Hoffnungsforscher Krafft
«Der Mensch hat die Fähigkeit, an Krisen zu wachsen»

Kriege, Krisen, Katastrophen: Die Welt scheint gerade total aus den Fugen zu sein. Wo und wie sollen wir da noch Halt finden? Der Wissenschaftler Andreas Krafft erklärt, warum Hoffnung mehr ist als Optimismus und wie kleine Schritte helfen, wieder nach vorne zu blicken.
Kommentieren
1/5
Andreas Krafft ist HSG-Professor und forscht seit Jahren zu Hoffnung. Er weiss, dass Hoffnung nicht dasselbe ist wie Optimismus.
Foto: Zamir Loshi

Darum gehts

Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.

Die Ukraine, Iran, Gaza – wer News konsumiert, wird täglich von schlechten Nachrichten überschwemmt. Mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana trafen Trauer und Verlust zu Beginn dieses Jahres auch unser Land. Für die Betroffenen und die Hinterbliebenen der Todesopfer bedeutet der Schicksalsschlag das Auseinanderbrechen von Lebensplänen. Hoffnungsforscher Andreas Krafft (59) zeigt auf, wie Menschen nach persönlichen oder kollektiven Krisen wieder Halt finden und Schritt für Schritt nach vorne blicken können.

Blick: Sie haben selbst Walliser Wurzeln und kennen die Region gut: Warum trifft die Brandkatastrophe von Crans-Montana die Menschen besonders stark?
Andreas Krafft: Hier kommen mehrere Ebenen zusammen. Das Wallis war in den letzten Jahren immer wieder von Krisen betroffen: Bergstürze, Überschwemmungen, Brände. Mit Naturgefahren zu leben, gehört in den Bergen dazu. Was diese Katastrophe jedoch besonders belastend macht, ist der Eindruck, sie sei letztlich menschengemacht. Das erzeugt zusätzlich zur Trauer Wut und Ärger und erschüttert das Vertrauen – in die Technik, in die Behörden, in andere Menschen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie wichtig Solidarität ist. Der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft geben Hoffnung und Vertrauen in einen möglichen Neuanfang. In Crans-Montana stehen viele Betroffene allerdings noch ganz am Anfang dieses Prozesses.

Erklären Sie uns diesen Prozess.
Zuerst dominieren Trauer, Ohnmacht und Wut. Für Angehörige von Todesopfern ist der Schmerz essenziell. Hoffnung bedeutet hier nicht, dass der Verlust verschwindet. Irgendwann stellt sich jedoch die Frage: Wie geht das Leben weiter? Gerade junge Menschen hatten Pläne für Lehre, Studium und Zukunft. Hoffnung wird dann wichtig, wenn das Leben nicht so verläuft, wie man es sich vorgestellt hat. Sie bedeutet nicht Verdrängung, sondern trotz allem einen neuen Weg zu finden.

Der Hoffnungsexperte

Andreas M. Krafft wuchs in Argentinien auf und lebt seit 1995 in der Schweiz. Seit über 20 Jahren ist er Dozent an der Universität St. Gallen und arbeitet als Managementtrainer und -berater mit Fokus auf Arbeits-, Organisations- sowie Gesundheitspsychologie. Als Associate Researcher am IMP-HSG, Co-Präsident von Swissfuture und Vorstandsmitglied der Swiss Positive Psychology Association leitet er zudem das internationale Forschungsnetzwerk des «Hoffnungsbarometers».

Andreas M. Krafft wuchs in Argentinien auf und lebt seit 1995 in der Schweiz. Seit über 20 Jahren ist er Dozent an der Universität St. Gallen und arbeitet als Managementtrainer und -berater mit Fokus auf Arbeits-, Organisations- sowie Gesundheitspsychologie. Als Associate Researcher am IMP-HSG, Co-Präsident von Swissfuture und Vorstandsmitglied der Swiss Positive Psychology Association leitet er zudem das internationale Forschungsnetzwerk des «Hoffnungsbarometers».

Wie kann man diesen neuen Weg konkret einschlagen?
Das Wichtigste ist, nicht allein zu bleiben. Einsamkeit ist der grösste Hoffnungskiller. Menschen brauchen andere Menschen – Familie, Freunde, aber auch professionelle Unterstützung. Erst wenn man weiss, wo man mental und körperlich steht, kann man wieder nach vorne schauen. Die Zukunft bleibt zunächst ungewiss, doch der Mensch hat die Fähigkeit, an Krisen zu wachsen. Manchmal stärker, als er es sich selbst zutraut.

Wie definieren Sie eigentlich das Gefühl der Hoffnung?
Im Gegensatz zum Optimismus, den wir verspüren, wenn es uns gut geht, brauchen wir Hoffnung, wenn es uns schlecht geht. Sie ist die Voraussetzung fürs Handeln. Hoffnung ist immer mit Unsicherheit verbunden: Ich weiss nicht, ob es gelingt, aber ich wünsche es mir. Hoffnung ist realistisch, sonst bleibt sie blosses Wunschdenken.

Die krisenreiche Weltlage bereitet vielen Menschen Zukunftsangst. Besonders junge Leute scheinen pessimistisch.
Junge Menschen haben weniger Krisenerfahrung. Wer noch nie erlebt hat, dass es nach einem Zusammenbruch weitergeht, erlebt eine Krise oft als Weltuntergang. Deshalb ist das soziale Umfeld entscheidend. Gleichzeitig erleben wir ein Paradox: Materiell geht es jungen Menschen heute so gut wie nie zuvor. Dennoch haben viele das Gefühl, dass sich die Welt um sie herum verschlechtert – politisch, ökologisch und gesellschaftlich. Die frühere Vorstellung, dass es der nächsten Generation automatisch besser gehen wird, bröckelt. Zwei verschiedene Phänomene sind dabei bezeichnend: Perspektivlosigkeit, wenn persönliche Wünsche nicht erfüllt werden können, und Verlustangst, wenn Stabilität, Friede und Umwelt verloren gehen.

Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?
Trefft Entscheidungen nicht aus Angst, sondern aus euren Hoffnungen heraus. Ängste sind wichtig, weil sie Gefahren aufzeigen. Doch wer Entscheidungen nur aus Sicherheitsdenken trifft, obwohl das Herz für etwas anderes schlägt, wird langfristig unzufrieden. Mut bedeutet, der inneren Stimme zu folgen, auch wenn das heisst, die Komfortzone zu verlassen. Sicherheit allein macht nicht glücklich.

Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man glücklich ist, während andere leiden?
Um Krisen bewältigen zu können, braucht man Ressourcen. Diese entstehen aus positiven Erlebnissen und schönen Momenten. Nur so ist man überhaupt in der Lage, mit Belastendem umzugehen. Gleichzeitig darf das Leid anderer nicht ausgeblendet werden. Man kann innehalten, gedenken oder sich konkret engagieren, etwa durch Spenden oder Hilfe. Wir dürfen uns zugestehen, dass es uns gut gehen darf. Nicht weil uns andere egal sind, sondern weil wir ihnen so besser beistehen können.

Wodurch erleben Menschen konkret Freude und Hoffnung?
Für viele sind es zum einen Naturerlebnisse: Spaziergänge im Wald, in den Bergen oder am See. Zum andern sind es soziale Beziehungen: Zeit mit Freunden und Familie, aber auch die Erfahrung, anderen helfen zu können. Und zudem hilft der bewusste Blick auf das Positive im Alltag, etwa indem man sich am Ende des Tages vor Augen führt, was gut war.

Was halten Sie vom Sprichwort «Die Zeit heilt alle Wunden»?
Zeit spielt eine wichtige Rolle, wirkt aber nicht automatisch. Wir Menschen haben einen Negativitätsbias: Belastende Erlebnisse beschäftigen uns stärker als positive. Mit der Zeit kommen jedoch oft neue, gute Erfahrungen hinzu, die helfen können, Wunden zu lindern. Bei manchen sitzen die Schmerzen allerdings zu tief – dann reicht Zeit allein nicht aus. In solchen Fällen braucht es Unterstützung. Die Forschung zeigt jedoch, dass die meisten Menschen ausreichend resilient sind, um schwere Erfahrungen zu bewältigen, wenn man ihnen Zeit gibt und sie nicht allein lässt.

Welche Verantwortung tragen Politik und Gesellschaft, um Hoffnung zu erhalten?
Sie müssen zeigen: Wir kümmern uns, es ist uns nicht egal. Wenn Verantwortung übernommen und Anteilnahme gezeigt wird, stärkt dies das Vertrauen und die Hoffnung. Gleichgültigkeit hingegen zerstört sie. Gerade junge Menschen brauchen Akzeptanz, auch wenn ihr Lebensweg nicht den Erwartungen entspricht. Hoffnung entsteht dort, wo Menschen unterstützt werden, ihren eigenen Weg zu finden – nicht dort, wo man ihnen sagt, dass sie es ohnehin nicht schaffen werden.

Also ist Hoffnung ein Wundermittel?
Hoffnung allein genügt nicht immer. Es gibt gute Hoffnung, die zum Handeln motiviert, und schlechte, die blosses Wunschdenken bleibt. Am meisten Hoffnung schöpfen wir, wenn wir uns nicht isolieren. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, sich zu öffnen und sich für andere einzusetzen. Wer anderen Hoffnung schenkt, gewinnt Sinn, Selbstvertrauen und Zuversicht zurück.

Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen