Harald Glööckler und Co
Wie uns pränatale und frühkindliche Erfahrungen prägen

Schon vor der Geburt prägen Erlebnisse unsere Gefühle. Harald Glööckler sprach kürzlich öffentlich über seine schwere Kindheit. Ein Experte erklärt, wie alte Wunden aus der frühesten Kindheit beeinflussen, wie wir Nähe, Vertrauen und Konflikte heute erleben.
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Schon vor der Geburt reagiert ein Kind auf seine Umwelt. Die Schwangerschaft gilt als besonders empfindliche Phase der Entwicklung. Stress und Belastungen können die Entwicklung beeinflussen.
Foto: imago images/Panthermedia

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Früheste Erfahrungen prägen Beziehungen laut Franz Rengglis Buch «Unsere frühesten Verletzungen»
  • Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen für Sicherheit und emotionale Entwicklung
  • Die ersten 1000 Tage sind entscheidend für Gehirnentwicklung und Stressbewältigung
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Lea MartiRedaktorin

Designer Harald Glööckler (60) zeigte sich kürzlich in einem Podcast von seiner verletzlichen Seite: Depressionen, Selbsthass und Bindungsängste begleiten ihn sein ganzes Leben. Er ist überzeugt, dass seine Kindheit ein Hauptgrund für seine heutigen Probleme ist. Das wirkt sich auch auf sein Liebesleben aus. So könne er sich momentan keine Partnerschaft vorstellen, so der Designer: «Ich möchte nicht eingeengt werden.»

Auch Psychoanalytiker Franz Renggli ist überzeugt: Gerade heftige Reaktionen in Beziehungen haben ihre Wurzeln oft viel früher, als wir denken. In seinem Buch «Unsere frühesten Verletzungen» beschreibt er, wie bereits vorgeburtliche und frühkindliche Erfahrungen unser späteres Leben und unsere Beziehungen prägen können. 

Giulietta von Salis (53), Psychotherapeutin am Marie Meierhofer Institut für das Kind, bestätigt, dass die frühe Kindheit eine entscheidende Phase ist. Doch beginnt Prägung wirklich schon im Mutterleib? Und wo endet gesicherte Forschung, wo beginnt Spekulation? Vier Thesen unter der Lupe. 

1

Prägung beginnt im Mutterleib – aber nicht jede Belastung ist ein Trauma

Für den Psychoanalytiker Renggli beginnt das emotionale Erleben nicht erst mit der Geburt, sondern bereits im Mutterleib. Das ungeborene Kind stehe in engem Kontakt mit den Gefühlen seiner Eltern und könne deren Ängste oder Konflikte aufnehmen. Diese vorgeburtlichen Erfahrungen könnten später Ängste, Beziehungsmuster oder emotionale Blockaden beeinflussen.

Dass die Schwangerschaft eine wichtige Phase ist, gilt als unbestritten. «Der Embryo ist den Umweltbedingungen der Mutter ausgesetzt», sagt Giulietta von Salis. Stress, Gewalt oder Substanzkonsum können die Entwicklung beeinflussen, etwa über Stresshormone, die auf das Nervensystem wirken.

Von einem Trauma im engeren Sinn sprechen Fachleute jedoch zurückhaltend. Nicht jede Belastung in der Schwangerschaft erfüllt diese Definition.

2

Die ersten Beziehungen geben Sicherheit – oder Unsicherheit

Babys und Kinder nehmen emotionale Spannungen ihrer Eltern unbewusst auf. Franz Renggli beschreibt etwa, dass exzessives Weinen, Schlafprobleme oder starke Anpassung verdrängte Gefühle der Eltern widerspiegeln könnten.

Die Forschung setzt andere Akzente, kommt aber in einem Punkt zum selben Kern. Die ersten rund 1000 Tage gelten als besonders sensibel. In dieser Zeit wächst das Gehirn rasant. Entscheidend ist laut von Salis vor allem eines: «Kinder brauchen mindestens eine Bezugsperson, die verlässlich, vertraut und verfügbar ist.»

Dies gibt dem Kind Orientierung und Sicherheit. Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass jemand da ist, wenn es Angst hat, lernt es Vertrauen. Fehlt diese Erfahrung, entwickeln Kinder eigene Strategien, etwa indem sie ihre Gefühle zurückhalten oder besonders angepasst reagieren.

Wenn Eltern etwa stark belastet sind, kann sich das auf ihre Interaktion mit dem Kind auswirken. «Das Verhalten und die emotionale Verfügbarkeit der Bezugsperson prägen, wie sicher sich ein Kind fühlt», sagt von Salis.

3

Frühe Erfahrungen wirken weiter, auch wenn wir uns nicht bewusst erinnern

Der Psychoanalytiker geht davon aus, dass frühe Erfahrungen im sogenannten Körpergedächtnis gespeichert sind und sich später in starken emotionalen Reaktionen oder Beziehungskonflikten zeigen können.

Auch die Forschung sagt, dass frühe Bindungs- und Stresserfahrungen das Nervensystem formen. «Emotionen sind körperliche Vorgänge», sagt von Salis. Wer früh Sicherheit erlebt, reagiert später oft gelassener auf Nähe und Distanz. Wer Unsicherheit erfahren hat, reagiert schneller auf Zurückweisung oder zieht sich zurück.

Die Vergangenheit ist nicht abrufbar wie ein Film. Aber sie prägt, wie wir Nähe, Vertrauen und Angst erleben.

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Warum gerade Liebesbeziehungen alte Gefühle auslösen

Liebesbeziehungen machen alte Verletzungen wieder sichtbar, so Renggli. Der Partner sei dabei nicht die Ursache, sondern der Auslöser. Konflikte könnten unbewusst frühere Erfahrungen reaktivieren, etwa Gefühle von Verlassenwerden oder Zurückweisung.

«In engen Beziehungen zeigen sich unsere frühesten Beziehungsmuster besonders deutlich», sagt von Salis. Denn dort erleben Menschen die grösste emotionale Nähe und Abhängigkeit.

Deshalb können Konflikte mit dem Partner starke Gefühle auslösen, die tiefer gehen als der aktuelle Anlass. (Oder: Deshalb eskalieren manche Streits schneller, als es die Situation rechtfertigt. Es geht dann nicht nur um den Geschirrspüler. Es geht um alte Gefühle.)

Was Kinder wirklich stärkt

Bei allen theoretischen Ansätzen bleibt die Forschung in zwei Punkten klar.

Erstens: Kinder brauchen stabile Bezugspersonen. Sicherheit hilft, mit Stress und Angst umzugehen.

Zweitens: Kinder brauchen Ehrlichkeit, egal wie alt sie sind. Sie müssen ihre eigene Geschichte verstehen können. Ist ein Elternteil zum Beispiel über längere Zeit in einer Klinik, sollte man das dem Kind lieber altersgerecht erklären («Dem Papa gehts nicht so gut, und es wird ihm dort geholfen»), statt ihm zu sagen, er sei in den Ferien. Oder einfach zu schweigen. 

«Viele Erwachsene wollen Kinder schützen und verschweigen belastende Wahrheiten. Doch man erspart ihnen keinen Schmerz, indem man sie anlügt», sagt von Salis.

Wenn Kinder Zugang zu ihrer Geschichte haben, können sie Erlebnisse besser einordnen und verarbeiten. Unklarheit und Tabus hingegen können langfristig verunsichern.

Fazit: Unsere frühesten Erfahrungen prägen uns – aber sie bestimmen uns nicht

Franz Renggli sieht die Wurzeln vieler emotionaler Konflikte bereits in der Schwangerschaft und frühen Kindheit. Seine Thesen verbinden psychologische, körperorientierte und teilweise auch spirituelle Ansätze.

Die Forschung bestätigt, dass frühe Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen. Besonders die ersten Lebensjahre prägen, wie Menschen später Beziehungen erleben und mit Stress umgehen.

Entscheidend ist jedoch nicht nur, was ein Mensch erlebt hat, sondern auch, wie er damit umgeht und was später folgt.

Stabile Beziehungen, Verständnis für die eigene Geschichte und neue Erfahrungen können helfen, alte Muster zu verändern.

Unsere Vergangenheit begleitet uns ein Leben lang. Aber sie bestimmt nicht, wer wir bleiben müssen und wie unsere Geschichte weitergeht.

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