Darum gehts
- Ein Paillettenkleid für 30 Franken bei Caritas
- Auf dem roten Teppich merkt niemand, dass es ein Schnäppchen ist
- Für Secondhand muss man sich nicht schämen
Anlässe, um ein langes Abendkleid zu tragen, gibt es immer seltener. Umso grösser ist die Freude über die Einladung zur neuen Gala-Veranstaltung im Zürcher Opernhaus: Dresscode Black Tie. Aber was anziehen? Lohnt es sich wirklich, viel Geld für ein Kleid auszugeben, das danach die meiste Zeit im dunklen Schrank hängt?
Etwas Passendes hätte ich bestimmt noch. Aber die Lust auf etwas Neues ist gross. Und dann sehe ich es zufällig glitzern: ein rosafarbenes Paillettenkleid! Und das erst noch im Secondhandladen der Caritas. Es passt wie angegossen. Preis: 30 Franken.
Besser als ein Billig-Fummel aus China
Kann man damit an einen hochkarätigen Anlass? Sieht man mir an, dass ich ein günstiges Schnäppchen anhabe? Immerhin besser als ein Kleid von Shein. So wie jenes von Jennifer Rauchet, der Ehefrau von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth. Beim Korrespondenten-Dinner im Weissen Haus wurde ihr Abendkleid als 43-Dollar-Polyester-Sünde aus China entlarvt – alles andere als «America First».
Sparsamkeit könnte man ihr immerhin attestieren. Aber ein billiges Kleid online zu bestellen, ist keine Kunst. Eine solche Trouvaille zu entdecken, dagegen schon – dafür braucht es ein gutes Auge, Geschmack und etwas Glück. Und mein Kleid ist ein Einzelstück, ich laufe also nicht Gefahr, meinem doppelten Lottchen zu begegnen. Seine Belastbarkeit hat es offenbar bereits bewiesen, schliesslich war es schon mindestens einmal auf einer Party. Die Pailletten sind zwar böser Plastik. Aber umso besser, wenn das Kleid noch viele Abende erlebt – wenn nicht mit mir, dann mit seiner nächsten Besitzerin. Das beruhigt mein Gewissen – gegenüber der Umwelt und meiner Shoppinglust.
Kitsch oder glamourös?
Letzte Zweifel plagen mich: Ist so viel rosa Glitzer vielleicht zu kitschig? Doch nachdem selbst Nicole Kidman an der Met Gala im Paillettenkleid erschienen ist, ist das meine Inspiration. Auf dem roten Teppich fühle ich mich entspannt und bekomme ein Kompliment nach dem anderen, besonders von Frauen. Und jedes Mal flüstere ich fast verschwörerisch: «30 Stutz vom Caritas.» Peinlich ist mir das kein bisschen – im Gegenteil. Secondhand ist längst gesellschaftlich angekommen.