Darum gehts
- Angélica Serech, geboren 1982, transformiert Weben zu politischer Kunst mit Naturmaterialien
- Ihre Werke verbinden individuelles Erleben und kollektives Gedächtnis, erzählen von Widerstand
- International ausgestellt: Guatemala, Paris, Gwangju, Toronto, mit monumentalen Textilinstallationen
Im Bürgerkrieg geboren, im Weben stark geworden: Die guatemaltekische Künstlerin Angélica Serech (geb. 1982 in San Juan Comalapa) findet ihre Sprache im Faden. In einer Kindheit, in der Hunderttausende ihr Leben verlieren und indigene Gemeinschaften ausgelöscht werden, lernt sie von Mutter und Grossmutter zunächst aus purer Notwendigkeit zu weben – als Überlebensstrategie, bevor das Handwerk zur Form des Widerstands wird.
Heute, vier Jahrzehnte später, hat Serech das Weben weit hinter die Grenzen des vermeintlich «traditionellen» Handwerks hinausgeführt. Sie entwirft eigene, monumentale Webstühle und arbeitet mit Naturmaterialien wie Palmfasern, Maisblättern oder Baumzweigen, die sich zu grossformatigen, oft raumgreifenden Textilarbeiten verbinden. Für sie tragen diese Materialien eine eigene Biografie in sich: «Naturmaterialien bringen ihre eigene Geschichte mit – nicht immer bin ich es, die ihre Anwesenheit hervorbringt», sagt sie.
Serech versteht sich als Teil einer langen weiblichen Linie. Ihre Ahninnen haben Naturmaterialien genutzt, Techniken und Designs entwickelt; sie knüpft daran an und transformiert es aus ihrer eigenen Erfahrung heraus. Indem sie diese Materialien aufnimmt und neu kombiniert, verknüpft sie individuelles Erleben mit kollektivem Gedächtnis. «Wie wir unser kulturelles Gedächtnis aus unserem individuellen Tun heraus verknüpfen, ist grundlegend: Es stiftet Wert – von unserer Individualität hin zum Kollektiv», formuliert sie ihr künstlerisches Programm.
Gerade im Kontext von Krieg, Vertreibung und struktureller Gewalt wird Weben bei Serech zur Metapher für Heilung, Erinnerung und Selbstermächtigung. Ihre Arbeiten sprechen von Trauma und Verlust, aber ebenso von Beharrlichkeit und Hoffnung: Jeder Knoten, jede Verflechtung steht für eine Geste des Weitermachens. So wird das, was einst als «Hausarbeit» abgewertet wurde, bei ihr zum visuellen Manifest – ein widerständiges Gewebe, das Geschichten bewahrt, neu erzählt und aneignet.
Längst ist Serech international präsent; ihre Arbeiten waren unter anderem in Guatemala, Paris, Gwangju und Toronto zu sehen. Als Künstlerin, die Fäden aus Vergangenheit und Zukunft, aus persönlicher Erfahrung und kollektiver Erinnerung miteinander verschränkt, steht sie exemplarisch für eine Generation, die textile Praktiken nicht nostalgisch, sondern politisch und zutiefst zeitgenössisch versteht.