Darum gehts
- Die Walliser geben importierten Rebsorten gern eigene Namen.
- Die weisse Sorte Sylvaner wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Georges-Eugène Masson aus Deutschland ins Wallis gebracht.
- Zu Ehren des berühmten Riesling-Weinguts Schloss Johannisberg nannte Masson den Sylvaner «Johannisberg», was zu einiger Konfusion führte.
Das mit den Rebsortennamen im Wallis ist eine echte Herausforderung, zumindest für Üsserschwiizer. Chasselas? Heisst im Wallis Fendant. Pinot gris wird Malvoisie genannt. Marsanne blanche trägt den Namen Ermitage. Und die weisse Spezialität Sylvaner segelt unter dem Etikett Johannisberg.
Die Rebsorte Sylvaner stammt ursprünglich aus Österreich. Heute findet man sie vor allem in Deutschland, in Franken ist sie gar die unbestrittene Leitsorte. Ins Wallis gelangte sie kurz nach Mitte des 19. Jahrhunderts. Georges-Eugène Masson, der Sohn des Gründers der Domaine du Mont d’Or, des ältesten Walliser Weinguts, importierte die ersten Sylvaner-Stöcke angeblich vom berühmten Schloss Johannisberg im deutschen Rheingau ins Wallis.
Riesling oder Sylvaner, das ist hier die Frage
Doch die Geschichte hat einen Haken: Auf Schloss Johannisberg, damals im Besitz der Fürsten von Metternich, wird seit 1720 ausschliesslich Riesling angebaut. Hat also der junge Masson irrtümlich Rieslingreben in die Schweiz gebracht und auf den von Trockensteinmauern gestützten Steillagen vor den Toren Sittens angepflanzt?
Wahrscheinlicher ist, dass er die Rebsorte als Hommage ans Schloss Johannisberg umbenannte. Ungünstigerweise galt der Name Johannisberg damals im Wallis aber als Synonym für Riesling. Die Sorte Sylvaner, die zur gleichen Zeit erstmals im Wallis auftauchte, wurde dagegen «Rhin» genannt.
Um die Sache vollends zu verkomplizieren, wurden die Identitäten der beiden Sorten ab 1928 im allgemeinen Sprachgebrauch getauscht. Da half auch die Empörung der Spezialisten nichts: Fortan wurde der Sylvaner als Johannisberg bezeichnet und nicht mehr der Riesling. Mit 322 Hektar ist der Johannisberg heute hinter dem Chasselas (alias Fendant) die zweitwichtigste weisse Sorte im Wallis. Und die Domaine du Mont d’Or, wo der erste Johannisberg angepflanzt wurde, ist bis heute berühmt für ihre trocken, halbsüss und edelsüss ausgebauten Weine der Sorte.
Vielseitiger Essensbegleiter
1966 wurde die Bezeichnung Johannisberg für die Sorte Sylvaner im Wallis geschützt. Seit 1985 darf die Varietät nur noch in der ersten (= besten) Zone angepflanzt werden. In guten Lagen bringt sie spannende Weine hervor, geprägt von Bittermandelnoten und Kräutern, elegant und stoffig.
Trocken vinifiziert passen sie zum Apéro, zu Spargeln, Süsswasserfischen und Weichkäse, als edelsüsse Raritäten schwingen sie sich zu köstlichen Meditationsweinen auf. Gleichgültig, ob man sie Sylvaner oder Johannisberg nennt…