Darum gehts
- In Umbrien werden mehr Rot- als Weissweine produziert
- Die eigenwilligste Sorte heisst Sagrantino
- Die daraus gekelterten Weine brauchen Aufmerksamkeit und Zeit
Sagrantino ist eine der eigenwilligsten Rebsorten Italiens. In erster Linie ist er geprägt durch eine Fülle an traubeneigenem Tannin, Gerbstoff also, der am Gaumen und auf der Zunge als trocken und herb wahrgenommen wird. Zugleich ist Tannin ein Gerüst, verleiht dem Wein Struktur und verhilft ihm mitunter zu einem langen Leben. Wie so oft gilt: Jeder Nachteil hat einen Vorteil und vice versa.
Der Name leitet sich möglicherweise von «sagra» ab – dem italienischen Wort für Volksfest oder Kirchweih. Tatsächlich war der kraftvolle, ursprünglich stets süsse Wein lange Zeit für Festlichkeiten vorgesehen. In Umbrien war das Antrocknen der Trauben zur Konzentration von Zucker und Extraktstoffen, das Appassimento, über Jahrhunderte verbreitet. Der so entstandene Sagrantino Passito – dunkelrot, mit üppiger Frucht und intensivem Beerengeschmack – war jedoch von instabiler Natur und musste rasch getrunken werden; in kleinen Mengen wird er auch heute noch produziert.
Erst süss, dann trocken
Als süsse Rotweine in den 1960er-Jahren aus der Mode kamen, geriet der Sagrantino vorübergehend in Vergessenheit. Erste Winzer wagten den Schritt zu Trockenversionen und erzeugten Weine von beinahe schwarzer Farbe – alkohol- und tanninreich und von rustikaler Wucht.
Den entscheidenden Wandel brachten Pioniere wie Alvaro Palini von der Cantina Adanti, später Filippo Antonelli und die Familie Caprai. Arnoldo Caprai, dessen Weinhaus heute zu den führenden Sagrantino-Produzenten zählt, verstarb Anfang Jahr 92-jährig. Für seine Verdienste um den Weinbau von Montefalco wurde Caprai 2003 vom italienischen Staatspräsidenten Carlo Azelio Ciampi zum Cavaliere del Lavoro, zum Ritter der Arbeit, geschlagen.
Neustart in den 1980er-Jahren
Ab den 1980er-Jahren verfeinerten die Winzer von Montefalco den Sagrantino-Stil und fanden das Gleichgewicht zwischen Frucht, Tannin und Säure, das dem Wein zuvor gefehlt hatte. Mit der Verleihung der DOCG-Auszeichnung im Jahr 1992 begann ein rasanter Aufstieg: Aus einer bis dahin kaum bekannten Rarität wurde in den 1990ern eine der gefragtesten Entdeckungen der italienischen Weinszene.
Zu viel des Guten
Die Anbaufläche spiegelt diesen Boom eindrucksvoll wider: von weniger als 50 Hektar zur Zeit der DOCG-Anerkennung auf 120 Hektar im Jahr 2000 – und schliesslich auf beachtliche 750 Hektar im Jahr 2020. Die Weinbergsfläche wuchs, gemessen an den tatsächlich erzeugten Flaschenmengen, weit über den realen Bedarf hinaus. Inzwischen ist sie wieder auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft.
Eine Besonderheit des Anbaugebiets ist, dass es in Montefalco keinen Zweitwein gibt, wie man es etwa mit Brunello und Rosso von Montalcino her kennt. Montefalcos mengenmässig bedeutendster Wein ist der Rosso di Montefalco DOC, dieser muss zu 60 bis 70 Prozent aus Sangiovese und 10 bis 15 Prozent Sagrantino bestehen.