Darum gehts
- Der Gender Health Gap führte zur strukturellen Benachteiligung von Frauen im Gesundheitssystem
- Weibliche Hormone beeinflussen Botenstoffe, die bei Migräne eine Schlüsselrolle spielen
- Gynäkologie und Neurologie entwickeln interdisziplinäre Ansätze, um Betroffenen besser zu helfen
Lange galt in der Medizin der Mann als Standard. Das führte zum sogenannten Gender Health Gap – der strukturellen Benachteiligung von Frauen im Gesundheitssystem. Bis heute werden die spezifischen Beschwerden von Frauen deshalb oft verharmlost. Das zeigt sich unter anderem bei der Migräne.
Viele Betroffene kämpfen sich jahrelang mit Schmerzmitteln durch den Alltag, bis sie die korrekte Diagnose erhalten. Dabei sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Von den rund eine Million Migräne-Erkrankten in der Schweiz sind 800'000 Frauen. Weltweit sind Frauen etwa dreimal häufiger von den hämmernden, pulsierenden Kopfschmerzen betroffen als Männer.
Die Hormon-Falle ab der Pubertät
Sobald Mädchen in die Pubertät kommen, steigt ihr Migränerisiko massiv an. Der Grund: Die weiblichen Hormone beeinflussen die Ausschüttung des Botenstoffs Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) im Trigeminusnerv – einer der Hauptauslöser für die brutalen Kopfschmerz-Attacken.
Weil in der Praxis oft der Blick für das grosse Ganze fehlt, bleibt dieser hormonelle Zusammenhang teilweise unentdeckt. Die Schweizer Plattform «HerHealth» will das ändern und treibt deshalb einen interdisziplinären Ansatz in der Frauengesundheit voran. So haben zum Beispiel die Gynäkologin Lea Köchli und der Neurologe Reto Agosti zusammengefunden, um ihre Synergien zu nutzen.
Muster im Zyklus erkennen
In ihrer Praxis sieht Lea Köchli vom Frauengesundheitszentrum Zürich, wie eng die Migräne mit den hormonellen Phasen im Leben einer Frau verknüpft ist. Zwei Formen sind besonders verbreitet:
- Die menstruelle Migräne: Sie tritt zwei Tage vor bis drei Tage nach dem Einsetzen der Monatsblutung auf (in mindestens zwei von drei Zyklen). Der Auslöser ist der Abfall des Östrogenspiegels nach dem Eisprung.
- Die zyklusassoziierte Migräne: Sie ist ebenfalls vom Hormonverlauf abhängig, kann aber auch in anderen Zyklusabschnitten auftreten.
Hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille, das Verhütungsstäbchen oder die Spirale spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Einerseits können sie bei manchen Frauen eine Migräne auslösen, andererseits aber auch als Therapie eingesetzt werden. Sie gleichen die hormonellen Tagesschwankungen aus und lindern so die Schmerzen.
Für Lea Köchli ist klar: «Eine Migräneanamnese gehört in jede normale gynäkologische und hausärztliche Untersuchung.» Wichtig sei auch ein Zyklus-Migräne-Tagebuch. Darin tracken die Frauen per App oder Kalender ihre Migräne-Symptome und ihren Zyklus. «Das macht es viel einfacher, Muster zu erkennen und die passende Therapie zu finden», sagt die Expertin.
Es gibt mehr als 200 Arten von Kopfschmerzen: Primäre Kopfschmerzen sind unter anderem klassische Spannungskopfschmerzen, Migräne und Cluster-Kopfschmerzen, wobei sekundäre Kopfschmerzen oft Begleitsymptome einer anderen Erkrankung oder die Nebenwirkung gewisser Medikamente sind.
Die Onlinepraxis santé24 bietet für Kopfschmerzen und Migräne eine fachärztliche Sprechstunde an. Im Rahmen dieser wird eine ausführliche Anamnese erhoben inklusive Diagnosestellung mit anschliessender Behandlung im telemedizinischen Setting.
Es gibt mehr als 200 Arten von Kopfschmerzen: Primäre Kopfschmerzen sind unter anderem klassische Spannungskopfschmerzen, Migräne und Cluster-Kopfschmerzen, wobei sekundäre Kopfschmerzen oft Begleitsymptome einer anderen Erkrankung oder die Nebenwirkung gewisser Medikamente sind.
Die Onlinepraxis santé24 bietet für Kopfschmerzen und Migräne eine fachärztliche Sprechstunde an. Im Rahmen dieser wird eine ausführliche Anamnese erhoben inklusive Diagnosestellung mit anschliessender Behandlung im telemedizinischen Setting.
Was hilft bei einer Migräne-Attacke?
Als Ergänzung zur gynäkologischen Behandlung oder wenn Hormone in bestimmten Situationen keine Option sind, kommt Reto Agosti vom Kopfwehzentrum Hirslanden Zürich ins Spiel. Er verfolgt ein ganzheitliches Drei-Säulen-Modell:
1. Akuttherapie: Schmerzmittel, Triptane oder Mittel gegen Übelkeit, um eine Migräne-Attacke schnell zu stoppen. Neu stehen auch zwei sogenannte Gepante zur Verfügung, die gezielt gegen Migräne wirken.
2. Medikamentöse Prophylaxe: sinnvoll ab drei bis vier Migränetagen pro Monat. Neben klassischen Medikamenten wie Betablockern oder niedrig dosierten Antidepressiva helfen heute auch moderne Therapien wie Botulinumtoxin-Injektionen, CGRP-Antikörper oder CGRP-Tabletten (Gepante).
3. Nicht-medikamentöse Strategien: Sport, Entspannungstechniken und Förderung der Lebensqualität.
Dass die Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie und Neurologie hilfreich ist, zeigt sich besonders bei der Migräne mit Aura. Bei dieser Form leiden Betroffene zusätzlich unter Sehstörungen oder Taubheitsgefühlen. «Frauen mit einer Migräne mit Aura sollten keine klassischen oralen Östrogen-Präparate einnehmen», sagt Agosti. «Das Schlaganfallrisiko ist hier massiv erhöht.» Aus demselben Grund sollten Betroffene auch strikt auf das Rauchen verzichten.
Akupunktur in der Schwangerschaft
In der Schwangerschaft und in der Stillzeit ist der fachliche Austausch ebenfalls essenziell. Während sich die Migräne im zweiten und dritten Trimester der Schwangerschaft durch die stabilen Hormonwerte oft von alleine verbessert, kann sie sich im ersten Trimester verschlechtern.
«Nicht-hormonelle oder komplementärmedizinische Ansätze wie Akupunktur sind in dieser Zeit sehr wertvoll für die Frauen», sagt Lea Köchli. Einige Migräne-Medikamente können in der Schwangerschaft eingesetzt werden. Welche infrage kommen, sollte jedoch von Gynäkologen und Neurologen sorgfältig beurteilt werden.