und entscheide mich oben beim Restaurant La Grand Vy einzukehren. Als ich gegen 13.30 Uhr eintreffe, hat die Küche bereits geschlossen, wie mir die Bedienung mit Mitleid mitteilt.
Diese Information ist nirgends aufgelistet online. Dann wird halt zum Brötli und den Nüssli gegriffen – von der Rösti träume ich noch.
Nach einem Aufstieg und der Vorfreude auf eine warme Mahlzeit erhält die Verpflegung diesmal eine 1/10.
Preis-Leistung
Wieder mal wird mir bewusst, wie niederschwellig Wandern ist. Ich habe auf diesem Ausflug lediglich Geld für das Benzin und die Verpflegung ausgegeben und dabei einen Ausblick erhalten, der bis heute nachhallt.
Mathe war nie meine Stärke. Aber: In Anbetracht dessen, dass ich bereits über eine gute Ausrüstung verfüge und mein Auto nicht viel Sprit verbraucht, ziehe ich eine positive Bilanz.
Die Preis-Leistung verdient eine 8/10.
Taugts was?
Meine Beine schmerzen vom Muskelkater, doch mein Herz ist voll. Zugegeben: Ich habe schon abenteuerlichere Ausflüge erlebt. Wer sich aber nach einer ruhigen, konditionell anspruchsvollen Wanderung sehnt, ist hier genau richtig.
Ich denke zurück an die Frau, die mir versichert hatte, dass die Wanderung leicht werden würde. Dem stimme ich zwar nicht ganz zu. Trotzdem haben mir ihre Worte den nötigen Mut gegeben, nicht zu kneifen. Und tatsächlich: keine Spur von Trubel, keine verletzten Menschen. Nur wilde Tierherden, ein pfeifender Wind und ab und zu ein «Bonjour» unterwegs.
Das wird wohl meine letzte Wanderung für diese Saison gewesen sein. Ausser Frau Holle hält sich mit dem Kissenschütteln noch ein wenig zurück. Dann gehen mir allerdings bald die Vorurteile gegenüber beliebten Orten in der Schweiz aus.