Darum gehts
- Tiktok-Nutzer verlassen die Plattform seit 22. Januar in Rekordzahlen
- Neue Eigentümer erlauben präzise Standortdaten und lösen Zensurvorwürfe aus
- Vom Exodus profitieren Apps wie Upscrolled, die Rekordzuwachs verzeichnen
Dre Ronayne (30) brauchte Jahre, um sich auf Tiktok eine Fangemeinde aufzubauen. Fast 400'000 Menschen folgten der Make-up-Künstlerin aus Los Angeles (USA). Am letzten Sonntag löschte sie ihr Konto. «Wenn ich meine grösste Plattform aufgeben kann, dann könnt ihr das auch», erklärte sie auf Threads.
Ronayne ist kein Einzelfall. Seit 22. Januar kehren deutlich mehr US-Nutzer der App den Rücken als sonst. Laut der Marktforschungsfirma Sensor Tower sind es 150 Prozent mehr pro Tag als in den drei Monaten zuvor. Allerdings stieg die Anzahl täglicher Nutzer im gleichen Zeitraum um zwei Prozent.
Tiktok und die Milliardäre
Die neuen Eigentümer von Tiktok in den USA sind eine Mischung aus Tech-Elite und Golfstaaten-Finanziers: Oracle, Dell, die Private-Equity-Firma Silver Lake und der Staatsfonds MGX aus Abu Dhabi sind dabei. Der frühere chinesische Eigentümer (Bytedance) behält zwar 20 Prozent, aber ohne Stimmrecht.
Im Zentrum steht Oracle-Gründer Larry Ellison. Forbes schätzt sein Vermögen auf rund 220 Milliarden Dollar. Er ist der sechstreichste Mann der Welt. Donald Trump selbst feierte den Deal auf der Plattform Truth Social: Tiktok gehöre jetzt «grossartigen amerikanischen Patrioten».
Für viele Nutzerinnen und Nutzer klang das nicht beruhigend, sondern alarmierend. Für Zündstoff sorgte auch eine Änderung in den Datenschutzrichtlinien der US-App. So werden neu präzise GPS-Standortdaten erfasst, zuvor waren es lediglich «ungefähre» Standortdaten. Zudem gibt es in den Richtlinien sensible Kategorien, wie Angaben zur sexuellen Orientierung oder zum Einwanderungsstatus. Diese standen jedoch bereits vor dem Besitzerwechsel da. Doch der Mix aus neuen Besitzern und der Datensammelwut ist Treibstoff für den Exodus.
Zensurvorwürfe gegen Tiktok
Am ersten Wochenende unter neuer Führung häuften sich Störungen. Tiktok sprach später von einem Problem in einem US-Rechenzentrum. In dieser Phase tauchten Zensurvorwürfe auf: Prominente Nutzer, darunter der Bruder von Popstar Billie Eilish, berichten von Shadowbanning: kritische Videos zu Polizeigewalt, den tödlichen Schüssen auf Alex Pretti in Minneapolis und den Einsätzen des US-Grenzschutzes dümpelten bei minimalen Klickzahlen. Auch die Politik ist alarmiert: Demokratische Politiker bezeichneten Tiktok daraufhin als «staatlich kontrolliertes Medium» und als «Bedrohung für die Demokratie». Gouverneur Gavin Newsom (Dem.) hat in Kalifornien eine Untersuchung angekündigt.
Doch nicht alle teilen die Alarmstimmung. Die Social-Media-Analystin Minda Smiley verweist gegenüber apnews.com auf die Umbruchphase: Solche Eigentümerwechsel und Infrastrukturumbau führten oft zu technischen Problemen. Erst wenn die Störungen anhalten, werde es kritisch.
Und Europa?
In Europa bleibt Bytedance alleiniger Eigentümer. Tiktok selbst verweist für Europa auf «Project Clover»: Inhalte sollen in europäischen Rechenzentren verarbeitet und nach EU-Standards abgesichert werden. Doch das löst das Kernproblem nicht: Vertrauen ist keine Serverfrage. Wer heute postet, will wissen, ob morgen dieselben Regeln gelten. Die Verunsicherung treibt Nutzerinnen und Nutzer gerade weltweit zu Alternativen wie Upscrolled. Die Downloads der App haben sich verzehnfacht. Auch in der Schweiz ist sie auf Platz 1 der Download-Charts.
«Schlimmste aller Welten»
Was bleibt, sind grundsätzliche Fragen. Jahrelang warnten republikanische US-Politiker vor chinesischer Überwachung. Jetzt kontrollieren US-Milliardäre die Plattform und sammeln präzisere Standortdaten als zuvor. Die Medienwissenschaftlerin Ioana Literat von der Columbia University sieht darin eine bittere Ironie, wie sie gegenüber arstechnica.com erklärt. «Die Sorge war nie wirklich ausländische Einflussnahme – es ging immer darum, wer die Einflussnahme betreibt.»
Der Tech-Journalist Karl Bode nennt es «das Schlimmste aller Welten». Chinas Anteile bleiben, US-Oligarchen übernehmen die Kontrolle. Sein Fazit: «Die Milliardäre haben Tiktok gekauft, um Überwachung auszubauen», resümiert er auf techdirt.com.
Das Muster tönt bekannt. Als Elon Musk 2022 Twitter übernahm, versprach er mehr Meinungsfreiheit. Es folgten Massenentlassungen, willkürliche Sperren und ein Exodus von Nutzern und Werbekunden. Tiktok könnte denselben Weg gehen. Die Frage bleibt: Werden die neuen Eigentümer tatsächlich weitgreifend in Inhalte eingreifen? Die Probleme der letzten Tage könnten Zufall sein. Oder ein Vorgeschmack.