Einfach Claudio fragen
Ist Essen der Sex des Alters?

Angestossen durch die Frage einer Kollegin zu Marroni-Amaretto, widerspricht Claudio Del Principe der Ansicht, gutes Essen sei der Ersatz für Sex im Alter: Für ihn bleiben Genuss, Begehren und Lebenslust bis zuletzt untrennbar verbunden.
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Lust kennt kein Ablaufdatum: In seiner Kolumne plädiert Claudio Del Principe dafür, das Schlafzimmer niemals kampflos gegen das Esszimmer einzutauschen.
Foto: Getty Images

Darum gehts

  • Eine Kollegin fragt nach Marroni-Amaretto, ob Essen der Sex des Alters sei
  • Er erinnert an Christine, Opernsängerin und Köchin, und ihren jungen Violinisten Vladimir als Paar
  • Für ihn ist gutes Essen kein Trostpreis, sondern gehört mit Sex zur Lebenslust bis zuletzt
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Claudio Del Principe

Diese Frage warf kürzlich meine Redaktionskollegin Katja auf. Sie hatte einen Marroni-Amaretto aus einer Tessiner Bäckerei gegessen und dabei so genussvoll gestöhnt, dass ihre Kolleginnen lachen mussten. Sie meinte daraufhin scherzhaft, Essen sei halt der Sex des Alters. Ob das nicht ein Thema für meine Kolumne wäre?

Aber sicher, liebe Katja! Wobei ich gleich eine Gegenfrage habe: Wieso nur des Alters? Und warum sollte das eine das andere ersetzen? Am schönsten ist es doch, wenn man beides möglichst lange und ausgiebig geniessen kann.

Die Diva und der zarte Virtuose

Mir fällt dazu meine ehemalige Nachbarin Christine ein. Opernsängerin. Eine stattliche, füllige Frau mit einer göttlichen Stimme. Wenn sie in ihrer Wohnung übte, stellte ich meine Musik ab und lauschte gebannt. Ihre Stimme füllte das ganze Haus und erhellte meine Stimmung. Ihr Freund hiess Vladimir. Ein junger Violinist, schmal wie ein Spaghetto und halb so alt wie sie. Sie die üppige Diva, er der zarte Virtuose.

Christine hatte noch ein anderes Talent. Sie kochte himmlisch. Ich wohnte über ihr. Wenn sie am Herd stand, stiegen die verführerischsten Düfte zu mir hoch. Es roch nach Bœuf bourguignon oder Coq au Vin. Nach Schalotten in Butter, Wein und Kräutern. Nach all den Dingen, die entstehen, wenn jemand nicht einfach kocht, sondern sich mit Leib und Seele hingibt.

Ihre Kochkunst war wie ihre Stimme: voll, warm, grosszügig. Nichts Zurückhaltendes, nichts Verklemmtes. Bei Christine wurde nicht geköchelt. Da wurde aus dem Vollen geschöpft. Ich stellte mir vor, wie sie Vladimir mit ihren Köstlichkeiten verwöhnte. Wie sie ihm nachschenkte, nachschöpfte, ihn zum Probieren verführte. Und wie der schmale Violinist irgendwann kapitulierte. Vor so viel Butter und Zuwendung.

Man sagt ja, Männer würden versuchen, Frauen ins Bett zu kochen. Bei Christine hatte ich den Verdacht, dass es genau umgekehrt war. Ob es tatsächlich so war, weiss ich nicht. Aber die Vorstellung gefiel mir.

Giovanni Boccaccio wusste schon vor bald 700 Jahren, dass Lebenslust und körperliche Begierden zusammengehören. In seinem «Decamerone» wird geliebt, verführt, getrickst und gefeiert. Nicht immer anständig, aber meistens mit grosser Leidenschaft.

Kein Trostpreis fürs Schlafzimmer

Natürlich verändert sich mit dem Alter vieles. Aber ich weigere mich, gutes Essen als Trostpreis zu betrachten. Als müsste man irgendwann das Schlafzimmer gegen das Esszimmer eintauschen.

Gutes Essen und guter Sex haben doch einiges gemeinsam: Vorfreude, wachsender Appetit, alles auskosten, sich gehen lassen und nach einem fulminanten Finale selig schwelgen.

Liebe Katja, Essen ist nicht der Sex des Alters. Essen und Sex sind zwei gute Gründe, das Leben bis zum letzten Bissen auszukosten.

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