Darum gehts
- Immer mehr Menschen nutzen KI für medizinische Ersteinschätzungen statt Ärztebesuche
- KI liefert hilfreiche Infos, ersetzt jedoch keine Untersuchungen durch Fachpersonen
- Gefahr: Vertrauen auf KI kann zu verzögerten Arztbesuchen und Risiken führen
Ein Ziehen im Bauch, ein stechender Kopfschmerz oder plötzliches Unwohlsein: Schnell mal ChatGPT fragen, was das sein könnte? Für viele beginnt die Suche nach einer Erklärung heute nicht mehr in der Arztpraxis, sondern direkt auf dem Handy, oft gleich mit der eigenen Diagnose im Kopf.
Ein paar Stichworte reichen, und schon spuckt die künstliche Intelligenz mögliche Ursachen, Einschätzungen und manchmal sogar eine vermeintliche Diagnose aus. Doch wie verlässlich ist diese digitale Ersteinschätzung wirklich? Und wann wird aus dem digitalen Helfer ein Risiko?
Die KI sitzt inzwischen mit im Wartezimmer
Diese Entwicklung erlebt auch Beat Lehmann, Direktor an der Universitätsklinik für Notfallmedizin am Inselspital Bern. Immer häufiger kommen Patientinnen und Patienten mit bereits recherchierten Informationen und konkreten Vermutungen ins Gespräch. «Patientinnen und Patienten informieren sich heute oft vor einer Konsultation über ihre Beschwerden – über Suchmaschinen, Gesundheitsportale oder zunehmend auch über KI-Systeme. Das Bedürfnis, medizinische Informationen vorab einzuordnen, ist nicht neu. Neu ist, dass KI in kurzer Zeit sehr ausführliche und sprachlich überzeugende Antworten liefern kann», sagt Lehmann zu Blick.
Für den Mediziner ist diese Vorbereitung nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Wer sich mit seinem Körper beschäftigt, kann im Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt oft gezieltere Fragen stellen. «Wir beobachten, dass Patientinnen und Patienten teilweise mit konkreteren Fragen oder möglichen Diagnosen in die Sprechstunde kommen. Das kann den Austausch bereichern – ersetzt aber keine medizinische Abklärung.»
Zwischen Verdacht und Diagnose liegen Welten
Denn eine KI kann zwar Muster erkennen und Informationen liefern – sie kann aber weder fühlen, untersuchen noch medizinische Befunde erheben. «Die Qualität einer KI-Antwort hängt stark davon ab, welche Informationen eingegeben werden und wie die Frage gestellt wird», erklärt Lehmann. «Eine Diagnose entsteht aber nicht einfach aus einer Liste von Symptomen.» Dafür braucht es viel mehr: ein Gespräch, eine körperliche Untersuchung, Laborwerte, Bildgebung und die Erfahrung von Fachpersonen.
Problematisch wird es dann, wenn Menschen der Antwort einer KI blind vertrauen. «Gefährlich kann KI-Nutzung werden, wenn sie falsche Sicherheit vermittelt, Warnzeichen verharmlost oder eine notwendige ärztliche Abklärung verzögert», sagt Lehmann. Gerade bei akuten Beschwerden könne das entscheidend sein. Die Zukunft sieht Lehmann deshalb nicht in einem Wettkampf zwischen Mensch und Maschine. «Wir sehen KI weder als Ersatz für die ärztliche Beurteilung noch grundsätzlich als Gefahr. Sie kann eine Unterstützung sein – zur Information, Orientierung und Vorbereitung.»