Darum gehts
- Caritas Zürich sammelt jährlich 170 Tonnen Textilien, Fast Fashion belastet Qualität
- Nur ein Drittel der Kleider wird verkauft, Rest geht in Recycling
- 2025: 3 Mio. Franken Umsatz, 25 Prozent Gewinn, 30 Angestellte beschäftigt
Der Raum ist bis unter die Decke mit Textilsäcken gefüllt: Es müssen weit über 100 Stück sein. Allein übers Wochenende hat sich diese Menge beim Kleidereinwurf der Caritas Zürich angesammelt. Insgesamt landen hier jedes Jahr rund 170 Tonnen Textilien – so viel wie noch nie.
Ein Grund dafür ist der Fast-Fashion-Boom. In vielen Säcken stecken Billigkleider von chinesischen Onlinehändlern wie Shein oder Temu. «Die können wir nicht weiterverkaufen», erklärt Chatrina Nicolay (51). Sie arbeitet seit 20 Jahren bei Caritas und leitet heute die sechs Zürcher Secondhandläden. «Schon aus Prinzip, um das nicht zu unterstützen.» Und weil die Qualität unterirdisch ist.
Ein Rock, der sich auflöst wie Zuckerwatte
Das bestätigt sich beim Besuch an der Birmensdorferstrasse, wo Annemarie (41) an diesem Tag die Säcke öffnet. Sie hält einen Rock mit roten Herzen hoch. Auf den ersten Blick wirkt das Stück tadellos – doch beim Anfassen wird klar: «Die Qualität ist schlecht. Der Stoff fühlt sich an wie brüchiger Plastik.» Das Material zerfalle fast in den Händen, «wie Zuckerwatte». Das Aussortieren der Säcke sei eindeutig die strengste Arbeit, sagt sie. «Dabei wechseln wir uns ab, alle packen überall mit an.» An manchen Tagen berät sie auch im Verkauf in einem der sechs Secondhandläden. Zugleich ist das Öffnen der Säcke auch spannend: «Es ist wie ein Krimi. Man weiss nie, was drinsteckt», so Annemarie.
Die Sortierung folgt einem klaren System. Zuerst wird jedes Kleidungsstück kontrolliert: Ist es sauber? Ist es noch tragbar? Danach wird entschieden, ob die Ware verkauft werden kann oder entsorgt werden muss. Zwei Drittel der gespendeten Textilien sind unbrauchbar – und gehen weiter in die Textilsammelstelle. Rund 110'000 Tonnen Alttextilien fallen in der Schweiz pro Jahr an, davon werden rund 65'000 Tonnen gesammelt.
Zwischen Fast Fashion und Altkleidern tauchen immer wieder Überraschungen auf. Das kann sogar mal eine Hermès-Tasche sein oder andere kostspielige Designer-Stücke. In den zwei Monaten, seit Annemarie bei Caritas ist, sind ihr die vielen Kleider des Schweizer Luxuslabels Akris aufgefallen. Besonders berührt hat sie aber ein alter Micky-Maus-Pullover: «Er war total verwaschen und nur noch schwarz-weiss, aber die Kinder hatten ihn mit Filzstiften angemalt.» Auf dem Rücken habe sich sogar noch eine gezeichnete Familienszene befunden. «Es ist ein kleines Stück Kunst.» Der Pulli landete am 5-Franken-Ständer.
Alles vom Luxuslabel bis zur Billigmarke
Dass sie beim Aussortieren auf Schätze stösst, die sie selber gerne behalten würde, passiert ihr selten. «Ich bin da ziemlich immun», sagt sie lachend. Viel wichtiger sei ihr das Gefühl, ein besonderes Kleidungsstück retten zu können: «Manchmal denke ich einfach: Das darf nicht im Abfall landen.» Wie viele Säcke sie in einem Tag schafft, kann Annemarie nicht sagen: «Es kommt sehr auf den Inhalt an.» Oft erkennt sie schon beim Geruch, dass nichts Brauchbares dabei ist. «Ich bin froh, wenn sich abends der Raum wieder etwas gelichtet hat und ich wieder ein Stück von der Wand sehe», sagt sie. Zu ihrer Arbeit gehört auch das Aufteilen nach Kategorien, dafür gibt es riesige Listen mit Hunderten von Marken, von Luxuslabeln bis zu Billigmarken, also von Akris bis Zebra, aufgeteilt in drei Preissegmente.
Entsprechend werden die Kleider in die Läden verteilt. An der Birmensdorferstrasse im Zürcher Kreis 4 betreibt Caritas Zürich den Gold-Laden, wo die teureren Sachen hinkommen, einen Kids-Store und den Flagship-Store für das breite Sortiment. In Zürich-Oerlikon, in Zürich-Hottingen und in Winterthur befinden sich drei weitere Läden, plus ein Onlineshop. Bis dorthin schafft es allerdings nur ein Drittel der gespendeten Textilien – für Caritas lohnt sich der Aufwand. Geschäftsführerin Nicolay sagt: «Wir können damit unsere Boutiquen betreiben, die Löhne bezahlen und machen trotzdem noch Gewinn.» Im vergangenen Jahr setzte Caritas Zürich mit ihren sechs Läden rund 3 Millionen Franken um, ein Viertel davon resultierte als Gewinn. Dieser wird für die sozialen Projekte von Caritas Zürich eingesetzt. In den Zürcher Läden arbeiten rund 30 Angestellte, es werden drei Lernende ausgebildet, dazu kommen Integrationsprogramme für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.
Secondhand ist zum Lifestyle geworden
Der erste Secondhandladen von Caritas wurde 1979 eröffnet, damals gehörten vor allem Frauen über 50 mit kleinem Budget zu den Kundinnen. Heute sieht das völlig anders aus, Secondhand liegt voll im Trend, zu verdanken sei das laut Nicolay auch der Klimajugend. «Inzwischen liegt der Durchschnitt eher bei 30-Jährigen», sagt sie. «Secondhand ist längst nicht mehr nur eine günstige Alternative, sondern ein Lifestyle geworden.» Viele freuen sich über besondere Einzelstücke, Vintageteile oder Designerware, die aus zweiter Hand erschwinglich wird – und das Umweltgewissen beruhigt.
In der Schweiz bestehen 16 regionale, unabhängige Caritas-Organisationen. Sie setzen sich für armutsbetroffene Menschen in der Schweiz ein, unabhängig von Nationalität und Weltanschauung. Caritas Zürich feiert 100 Jahre. Dazu gehört die grosse Jubiläums-Modeschau mit 100 Jahren Modegeschichte. Am Donnerstag, 28. Mai 2026, im Secondhandladen an der Birmensdorferstrasse 50, Zürich, um 19 Uhr, mit anschliessendem Apéro.