Darum gehts
- Regisseur Tobias Nölle begleitet Arzt Loran Bonnardot nach Tristan da Cunha
- Die Insel gilt als abgelegenster Ort mit 230 Bewohnern und Gemeinschaftssinn
- Der Regisseur wird beim Dreh mit Sehnsüchten konfrontiert: Isolation, Einfachheit, Heimat
Als der Pariser Arzt Loran Bonnardot (52) vor 30 Jahren eine isolierte Gemeinschaft für ein Fotoprojekt sucht, stösst er auf Tristan da Cunha. 233 Bewohnende zählt die abgelegenste Insel der Welt mitten im Südatlantik, gerade mal sechs bis acht Schiffe erreichen jährlich das Inselchen mit elf Kilometern Durchmesser. Besiedelt wurde dieses 1816, mit dem Ziel, Napoleon auf dem knapp 2500 Kilometer entfernten St. Helena zu überwachen. Später gesellten sich Schiffbrüchige und Siedler dazu.
Nach drei Jahrzehnten regelmässiger Besuche entscheidet sich Bonnardot, an den Ort seiner Träume auszuwandern. Der Schweizer Regisseur Tobias Nölle (49) begleitet ihn und wird dabei unweigerlich mit seinen eigenen Sehnsüchten konfrontiert, die nicht zeitgemässer sein könnten – und die wir wohl fast alle kennen.
Die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Isolation
Als Tobias Nölle gefragt wird, ob er Lust habe, Regie zu führen, googelt er als erstes Tristan da Cunha. «Als ich den winzigen Punkt mitten im Meer sah, war ich sofort fasziniert», sagt der Zürcher mit Zweitwohnsitz in Berlin. «Die Weltlage zwischen Krieg und Krisen ruft manchmal ein apokalyptisches Gefühl in mir hervor. Die Vorstellung, an einem Ort zu sein, der Tausende Kilometer weg von allem anderen ist, fand ich reizvoll.» Schnell verkörpert die Insel auch für ihn «einen Ort der Sehnsucht und Hoffnung, dass dort alles besser sein könnte. Vielleicht die letzte Utopie auf Erden.» Mehrere Monate verbringt er mit Loran Bonnardot – den er als «eine Art Flüchtling vor dem Turbokapitalismus» bezeichnet – auf Tristan da Cunha. Und findet in der Abgeschiedenheit tatsächlich die verlorene Leichtigkeit: «Auf Tristan fühlte ich mich mindestens zehn Kilo leichter und auch befreiter in der filmischen Arbeit.»
Aufgewachsen ist Tobias Nölle (49) in Erlenbach ZH. Seine Ausbildung absolvierte er an der School of Visual Arts in New York. Seine Werke sind mehrfach preisgekrönt. Unter anderem gewann sein Kurzfilm «René» 2007 den Goldenen Leoparden in Locarno, sein Spielfilmdebüt «Aloys» erhielt 2016 den FIPRESCI-Preis an der Berlinale. Er ist Mitbegründer des Schweizer Filmemacher-Kollektivs 8horses. Nölle lebt und arbeitet in Zürich und Berlin.
«Tristan Forever» wurde dieses Jahr bereits am Krakow Filmfestival ausgezeichnet und läuft derzeit in den Schweizer Kinos.
Aufgewachsen ist Tobias Nölle (49) in Erlenbach ZH. Seine Ausbildung absolvierte er an der School of Visual Arts in New York. Seine Werke sind mehrfach preisgekrönt. Unter anderem gewann sein Kurzfilm «René» 2007 den Goldenen Leoparden in Locarno, sein Spielfilmdebüt «Aloys» erhielt 2016 den FIPRESCI-Preis an der Berlinale. Er ist Mitbegründer des Schweizer Filmemacher-Kollektivs 8horses. Nölle lebt und arbeitet in Zürich und Berlin.
«Tristan Forever» wurde dieses Jahr bereits am Krakow Filmfestival ausgezeichnet und läuft derzeit in den Schweizer Kinos.
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft
Die Menschen, die auf dieser Insel leben, zeigen auf beeindruckende Art und Weise: Isolation bedeutet nicht Einsamkeit. Im Gegenteil. «Wer in einer Stadt lebt, wo man kaum noch seine Nachbarn kennt, ist um ein Vielfaches einsamer als an diesem abgelegenen Ort», sagt Tobias Nölle. Das Leben funktioniert hier nur als Gemeinschaft, die zusammenhält, Konkurrenz oder Profitgedanken gibt es keine, sonst würde alles zusammenfallen, das wissen die Tristianer. «Das heisst nicht, dass es nie Streit gibt», sagt Nölle. «Aber grundsätzlich hilft man einander. Denn ohne das gehts nicht.» Partnerschaften zeichnen sich bereits in der Kindheit ab. «Man entscheidet sich für die Person, die am besten passt – die Auswahl ist beschränkt.»
Die Sehnsucht nach Einfachheit
Dass wir uns in unserer komplizierten Welt nach Einfachheit sehnen, ist kein Wunder. Die Einwohnenden von Tristan bemerken bereits 1961: Einfachheit bedeutet Freiheit. Nach einem Vulkanausbruch wird die gesamte Bevölkerung nach Grossbritannien evakuiert, lernt dort das angenehme Leben der westlichen Welt kennen. Trotzdem kehren alle auf ihre Insel zurück. «Hier hat alles ein Preisschild. Das möchte ich für mich nicht», sagte eine Tristianerin in einer der Archivaufnahmen von damals, die Tobias Nölle in seinen Film geschnitten hat. Auch heute ist das Leben auf Tristan da Cunha einfach, es gibt Ackerbau, Fischerei, Viehzucht, ein Lädeli, eine Schule, man trifft sich im Gemeindesaal zu Festen oder bei jemandem zu Hause auf ein Bier. Loran Bonnardot erteilt gratis Klavierunterricht. «Zusammengehörigkeit ist auf Tristan wichtiger als Selbstverwirklichung. Und sie wirken sehr glücklich damit», sagt Nölle.
Die Sehnsucht nach Heimat
Er habe sich in Paris nie richtig zu Hause gefühlt, sagt Loran Bonnardot in «Tristan Forever». Trotzdem hadert er damit, die Insel zu seiner neuen Heimat zu machen, immer wieder kommen ihm Gedanken an die Familie und Erinnerungen in die Quere. Tobias Nölle mag den Begriff Heimat nicht primär an einen Ort koppeln. «Ich fühle mich in Zürich und in Berlin zu Hause, würde aber keine der Städte als Heimat bezeichnen.» Schweizerdeutsch löse bei ihm aber durchaus Heimatgefühle aus, genauso wie der Anblick von Bergen. Ein Weltenbummler sei er nicht mehr, was auch viel damit zu tun hat, dass er vor kurzem Vater wurde. «Am ehesten würde ich die Kunst und die Kreativität als meine Heimat bezeichnen.»
Für seine kleine Tochter wünscht er sich, was er auch dem Publikum seines Filmes mitgeben möchte: «Hin und wieder Kontrastpunkte zu unserer globalisierten Welt zu finden, in all der Individualität auch Solidarität erleben und Sehnsüchte, die einen an Orte zum Träumen führen, und wenn es nur in Gedanken ist.»