Luxus des Beständigen
Warum Secondhand-Kleidung jetzt im Trend liegt

Drops im Wochentakt, Begehrlichkeiten im Akkord. Und am Ende? Déjà-vu im Kleiderschrank. Wir sind übersättigt. Vom nächsten «Must-have», das schon alt ist, bevor der Karton offen ist. Der Hype sprintet, wir hecheln hinterher.
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Das Tauschgeschäft ist populär und hilft im besten Fall gegen die Fast-Fashion-Bewegung.
Foto: Jonathan Labusch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Thriften erlebt 2026 in der Schweiz einen neuen Höhepunkt
  • Secondhand senkt Umweltbelastung durch längere Nutzung von Kleidung deutlich
  • Modebranche zählt zu ressourcenintensivsten Industrien mit hohem CO₂-Ausstoss
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Valeska Jansen
Schweizer Illustrierte

Thriften beginnt selten spektakulär. Meist mit der Suche nach einer guten Jeans. Einer Lederjacke mit Substanz. Einem Mantel, der nicht nach einer Saison müde aussieht. Und plötzlich steckt man mitten in einer Haltung. Denn wer Secondhand kauft, entscheidet sich gegen das Neue um jeden Preis und für etwas, das bereits existiert, getragen wird, Spuren trägt. Und erstaunlicherweise oft besser sitzt als alles, was gerade frisch von der Stange kommt.

Was heute als Trend gefeiert wird, ist über Jahrhunderte hinweg schlicht Normalität. Kleidung ist kostbar, Stoffe sind wertvoll, Reparieren ist selbstverständlich. Niemand behauptet ernsthaft, ein Wollmantel sei «durch», nur weil ein neues Jahr beginnt.

Industrialisierung bringt Konsumwahn

Erst mit Industrialisierung und globalisierter Modeindustrie setzt sich die Idee durch, dass Kleidung billig, schnell ersetzbar und emotional folgenlos sein darf. Fast Fashion ist historisch betrachtet jung. Thriften ist keine Revolution – es ist die Rückkehr zu einer Logik, die zwischen Rabattcodes und Next-Day-Delivery in Vergessenheit gerät. Seine ästhetische Aufladung erhält Secondhand in den 1990er-Jahren. Grunge, Punk und Streetwear machen Gebrauchtes bewusst zum Stilmittel. Abgewetzte Jeans, übergrosse Mäntel, Secondhand-Lederjacken werden zu Statements gegen Perfektion und Konsumzwang. Ikonen wie David Bowie zeigen früh, dass Individualität nicht gekauft, sondern komponiert wird.

Später etabliert sich dieses Denken im Mainstream. Designerinnen wie Phoebe Philo beweisen mit Archivdenken und zeitlosen Silhouetten, dass Relevanz nicht an Neuheit gebunden ist. Und die britische Schauspielerin Tilda Swinton trägt Kleidung über Jahre hinweg und verleiht ihr immer wieder neue Kontexte – was in einer Branche, die vom permanenten Wechsel lebt, fast radikal wirkt. Dass Thriften gerade jetzt einen neuen Höhepunkt erlebt, hat weniger mit Nostalgie zu tun als mit Gegenwart. Wir sind übersättigt. Jede Silhouette ist schon einmal «It-Piece», jede Trendfarbe hat ihren Algorithmus-Moment. Wenn alles ständig neu ist, verliert Neuheit an Reiz.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Die Euphorie über das Einzelstück

Gleichzeitig wächst das Wissen um die ökologischen Folgen der Modeindustrie. Die Branche zählt zu den ressourcenintensivsten überhaupt; die Verlängerung der Nutzungsdauer eines Kleidungsstücks senkt nachweislich dessen Umweltbelastung bei Wasser, Energie und CO2 deutlich. Secondhand erweist sich damit als einer der effektivsten Hebel und bleibt dabei überraschend unaufgeregt. Doch Nachhaltigkeit allein erklärt die Faszination nicht. Thriften ist kein Verzicht, sondern ein Perspektivwechsel. Man kauft nicht schneller, sondern genauer. Man prüft Materialien, achtet auf Verarbeitung, sucht gezielt. Eine gebrauchte Wolljacke aus hochwertigem Stoff überdauert mehrere Besitzer. Ein gut gemachter Lederschuh gewinnt mit jedem Jahr an Charakter.

Patina ersetzt Perfektion. Das Objekt wird individueller und widersetzt sich der Austauschlogik. Hinzu kommt ein fast unterschätzter Faktor: Kontrolle. Während digitale Shops zum Scrollen verführen, zwingt Secondhand zum Entscheiden. Das Stöbern im Laden, das Finden eines Einzelstücks, die kleine Euphorie beim perfekten Fit – all das schafft eine andere Form von Bindung. Konsumforschung zeigt, dass Secondhand-Käufe häufig als befriedigender erlebt werden als Impulskäufe. Kleidung wird weniger austauschbar, persönlicher. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Persönlichkeiten wie der kanadische Schauspieler Keanu Reeves seit Jahren ähnliche Stücke tragen: Wiederholung wirkt nicht wie Einfallslosigkeit, sondern wie Souveränität. Im Alltag zeigt sich das unspektakulär. Eine alte Levi’s zum weissen T-Shirt. Ein Secondhand-Blazer zu Sneakern. Ein Mantel mit Geschichte über einem minimalistischen Look.

Stil entsteht durch Auswahl, nicht durch Etiketten. Und genau darin liegt die stille Ironie des Moments: Während Modezyklen immer schneller rotieren, wirkt Beständigkeit wie der eigentliche Luxus. Thriften ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein realistischer Gegenentwurf zur Wegwerfmode – leise, wirksam, ästhetisch. In einer Kultur, die sich permanent neu erfindet, hat das Getragene einen entscheidenden Vorteil: Es bleibt.

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