Tschüss Zimmertemperatur!
Die Faustregel für Rotweine ist veraltet

Die Empfehlung stammt aus vergangenen Zeiten, als die Stube der einzige geheizte Raum war und dort die Temperaturen selten die 20-Grad-Marke knackten.
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Weinthermometer dienen der Beweisführung, letztendlich entscheidet dein Temperaturempfinden, ob der Rotwein zu warm oder zu kalt ist.
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Darum gehts

  • Zu warmer Rotwein schmälert den Genuss
  • Im Zweifelsfall lieber zu kühl als zu warm servieren
  • Das Temperaturempfinden ist individuell verschieden, auch am Gaumen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Ursula GeigerRedaktorin Wein

«Chambrieren» ist ein schönes Wort aus dem 19. Jahrhundert und bedeutet, Rotwein auf Zimmertemperatur bringen. Heute sind «chambrierte» Rotweine viel zu warm. 

Mehr als 16 Grad Celsius sind nicht nötig. Wein erwärmt sich bereits beim Einschenken und ein bis zwei Grad und kommt in warmer Umgebung schnell auf Temperatur. Ein paar Finessen gibt es dennoch, und die sind vom Wein-Typ abhängig.

Je schwerer, desto wärmer?

Falsch. Wird zum Beispiel ein kräftiger Amarone mit einem Alkoholgehalt von 15 Volumenprozent mit 20 Grad serviert, drängt sich der Alkohol zu sehr in den Vordergrund zum Nachteil für die feine Aromatik von dunklen Beeren und Gewürzen. 

Barolo hat zwar weniger Alkohol als Amarone, dafür sind die Gerbstoffe präsenter. Wird der noble Rote aus dem Piemont zu warm serviert, wirken diese rauer und kantiger.

Je leichter, desto kühler?

Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der rote Sprudler Lambrusco kommt knackig kalt ins Glas und schmeckt darum im Sommer am besten. Pinot noir ohne Barrique-Ausbau kommt mit kühlen 14 Grad gut zur Geltung. Dasselbe gilt für fruchtbetonten Gamay oder Rotweine mit einer Spur Restsüsse. 

Pinot noir aus der Oberliga reifen oft in Barriques und haben darum mehr Aromenfülle. Hier sind 16 Grad eine gute Wahl.

Unser Temperaturempfinden funktioniert ganz gut. Doch was den einen zu kühl ist, empfinden andere Gaumen bereits als zu warm. Doch einen zu warmen Rotwein auf die optimale Temperatur zu kühlen ist schwierig. Wenn das Gegenüber mit beiden Händen den Kelch umschliesst, um «seinen» Rotwein zu wärmen, ist das okay.

Mit einem Weinthermometer könnte man nun dem Gfrörli beweisen, das es unrecht hat. Das ist allerdings ganz und gar uncharmant. 


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