Echtheit von Raritäten belegen
Erwischt – Protonenstrahl entlarvt gefälschte Weine

Ein Weinskandal der 1980er Jahre erschütterte die Branche: Hardy Rodenstock bot angebliche Raritäten aus Thomas Jeffersons Besitz an. Die millionenteuren Flaschen entpuppten sich als Fälschungen. Heute lassen sich Betrüger dank moderner Methoden schneller enttarnen.
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Château Lafite-Rothschild gehört zu den 1er Grands Crus Classés in Bordeaux.
Foto: Shutterstock

Darum gehts

  • Für Weinraritäten werden oft astronomisch hohe Preise bezahlt
  • Um die Echheit der Flasche zu überprüfen, musste der Wein bisher entkorkt werden
  • Nun kann ein raffiniertes Verfahren das Alter des Flaschenglases bestimmen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Wilma FasolaRedaktorin Specials

Es war einer der grössten Skandale der Weinwelt: In den 1980er Jahren offerierte der Weinhändler Hardy Rodenstock (†) – bürgerlich Meinhard Görke – einige alte Flaschen Bordeaux-Weine, die er in einem Keller in Paris gefunden haben wollte.

Die Flaschen der Raritäten, unter anderem ein 1787er Lafitte, trugen zu einem grossen Teil die eingravierten Initialen «Th. J.». Deshalb deklarierte er sie als Fundstücke aus dem Besitz von Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der USA.

Echte Rarität oder gelungene Fälschung?

Einige der Flaschen wurden zu Rekordpreisen ersteigert. Doch im Laufe der Jahre kamen Zweifel an der Echtheit der Weine auf, insbesondere an den Jefferson-Flaschen. Der US-Milliardär William Koch, der Weine für eine halbe Million Dollar gekauft hatte, liess sie von Experten untersuchen.

Das Fazit: Zumindest die Gravur wurde mit einem modernen Präzisionsgerät angefertigt. Dass im Nachgang einige der beteiligten Graveure zugaben, von Rodenstock beauftragt worden zu sein, untermauerte diesen Beleg. Koch verklagte Rodenstock und der einstige Weinhändler wurde in der Weinszene zur Persona non grata.

Die Atomphysik als Helfer

In diesem Fall war es die Gravur, die die Fälschung entlarvte. Ganz so einfach ist es jedoch nicht immer. Mit blossem Auge zu erkennen, ob die teure Rarität wirklich ihren Preis wert ist, ist quasi unmöglich. Hier braucht es ein wenig mehr Einsatz und entsprechende Experten.

Diese greifen dabei zunehmend auf eine Methode aus der Physik zurück. Sie untersuchen den Wein – der jedoch dafür geöffnet werden muss – auf Spuren von C14-Isotopen (radioaktiver Kohlenstoff). Diese Isotope gelangten zwischen 1945 und 1963 durch oberirdische Atomwaffentests in die Atmosphäre – ein Phänomen, das als «Bombenpuls» bekannt wurde.

Sichere Methode ab Jahrgang 1950

Da Weinreben während der Photosynthese das Kohlenstoffdioxid aus der Umgebung aufnehmen, spiegelt sich die C14-Konzentration in den Trauben wider. Durch eine genaue Messung des Verhältnisses des radioaktiven Kohlenstoffs-14 zu stabilem Kohlenstoff-12 können Wissenschaftler also das Alter eines Weins auf etwa ein Jahr genau bestimmen.

Findet sich beispielsweise in einem als Jahrgang 1970 deklarierten Wein eine C14-Signatur, die erst für das Jahr 2000 typisch ist, ist die Fälschung wissenschaftlich belegt. Die Methode bietet insbesondere für Weine, die nach 1950 produziert wurden, eine äusserst präzise und unbestechliche Möglichkeit zur Überprüfung der Authentizität.

Protonenstrahl erkennt Flaschenalter

Heute lässt sich das Alter eines Weines mit der Untersuchung des Flaschenglases bestimmen. Was denen entgegenkommt, die die Rarität eben nicht entkorken möchten. Französische Kernphysiker nutzen einen hochenergetischen Protonenstrahl, um gefälschte alte Weine durch eine zerstörungsfreie Analyse der Flasche zu entlarven.

Die von den Elementen im Glas abgegebene Röntgenstrahlung erzeugt einen chemischen «Fingerabdruck». Da sich Glasherstellungsverfahren über Jahrzehnte verändert haben, ermöglicht dieser Fingerabdruck den Rückschluss auf das Alter und die Herkunftsregion der Flasche. 

Aktuell können Forscher das Alter einer Flasche auf 15 Jahre genau bestimmen. Ziel ist, durch den Ausbau der Vergleichsdatenbank eine Präzision von ein bis zwei Jahren zu erreichen. Einziger Wermutstropfen: Die Methode datiert nur die Flasche. Das genaue Alter des Weins lässt sich dann eben doch nur anhand der C14-Signatur erkennen. 

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