Darum gehts
- Urenkelin Diana Segantini trägt das Erbe des berühmten Alpenmalers weiter
- Die Festivalchefin wuchs im Künstlerhaus ihres berühmten Urgrossvaters auf
- Segantini bringt die internationale Kunst- und Filmwelt ins Engadin
Schon als junges Mädchen dreht Diana Segantini im 200-Seelen-Dorf Maloja GR ihre ersten Kurzfilme und Dokumentationen. Heute bringt die 50-Jährige mit dem St. Moritz Art Film Festival internationale Filmschaffende und Künstler in ihr Heimattal. Vom 20. bis 23. August findet das SMAFF bereits zum fünften Mal statt.
Aufgewachsen ist Segantini in einem ganz besonderen Haus: im ehemaligen «Chalet Kuoni», in dem ihr berühmter Urgrossvater Giovanni Segantini (1858–1899) seine letzten Lebensjahre verbrachte. Bis heute ist es ein Familienhaus. Gleich dahinter liegt das öffentlich zugängliche Atelier, ein Rundbau, den der berühmte Maler selbst entworfen hatte. «Kunst ist für mich deshalb von klein auf etwas ganz Natürliches gewesen.» Gedrängt, etwas mit Kunst zu machen, habe sie niemand.
Sechs Fremdsprachen und alle vier Landessprachen
Aber: «Wer hier aufwächst, muss hinaus in die Welt», sagt Segantini. Die Tochter einer Norwegerin und eines Italieners studierte internationale Beziehungen und später Medien mit Schwerpunkt Dokumentarfilm und Radio, verbrachte insgesamt zwölf Jahre im Ausland und spricht heute zehn Sprachen. Neben den vier Landessprachen auch Arabisch, das sie während ihrer fünf Jahre beim IKRK im Nahen Osten gelernt hat. Im krisengeschüttelten Libanon und in Syrien hatte sie eine Schlüsselerkenntnis: «Mit Kunst und Kultur kann man zwischen Menschen Brücken schlagen.» Später produzierte sie vor allem Filme über den Nahen Osten und wurde für sieben Jahre Kulturchefin beim RSI. Mehr als 100 Filme hat sie begleitet und produziert. «Dem Film bin ich immer treu geblieben.»
Die Idee zum Festival entstand gemeinsam mit Stefano Rabolli Pansera, heute Direktor der Kunsthalle Bangkok. Das Engadin hat seit jeher Kunstschaffende angezogen und hervorgebracht, zahlreiche internationale Galerien sind hier präsent. Filmfestivals gebe es zwar viele, sagt Segantini, doch eines an der Schnittstelle von Film und Kunst habe gefehlt. 2022 fand die erste Ausgabe statt. Das SMAFF ist für sie ein Herzensprojekt: Hier treffen jene beiden Welten aufeinander, die sie seit Jahrzehnten begleiten.
Dabei ist das Festival nicht nur Plattform für die internationale Kunstszene. Einheimische und Schweizer Gäste sind ebenso angesprochen wie Sammler, Produzentinnen und Filmschaffende. Im legendären Dracula Club laufen tagsüber vor allem Kurzfilme: Man kann rein- und rausgehen, etwas trinken und die Künstler treffen. «Wir wollen eine Community aufbauen.» Viele Filmschaffende reisen bereits zum zweiten oder dritten Mal an.
Peter Greenaway als Ehrengast
Ehrengast der fünften Ausgabe unter dem Motto «If Music» ist der britische Regisseur und Künstler Peter Greenaway (84). Der ursprünglich als Maler ausgebildete Filmemacher wurde mit bildgewaltigen Werken wie «Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber» bekannt. Am Sonntag zeigt das SMAFF seinen Kultfilm «Der Kontrakt des Zeichners» von 1982. Anschliessend spricht Greenaway gemeinsam mit seiner Familie über sein Werk. «Das Besondere ist, dass man hier den Filmschaffenden in unkomplizierter Atmosphäre so nahe kommt», sagt Segantini.
Für Partystimmung sorgt Rusty Egan (68), Mitbegründer des legendären Londoner Blitz Club und Mitglied der Band Visage. Nur kurze Zeit, 1979 und 1980, war der Club in Covent Garden Epizentrum einer neuen Szene aus Musik, Kunst und exzentrischer Mode. Spandau Ballet war praktisch die Hausband, der noch unbekannte Boy George arbeitete an der Garderobe. Egan legte Bowie, Kraftwerk oder Roxy Music auf – am Samstagabend steht er im Dracula Club am DJ-Pult.
Ein Happening, das wohl auch ihrem Urgrossvater Giovanni Segantini gefallen hätte. Der «Maler des Lichts» war bereits zu Lebzeiten international erfolgreich – und in vielem unkonventionell. Familie hatte für ihn eine besondere Bedeutung. Seine Partnerin Bice Bugatti, mit der er vier Kinder hatte, heiratete er nie, betrachtete sie aber als gleichberechtigt, erzählt Diana Segantini. Toleranz, Respekt und die Gleichheit von Mann und Frau seien ihm wichtig gewesen.
Maler Segantini litt unter seiner schweren Kindheit
Vielleicht auch, weil ihm selbst die Geborgenheit einer Familie früh genommen wurde. Seine Mutter starb, als Giovanni erst sechs Jahre alt war. Danach kam er zu seiner Stiefschwester nach Mailand, die ihn schlecht behandelte. «Ein Trauma, das er nie überwunden hat», so die Urenkelin. Er galt als charismatischer und grosszügiger Lebemann. «Kaum hatte er ein bisschen Geld verdient, bestellte er in Mailand schöne Stoffe für die Familie.» Vor allem wollte er seinen Kindern das geben, was ihm selbst gefehlt hatte: Liebe, Fürsorge und Bildung. «Darum engagierte er einen Hauslehrer.»
Mit seiner Kunst aus den Schweizer Alpen strebte er über die Landesgrenzen hinaus. Für die Weltausstellung 1900 in Paris wollte er ein monumentales Panorama der Engadiner Bergwelt schaffen. Dazu kam es nicht mehr: 1899 starb er mit nur 41 Jahren an einer Bauchfellentzündung. Mehr als 125 Jahre später schliesst sich nun auf besondere Weise ein Kreis. In Paris geht gerade eine Segantini-Retrospektive zu Ende – mitkuratiert von seiner Urenkelin Diana, die zweieinhalb Jahre daran gearbeitet hat. So trägt sie heute nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Werk hinaus in die Welt.