Darum gehts
- Luxus sendet Signale: Eine Louis-Vuitton-Tasche zeigt mehr als Geld – sie markiert Status.
- Je höher, desto leiser: Mittelschicht protzt, Oberschicht setzt auf Understatement.
- Schweizer Oberschicht setzt auf Understatement: Reichtum bleibt oft subtil verborgen.
Klasse ist nicht nur eine Frage des Geldes. Wer sich mit einer Louis-Vuitton-Tasche oder einer Rolex schmückt, zeigt mehr als seinen Wohlstand. Statussymbole verraten, wo wir im gesellschaftlichen Wettbewerb stehen. Laut dem Philosophen Hanno Sauer senden wir fast ständig Signale aus, die unsere Position in der sozialen Hierarchie aufzeigen: Mit Kleidung, Wohnort, Ausbildung, Sprache oder selbst Gestik und Haltung verraten wir oft unbewusst, wer «oben» und wer «unten» steht.
Blick: In der Schweiz gibt es nicht so grosse Klassenunterschiede, oder?
Hanno Sauer: Nur weil sie nicht so offensichtlich sind, heisst es nicht, dass es keine Klassen gibt. Tatsache ist: Wir kennen keine komplexen Gesellschaften ohne strukturelle Ungleichheiten, die sich über Generationen hinweg vererben. Das gilt für die Schweiz genauso wie für Deutschland, China oder Südafrika. Der Unterschied ist kulturell: In England etwa sind Klasse und Herkunft sehr wichtig, während sie in der Schweiz weniger sichtbar sind. Aber zu glauben, es gäbe sie hier nicht, ist falsch.
Wie erkennt man hierzulande die Oberschicht?
Einerseits gibt es eine starke Kultur des Understatements: Man ist diskret, bescheiden und es gibt keine übertriebene Zurschaustellung von Reichtum. Andererseits existiert natürlich echter Wohlstand – etwa in Form von Immobilien, Zweitwohnsitzen oder exklusiven Netzwerken. Dinge, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Diese Mischung ist charakteristisch für mitteleuropäische Eliten. Man zeigt, dass man es sich leisten kann, es nicht zeigen zu müssen. Man fährt einen Smart, hat aber noch ein paar Oldtimer in der Garage stehen. Das unterscheidet sich stark von anderen Regionen – etwa Dubai –, wo Reichtum viel offensiver inszeniert wird.
Der deutsche Philosoph Hanno Sauer (43) lehrt Ethik an der Universität Utrecht und beschäftigt sich mit Moral, Ungleichheit und gesellschaftlichen Hierarchien. Bekannt wurde er mit seinem Buch «Moral: Die Erfindung von Gut und Böse». In seinem neuen Werk «Klasse: Die Entstehung von Oben und Unten» erklärt er, wie Status entsteht, warum wir ständig in Hierarchien denken – und weshalb sich soziale Unterschiede bis heute hartnäckig halten.
Der deutsche Philosoph Hanno Sauer (43) lehrt Ethik an der Universität Utrecht und beschäftigt sich mit Moral, Ungleichheit und gesellschaftlichen Hierarchien. Bekannt wurde er mit seinem Buch «Moral: Die Erfindung von Gut und Böse». In seinem neuen Werk «Klasse: Die Entstehung von Oben und Unten» erklärt er, wie Status entsteht, warum wir ständig in Hierarchien denken – und weshalb sich soziale Unterschiede bis heute hartnäckig halten.
Warum ist Status überhaupt so wichtig?
Das ist unglaublich tief in uns verankert. Wir ordnen Menschen ständig ein. Oft unbewusst und so selbstverständlich, dass wir es kaum hinterfragen. Es ist fast so natürlich wie Atmen. Dabei ist Klassismus auch eine Form der Diskriminierung. Derzeit wird viel über Sexismus und Rassismus diskutiert, aber Klassismus wird dabei übersehen.
Warum?
Jemanden wegen Hautfarbe oder Geschlecht zu beurteilen, ist immer falsch. Aber Prestige kann eine sinnvolle Informationsquelle sein. Etwa wenn ich entscheiden muss, welchem Arzt ich vertraue oder an welcher Universität ich studieren soll, orientiere ich mich oft an Reputation. Status ist auch eine Art Orientierungssystem. Wir sind extrem soziale Wesen und leben in grossen Gruppen – damit sind wir in fast allem aufeinander angewiesen. Gleichzeitig müssen wir ständig einschätzen: Wem kann ich vertrauen? Wer ist kompetent? Deshalb ist Statusdenken so tief in uns verankert – und deshalb werden wir es auch nie ganz loswerden.
Sie erklären Klassenunterschiede anhand einer Louis-Vuitton-Tasche. Wie funktioniert das?
Vereinfacht gibt es vier hierarchische Gruppen: Zunächst jene Menschen, die aufgrund ihres Einkommens kaum am Statusspiel teilnehmen können. Dann jene, die Status sichtbar zeigen – also sich mit einer Louis-Vuitton-Tasche ein gewisses Prestige erkaufen. Die dritte Gruppe grenzt sich bewusst davon ab und setzt auf zurückhaltende Signale. Zuoberst gibt es eine kleine Elite, die sehr subtile Signale nutzt, die oft nur Eingeweihte verstehen. Status lebt von Abgrenzung. Sobald ein Signal zu verbreitet ist, verliert es seine Funktion – und es entstehen neue, subtilere Formen.
Luxus ist kein Zufall – er ist ein Code. Und wer ihn trägt, sendet Signale. Laut oder leise, plump oder raffiniert. Am Beispiel einer «Louis Vuitton» erklärt Philosoph Hanno Sauer seine Vier-Klassen-Logik:
- Unterschicht – kein Signal: Wer finanziell kaum über die Runden kommt, spielt beim Statuswettbewerb mit Luxusgütern nicht mit. Eine Louis-Vuitton-Tasche liegt nicht drin.
Die Mittelschicht – laute Signale: Hier wird gezeigt, was man sich erarbeitet hat. Goldene Rolex, Tasche mit riesigem LV-Logo – Hauptsache, jeder erkennt den Preis. Das Prinzip: demonstrativer Konsum. Es geht darum, sich nach unten abzugrenzen, und nach oben dazugehören zu wollen.
Die obere Mittelschicht – Gegensignale: Jetzt wird es subtiler. Wer sich seines Status sicher ist, verzichtet bewusst auf auffällige Logos. Kein Bling, kein Protz, das wäre neureiches Imponiergehabe. Understatement als Botschaft: «Ich könnte, aber das habe ich nicht nötig.»
Die Oberschicht – verborgene Signale: Die wahre Elite will unter sich bleiben und bedient sich sogenannter «vergrabener Signale». Diese sind oft so subtil, dass sie nur innerhalb dieses exklusiven Zirkels erkannt werden. Oft wird der stille Luxus zelebriert, hochwertig und unauffällig, dafür teuer: so wie eine seltene IWC oder ein T-Shirt von Brunello Cucinelli für 600 Franken, dem der Laie den Preis nicht ansieht.
Luxus ist kein Zufall – er ist ein Code. Und wer ihn trägt, sendet Signale. Laut oder leise, plump oder raffiniert. Am Beispiel einer «Louis Vuitton» erklärt Philosoph Hanno Sauer seine Vier-Klassen-Logik:
- Unterschicht – kein Signal: Wer finanziell kaum über die Runden kommt, spielt beim Statuswettbewerb mit Luxusgütern nicht mit. Eine Louis-Vuitton-Tasche liegt nicht drin.
Die Mittelschicht – laute Signale: Hier wird gezeigt, was man sich erarbeitet hat. Goldene Rolex, Tasche mit riesigem LV-Logo – Hauptsache, jeder erkennt den Preis. Das Prinzip: demonstrativer Konsum. Es geht darum, sich nach unten abzugrenzen, und nach oben dazugehören zu wollen.
Die obere Mittelschicht – Gegensignale: Jetzt wird es subtiler. Wer sich seines Status sicher ist, verzichtet bewusst auf auffällige Logos. Kein Bling, kein Protz, das wäre neureiches Imponiergehabe. Understatement als Botschaft: «Ich könnte, aber das habe ich nicht nötig.»
Die Oberschicht – verborgene Signale: Die wahre Elite will unter sich bleiben und bedient sich sogenannter «vergrabener Signale». Diese sind oft so subtil, dass sie nur innerhalb dieses exklusiven Zirkels erkannt werden. Oft wird der stille Luxus zelebriert, hochwertig und unauffällig, dafür teuer: so wie eine seltene IWC oder ein T-Shirt von Brunello Cucinelli für 600 Franken, dem der Laie den Preis nicht ansieht.
Zum Beispiel?
Auch die Oberschicht mag Louis Vuitton oder eine Rolex. Aber dann vielleicht mit Monogramm oder einem besonderen Modell. Die Signale, die man aussendet, sind längst nicht nur materiell. Klasse kann man sich nicht kaufen. Ein Beispiel ist Christian Kracht senior (1922–2011). Er war in den 1960er-Jahren die Nummer zwei beim Springer-Verlag und wohl einer der ersten Manager, der 1 Million verdient hat. Er hatte alles, das Chalet in Gstaad, die Villa an der Côte d’Azur, eine Wohnung im noblen Mayfair in London – trotzdem hat er nie ganz dazugehört.
Warum nicht?
Weil er es nicht geschafft hat, die Codes der englischen Elite zu lernen. Das beschreibt sein Sohn, der Schriftsteller Christian Kracht in einem Buch. Dabei hat er alles richtig gemacht und verdiente mehr Geld als viele aus dieser Elite.
Was sind das für Codes?
Die handgenähten Schuhe sind zwar teuer, aber schon etwas abgerieben. Im Kaschmirpullover ist ein kleines Loch. Schauen Sie sich King Charles in seiner abgewetzten Barbourjacke an. Es braucht immer mindestens eine Generation, um aufzusteigen. Dafür schickt man die Kinder in die Internate der Elite, damit diese Feinheiten in Fleisch und Blut übergehen.
Was passiert, wenn jemand «von unten» in höchste Kreise einheiratet – so wie heute bei den Royals?
Das kann funktionieren oder schiefgehen. Mette-Marit von Norwegen wurde von Anfang an nicht akzeptiert als Frau an der Seite von Thronfolger Haakon.
Woran liegt das?
Sie kommt aus einem zwielichtigen Milieu, wurde mit Drogen und Partys in Verbindung gebracht, ist jung Mutter geworden. Das ist für viele Menschen in Norwegen ein Problem – unabhängig von ihrer Person. Wenn jemand aus «niedrigerem» Status in eine repräsentative Rolle aufsteigt, wird das oft als unpassend empfunden. Die Herkunft ist ein zentraler Faktor. Das sieht man gut am Beispiel von Prinzessin Diana: Sie wurde in Grossbritannien sofort akzeptiert, weil sie selbst aus einer sehr alten und hoch angesehenen Adelsfamilie stammte, den Spencers.
Prinzessin Kate ist nicht adlig, wird aber trotzdem als Frau des künftigen Königs akzeptiert.
Catherine stammt zwar nicht aus adligen, aber sehr wohlhabenden Kreisen, war an der gleichen Elite-Uni wie William und sie hat sich keine Skandale geleistet. Sie füllt ihre Rolle so aus, wie es von ihr erwartet wird. Das sieht man auch in anderen europäischen Adelshäusern. Allerdings gibt es auch innerhalb solcher Eliten Statusunterschiede. Für das spanische Königshaus sind die britischen Windsors fast wie «Neureiche», weil ihre Geschichte vergleichsweise kurz ist. Oder schauen Sie sich das Fürstentum Liechtenstein an: Die Fürstenfamilie gehört zu den reichsten Häusern Europas, aber ist so diskret, dass sie öffentlich kaum wahrgenommen wird.
Der Aufstieg ist also nicht einfach, der Fall hingegen geht schnell.
Absolut. Wenn jemand wie Andrew seinen Prinzentitel verliert, sinkt er zwar nicht so tief wie ein Päderast, der im Knast sitzt, der Schaden ist trotzdem irreparabel. Der Aufstieg in eine andere Klasse ist extrem schwierig. Das sieht man an Amazon-Chef Jeff Bezos und seiner Frau. Trotz all ihrem Geld wirken sie immer etwas billig.
Manchen gelingt der Aufstieg ohne Geld, so wie der Hochstaplerin Anna Sorokin. Über sie gab es sogar eine Netflix-Serie.
Sie hat die gesamte New Yorker High Society an der Nase herumgeführt. Hochstapler faszinieren uns seit jeher, weil sie diese Codes der Oberklasse scheinbar mühelos beherrschen. Sie schaffen etwas, das den wenigsten gelingt: Sie imitieren Zugehörigkeit perfekt. Das wirkt fast wie ein Kunststück. Gleichzeitig ist das Risiko enorm – denn wenn der Betrug auffliegt, reagieren wir sehr hart. Vertrauen ist für uns als soziale Wesen zentral und Täuschung wird entsprechend sanktioniert.
Es gibt immer mehr Superreiche – und gleichzeitig immer mehr Menschen, die ihre Miete kaum mehr bezahlen können. Erleben wir gerade eine Verschärfung der sozialen Unterschiede?
Global gesehen werden Menschen nicht ärmer, aber ja, die Ungleichheiten nehmen zu. Gleichzeitig beobachten wir einen Wandel der Eliten. Es gibt heute Gruppen mit viel kulturellem Einfluss, aber vergleichsweise wenig Geld – etwa im Medien-, Kultur- oder akademischen Bereich. Und es gibt sehr wohlhabende Gruppen mit wenig kulturellem Prestige. Diese unterschiedlichen Eliten entwickeln eigene Werte, Statussymbole und oft auch gegensätzliche politische Haltungen.