So werden unsere Altkleider weiterverarbeitet
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Reportage aus 2018:So werden unsere Altkleider bei Texaid verarbeitet

Rückschlag für Textilrecycling
«Wir kämpfen ums Überleben»

Die Schweizerinnen und Schweizer schmeissen immer mehr Altkleider fort. Trotzdem geht es beim ersten Textilrecyclingwerk nicht voran. Eine Motion von FDP-Nationalrätin Regine Sauter will das nun ändern.
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Mit dem Bau des ersten Textilrecyclingwerks in der Schweiz geht es nicht voran. (Visualisierung)
Foto: Tell-Tex
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Milena KälinRedaktorin Wirtschaft

Eigentlich hätte dieses Jahr das erste Textilrecyclingzentrum der Schweiz eröffnen sollen. Die Sammelstelle Tell-Tex hatte ambitionierte Pläne. Doch von Baulärm ist auf der Fläche in St. Margrethen SG nichts zu hören, Bagger sucht man vergebens. 

Tell-Tex hat den Bau des Textilrecyclingzentrums gestoppt. Das hat Blick von Branchenkennern erfahren. Das Problem: Der Absatzmarkt für das Recyclingmaterial sei schlicht noch nicht vorhanden. Der Textilsammler wollte aktuell zum Baustopp keine Stellung nehmen. 

40 Millionen Franken wollte Tell-Tex in den Bau des Recyclingwerks stecken – eine stattliche Summe. Alttextilien, die nicht weiterverkauft werden können, sollten im Werk in kleine Quadrate zerschnitten und für die Garnproduktion verwendet werden. Damit würden aus alten wieder neue Klamotten. Nur wenn das Werk rentiert, würde der Bau Sinn ergeben. 

Systemwechsel gefordert

Aber wieso fehlt der Absatzmarkt, wenn die Textilsammelstellen in der Schweiz pro Jahr 60'000 Tonnen Altkleider sammeln? «Die Sammelmenge steigt zwar, aber die Qualität sinkt», erklärt Sascha Sardella (45), Betriebsleiter des Sammelunternehmens Tell-Tex. Das aktuelle System beruht darauf, dass Kleider gesammelt und wiederverwendet werden können. 10 bis 15 Prozent landet im Abfall – Tendenz steigend. Wegen der schlechten Qualität von Fast Fashion verdient Tell-Tex durch den Verkauf von Kleidern immer weniger.

Mit einzelnen Abnehmern wie dem Oberwallis musste Tell-Tex den Vertrag deshalb vorerst kündigen, sonst hätte ein Minusgeschäft resultiert. «Wir kämpfen ums Überleben – und brauchen einen Systemwechsel», warnt Sardella. Mittelfristig drohe das System zu kollabieren. Deshalb wollte sich Tell-Tex mit dem Recyclingwerk ein neues Standbein aufbauen. 

Ein Problem ist zudem, dass es für Hersteller praktisch keine Anreize gibt, recycelte Stoffe für ihre Kleiderproduktion zu verwenden. Neue Materialien kosten zum Teil nur ein Drittel. Wer eine hohe Marge will, setzt nicht auf recycelte Stoffe. 

Motion soll Grundlage schaffen

Doch jetzt soll es politisch vorwärtsgehen: FDP-Nationalrätin Regine Sauter (59) hat letzten Donnerstag eine breit abgestützte Motion eingereicht. Sie fordert eine Grundlage für eine Branchenlösung des Textilrecyclings – analog zum PET-Recycling. «Mit der Motion wollen wir die Voraussetzungen schaffen, damit textile Materialien künftig systematisch in den Kreislauf zurückgeführt werden können», so die Zürcher-Nationalrätin.

Die Branchenorganisation Fabric Loop – mit mittlerweile 38 Mitgliedern wie Switcher, Odlo sowie PKZ – steht bereits in den Startlöchern. Sie will gemeinsam mit den Firmen ein System zur Sammlung, Sortierung und hochwertigen Verwertung von Textilien aufbauen. Gegründet wurde die Branchenorganisation vom Verein Swiss Textiles. 

Die Motion fordert eine Wiederverwertungsquote von 60 Prozent. Das unterstützen Mitglieder wie die Caritas – sofern die Textilien hierzulande wiederverwertet werden. Ebenfalls positiv findet die Hilfsorganisation, dass Altkleider nicht mehr als Abfall gelten würden. 

Für die Finanzierung des neuen Systems sieht die Branchenorganisation einen Recyclingbeitrag pro Kleidungsstück vor. Die Konsumenten sollen die paar zusätzlichen Rappen beim Kauf bezahlen, wie das auch bei Elektronikartikeln bereits der Fall ist. «Wir brauchen eine faire Finanzierung. Um das zu ermöglichen, braucht es die rasche Umsetzung der Motion», sagt Simone Alabor (39), Geschäftsführerin von Fabric Loop. 

Bis anhin wurde die Textilsammlung rein über den Verkauf der Textilien finanziert – zunehmend muss diese auch über die Abfallgebühren, respektive Steuern, finanziert werden. 

Gleich lange Spiesse für alle

Die grosse Schwierigkeit: Auch ausländische Anbieter müssten zur Kasse gebeten werden. Ein Drittel der Kleidermengen aus der Schweiz stammen nämlich von den drei grossen ausländischen Onlinehändlern Zalando, Temu und Shein. Es braucht deshalb eine gesetzliche Grundlage, die für alle gilt. 

Mit der Motion will Fabric Loop zudem die Sammelmenge ausweiten: Statt nur Kleidung von Privathaushalten sollen in Zukunft auch Heimtextilien wie Frottee- oder Bettwäsche sowie auch Arbeitskleidung sortiert und recycelt werden können. 

«Wir wollen erreichen, dass bis 2035 alle in der Schweiz gesammelten Textilien auch hierzulande sortiert werden», so Alabor weiter. Der Anteil Kleidung, der in Secondhand-Shops landet, soll hierzulande von bisher 1 auf bis zu 15 Prozent gesteigert werden. Die restlichen 85 Prozent landen im Recycling. Dieses soll dann so nah wie möglich erfolgen – am besten natürlich in einem Textilrecyclingwerk in der Schweiz.

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