Neue Studie zeigt
Zahlen bald Firmen die Kita-Kosten?

Horrende Kosten für die Kinderbetreuung drängen besonders Frauen aus dem Arbeitsmarkt. Weil das Personal fehlt, wollen zwei Drittel der Schweizer KMU sich jetzt stärker für Familien engagieren.
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Kind oder Karriere – die Frage stellt sich für viele Frauen heute noch immer.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer KMU wollen Kinderbetreuung fördern, um Fachkräftemangel entgegenzuwirken
  • Knapp 50 % der KMU würden finanzielle Unterstützung für Kitas leisten
  • Awina vernetzt 720 von 3800 Kitas und arbeitet an Bürokratieabbau
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Annalena MüllerPolitredaktorin SonntagsBlick

Die Schweiz ist in vielem spitze: riesige Millionärsdichte, hohe Lebenserwartung – und extrem teure Kinderbetreuung. «Ein Vollzeit erwerbstätiges Paar mit einem Kind muss im Schnitt über ein Viertel des Haushaltseinkommens für die Betreuung aufwenden», sagt Charlotte Claveau vom Kita-Fachverband. Die Konsequenz: Besonders Frauen fallen in dieser Lebensphase teilweise aus dem Arbeitsmarkt.

Jetzt zeigt eine repräsentative Studie des Forschungsinstituts Sotomo, die Blick exklusiv vorliegt: Für kleine und mittelständische Arbeitgeber ist dies ein Problem. Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels sind Schweizer KMU zunehmend bereit, dem Thema Kinderbetreuung mehr Raum zu geben, teils auch zusätzliche finanzielle Mittel bereitzustellen.

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Fachkräftemangel zwingt zum Umdenken

Diese Bereitschaft hat Studienleiterin Sarah Pannen (31) zunächst überrascht. «Aber kleine und mittelständische Betriebe bekommen den Ausfall von Arbeitskräften wegen Betreuungspflichten unmittelbar zu spüren.» Die Untersuchung zeigt, dass KMU besonders unter reduzierten Arbeitspensen, kurzfristigen Personalausfällen und Schwierigkeiten bei der Personalplanung leiden.

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Durch ein grösseres Engagement erhoffen sich die Arbeitgeber deshalb neben zufriedeneren Mitarbeitenden vor allem eine höhere Produktivität. Knapp die Hälfte der KMU wäre sogar bereit, einen eigenen finanziellen Beitrag zu leisten. Zum Ausgleich wünschen sie sich staatliche Steuernachlässe oder andere Möglichkeiten der Gegenfinanzierung.

Auftraggeberin der Studie ist die Kita-Vermittlungsplattform Awina. CEO und Mitgründerin Drenushe Shala (36) freut sich über die wachsende Sensibilisierung der Firmen: «Da hat sich in den letzten Jahren einiges bewegt.» Noch vor wenigen Jahren hätten Unternehmen Betreuungsfragen als privates Problem ihrer Angestellten betrachtet. Inzwischen haben der Fachkräftemangel und die gestiegene Zahl von Frauen in hoch spezialisierten Berufen die Nachfrage nach guter und leicht organisierbarer Betreuung ausserhalb der Familie erhöht.

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Wie Airbnb für Kita-Plätze

Die Plattform Awina ist selbst ein Produkt dieser Nachfrage. Seit zwei Jahren funktioniert das Start-up als eine Art Airbnb für Kitaplätze: «Wir bringen Eltern und Kitas zusammen und unterstützen Kitas bei der Suche nach Fachkräften», so Shala. Das Kernproblem hoher Betreuungskosten begleitet Awina seit der Gründung vor sechs Jahren.

Eine der bekannteren Konsequenzen: Schweizer Eltern greifen wegen der hohen Betreuungskosten häufiger auf die Hilfe von Grosseltern und Freunden zurück, als dies in den Nachbarländern der Fall ist. Für Eltern ohne familiäres Netzwerk werden Kinder leicht zur Armutsfalle – besonders Alleinerziehende können solche finanzielle Lasten oft kaum tragen.

Awina startete 2020 zunächst mit einem anderen Businessmodell und bot Kredite zur Kita-Finanzierung an – ein Ansatz, der auf wenig Interesse stiess. Nur zehn Familien nahmen einen Kredit auf. Deshalb habe man das Angebot eingestellt. «Die Schweiz ist nicht die USA, wo sich Eltern verschulden, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu sichern», räumt Shala ein, auch wenn die Betreuungskosten hierzulande vergleichbar seien.

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Mit dem Vermittlungsportal hingegen scheint Awina auf dem richtigen Weg zu sein. 720 der rund 3800 Schweizer Kitas sind dort laut Shala bereits registriert, Tendenz steigend. Aktuell wertet das Unternehmen die Studienergebnisse aus und erarbeitet Konzepte, um gezielt auf KMU zuzugehen. Das Ziel: den bürokratischen Prozess zu vereinfachen und Kinderbetreuung für Eltern finanzierbar zu machen.

«Kranke Kinder können nicht in Kitas»

Marco Giesselmann (51), der an der Universität Zürich den sozialen Wandel und individuelle Lebensplanung erforscht, sieht beim Thema Kinderbetreuung ebenfalls Handlungsbedarf: «Im Ringen um Fachkräfte können familienfreundliche Angebote ein Wettbewerbsvorteil sein.» Während viele KMU bereits Elternteilzeit oder Kinderkranktage anbieten, könnte eine strukturelle oder finanzielle Kita-Unterstützung künftig den Ausschlag geben. Zugleich warnt Giesselmann vor zu hohen Erwartungen der Unternehmen.

Der Soziologe bezweifelt, dass ein solches Engagement automatisch zu höherer Produktivität führt: «Kranke Kinder können nicht in Kitas, sondern müssen zu Hause betreut werden.» Kurzfristige Ausfälle blieben für KMU also auch bei besserem Betreuungsangebot eine Realität. Hinzu kämen gesellschaftliche und verinnerlichte Erwartungen an Frauen, sich um ihre Kinder zu kümmern – ein Hauptgrund für reduzierte Pensen, so Giesselmann. «Institutionelle Faktoren allein führen nicht sofort zu einem gesellschaftlichen Umdenken.»

Auch Drenushe Shala weiss, dass leichter zugängliche Betreuungsangebote die Gesellschaftsordnung nicht über Nacht auf den Kopf stellen werden. Dennoch bieten sie Eltern eine Wahlmöglichkeit – und Arbeitgebern eine Chance, Begriffe wie «familienfreundlich» oder «divers» mit echtem Inhalt zu füllen. Noch immer bekämen Frauen am Diversity Day vor allem in Grosskonzernen oft bloss einen Blumenstrauss überreicht. Shalas Fazit: «Blumensträusse sind kein Wettbewerbsvorteil, Kinderbetreuung schon.»

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