Ein paar Seiten vor dem Einschlafen, eine Geschichte auf dem Sofa oder ein gemeinsames Bilderbuch am Nachmittag: Für viele Familien gehört Vorlesen zum Alltag. Und das lohnt sich offenbar gleich mehrfach: Regelmässiges Vorlesen kann Kinder in ihrer sprachlichen und geistigen Entwicklung unterstützen. Sie hören neue Wörter, lernen unterschiedliche Satzstrukturen kennen und bekommen ein besseres Gefühl für Sprache.
Doch der Effekt geht über den Wortschatz hinaus.
Geschichten trainieren das Denken
Wenn du deinem Kind eine Geschichte vorliest, muss es zuhören, sich Figuren und Handlungen merken und Zusammenhänge herstellen. Was ist gerade passiert? Warum handelt eine Figur so? Was könnte als Nächstes passieren? Damit werden unter anderem Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Vorstellungskraft angesprochen.
Gerade in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, kann das gemeinsame Lesen einen wichtigen Gegenpol schaffen. Beim Vorlesen geht es nicht nur darum, Informationen aufzunehmen. Kinder können sich ihre eigene Welt im Kopf erschaffen.
Vorlesen schafft Nähe
Der vielleicht wichtigste Effekt lässt sich ohnehin nicht messen: Gemeinsames Lesen schafft Nähe. Wenn du dich mit deinem Kind hinsetzt, das Handy weglegst und ihm deine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkst, entsteht ein Moment der Ruhe. Körperliche Nähe, deine Stimme und das gemeinsame Eintauchen in eine Geschichte können Kindern Sicherheit vermitteln. Vor allem am Abend kann daraus ein beruhigendes Ritual werden.
Und auch Gespräche ergeben sich fast automatisch: Warum ist die Figur traurig? War das richtig? Wie würdest du dich fühlen? Solche Fragen helfen Kindern dabei, Gefühle und soziale Situationen besser zu verstehen.
Geschichten machen Kinder empathischer
Literatur ermöglicht Kindern, die Welt aus der Perspektive anderer Menschen zu betrachten. Sie erleben Freude, Angst, Wut, Enttäuschung oder Mut – zunächst bei den Figuren. Das kann dabei helfen, Empathie und soziale Fähigkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig lernen Kinder, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich denken und handeln können.
Auch kritisches Denken lässt sich beim Lesen fördern: Nicht jede Figur hat recht, nicht jede Geschichte endet so, wie man es erwartet, und manchmal gibt es mehrere mögliche Antworten.
Du musst keine perfekte Vorlesestunde organisieren
Das Wichtigste ist nicht, möglichst lange oder möglichst anspruchsvolle Bücher vorzulesen. Entscheidend ist die Regelmässigkeit. Schon eine kurze gemeinsame Lesezeit kann zu einem festen Ritual werden. Dabei darfst du dein Kind auch entscheiden lassen, welches Buch heute an der Reihe ist. Wiederholungen sind ebenfalls völlig in Ordnung – selbst wenn du die Geschichte längst auswendig kennst.
Besonders wertvoll wird das Vorlesen, wenn du zwischendurch Fragen stellst oder dein Kind erzählen lässt, was es auf den Bildern entdeckt.
20 Minuten, die euch beiden guttun
20 Minuten Vorlesen am Tag, mehr braucht es nicht. Die gemeinsame Zeit kann Sprache und Denken fördern, die Fantasie anregen und Kindern helfen, ihre Gefühle und die Welt besser zu verstehen. Aber vor allem schafft Vorlesen Nähe. Du sitzt neben deinem Kind, ihr taucht gemeinsam in eine Geschichte ein. Und für einen Moment zählt nur ihr beide.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet.pl.