Nach Missbrauchsfall um Ex-Grossrat
Können wir Männern überhaupt noch vertrauen?

Vom eigenen Partner betäubt und missbraucht: Die Fälle häufen sich – auch in der Schweiz. Viele Frauen reagieren mit Angst und Wut.
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Iwona L. umarmt ihre Tochter Paula bei einer Mahnwache gegen sexualisierte Gewalt in Untersiggenthal AG.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Immer mehr Fälle von «chemischer Unterwerfung» – auch in der Schweiz
  • Misstrauen zwischen den Geschlechtern wächst
  • Manche Frauen verzichten aus Protest auf heterosexuelle Beziehungen

Nie ist man so verletzlich, so ausgeliefert wie im Schlaf. Genau diesen Zustand nutzen Täter aus: Frauen werden sexuell missbraucht – vom Mann, der neben ihnen im Bett liegt. Ihrem Partner, dem sie vertrauen. Sie merken nichts, weil sie mit K.-o.-Tropfen oder anderen Substanzen betäubt wurden. Besonders perfide: Oft filmen die Täter die Vergewaltigungen und teilen die Aufnahmen in Onlineforen wie Trophäen.

Spätestens seit dem Fall Gisèle Pelicot in Frankreich kommen immer neue Fälle sogenannter «chemischer Unterwerfung» ans Licht. Nun auch in der Schweiz: Ein ehemaliger Aargauer SVP-Grossrat hat mutmasslich seine frühere Partnerin Iwona L.*, deren damals minderjährige Tochter Paula L.* und seine Ex-Frau über Jahre hinweg betäubt und sexuell missbraucht. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Nur wenige Tage später wurde ein weiterer Fall bekannt: Ein 65-jähriger Arzt soll in seinen Praxen in Zürich und Graz Patientinnen sediert, sexuell missbraucht und die Übergriffe gefilmt haben.

Erschüttertes Sicherheitsgefühl

Da ist ein Misstrauen, ein Graben, der sich zwischen den Geschlechtern auftut. Das zeigt auch eine Strassenumfrage von Blick. Besonders verstörend ist für viele, dass die Täter keine Fremden sind, sondern Männer aus dem engsten persönlichen Umfeld. Viele stellen sich deshalb die Frage: Können wir Männern überhaupt noch vertrauen? Und was bedeutet das für unser Verständnis von Liebe, Intimität und Sicherheit, wenn selbst das eigene Bett kein geschützter Ort mehr zu sein scheint?

«Solche Übergriffe erschüttern das Sicherheitsgefühl grundlegend», sagt die Psychologin und Paartherapeutin Margareta Hofmann. Frauen mit Alkohol oder anderen Substanzen gefügig zu machen, sei zwar kein neues Phänomen. Neu sei jedoch, dass Betäubungsmittel gezielt eingesetzt würden, um Opfer nahezu vollständig auszuschalten. «Und das im eigenen Heim, oft über einen längeren Zeitraum hinweg.»

«Nicht alle Männer, aber immer ein Mann»

Dass Betroffene die Übergriffe häufig lange nicht erkennen, dürfe ihnen keinesfalls vorgeworfen werden. «Diese Männer führen ein Doppelleben», sagt Hofmann. Nach aussen wirkten sie unauffällig, gleichzeitig existiere eine verborgene sexuelle Welt, die sie konsequent abschirmten. «Sie sind sehr geschickt darin, Vertrauen aufzubauen und ihre Partnerinnen emotional an sich zu binden. Den Frauen kommt gar nicht in den Sinn, dass der Mensch, den sie lieben und dem sie vertrauen, zu so etwas fähig sein könnte.»

«Nicht alle Männer, aber immer ein Mann.» Solche Sätze finden sich nach Fällen wie jenem in Frankreich oder im Aargau häufig in den sozialen Medien. Und der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow, sorgte kürzlich für Aufruhr, als er in einem Fernsehinterview sagte, Frauen sollten «besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen». Auch in der Schweiz gilt: Wer sich in eine Beziehung mit einem Mann begibt, bringt sich statistisch gesehen in Gefahr. 

Fabienne Amlinger, Geschlechterforscherin und Historikerin von der Universität Bern, ordnet ein: «Sexualisierte Gewalt lässt sich nicht allein aus dem Handeln von Tätern erklären. Sie geschieht eingebettet in gesellschaftliche Machtverhältnisse. Man muss die Tat vor diesen Hintergründen analysieren.»

Anrecht auf den weiblichen Körper

Patriarchale Gesellschaften seien von Geschlechterhierarchien geprägt. «Sie legitimieren Ansprüche auf weibliche Körper und Sexualität rechtlich, kulturell und sozial», sagt Amlinger. Solche Vorstellungen hätten sich auch im Recht niedergeschlagen. So war in der Schweiz etwa Vergewaltigung in der Ehe bis 1992 nicht strafbar; erst seit 2004 wird sie von Amts wegen verfolgt. Gesetze hätten sich geändert, was aber offensichtlich nicht reiche.

Auch für Hofmann geht es bei solchen Taten weniger um Sexualität als um Macht. «Die Frau wird entmenschlicht und zum sexuellen Objekt. Der Täter verfügt vollständig über einen Menschen, der sich nicht wehren kann.» Solche Taten sind nicht Ausdruck einer normalen Sexualität, so die Expertin: «Sie weisen auf eine tiefgreifende psychische Problematik hin, häufig verbunden mit einer sexuellen Präferenzstörung, die sich auf eine kleine Gruppe von Tätern beschränkt.»

Keine Beziehung – aus Protest

Immer mehr Frauen sind bezüglich Männern frustriert und resigniert. Phänomene wie «Heterofatalismus» oder die südkoreanische 4B-Bewegung stehen für den bewussten Verzicht auf heterosexuelle Beziehungen als Protest gegen patriarchale Strukturen und sexualisierte Gewalt. 

Amlinger sieht die Debatte um den «Heterofatalismus» kritisch. Der Begriff werde derzeit vor allem in öffentlichen Debatten verwendet und entbehre einer wissenschaftlichen Grundlage. Und auch ein Rückzug aus heterosexuellen Beziehungen ändere wenig an den gesellschaftlichen Strukturen. «Sexualisierte Gewalt kann überall stattfinden, nicht nur in Partnerschaften», sagt sie.

Entscheidend sei deshalb: «Was machen wir als Gesellschaft gegen diese Gewalt und wer übernimmt dafür Verantwortung?» Dafür brauche es, so Amlinger, einen Wandel auf allen Ebenen. Gesellschaftliche Akteurinnen, wie etwa die Politik, Bildung und Justiz, müssten Verantwortung für dieses Problem wahrnehmen. 

Hofmann rät Frauen, Warnsignale ernst zu nehmen. Schlafstörungen, Albträume, Konzentrationsprobleme, erhöhte Reizbarkeit oder das Gefühl, seit einer bestimmten Nacht habe sich etwas verändert, könnten Hinweise auf einen Übergriff sein. Bestehe der Verdacht auf betäubende Substanzen, sollte dies möglichst rasch medizinisch abgeklärt werden.

Wie können sich Frauen schützen? Eine einfache Antwort gibt es nicht. «Gerade das macht diese Form der Gewalt so verstörend», sagt Hofmann. «Sie geschieht dort, wo wir uns eigentlich am sichersten fühlen: in einer Beziehung und im vertrauten Umfeld.»

Dass die Scham langsam die Seite wechselt, zeigen Paula und ihre Mutter Iwona L., die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit getreten sind. Zurück bleibt die Unsicherheit.

* Namen bekannt

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Notfallnummer der Opferhilfe: 142 (rund um die Uhr)

Liste der Frauenhäuser Schweiz und Kontaktinformationen finden Sie hier.

Eine Liste aller Anlaufstellen der Opferhilfe finden Sie hier.

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