Darum gehts
- In Los Angeles startet am 27. Januar ein Prozess gegen Social-Media-Riesen wie Meta
- Klägerin (19) wirft Plattformen bewusste Suchtförderung durch Dark Patterns vor
- 4,7 Millionen Social-Konten in Australien seit Ende 2025 gelöscht oder eingeschränkt
In Los Angeles beginnt heute die Jury-Auswahl für einen Prozess, den Beobachter als «wegweisend» für die Social-Media-Branche bezeichnen. Erstmals müssen sich Meta (Instagram und Facebook), Tiktok und Youtube vor Gericht für die Frage verantworten: Haben sie ihre Plattformen absichtlich so gebaut, dass Jugendliche davon süchtig werden?
Im Zentrum steht eine 19-Jährige aus Kalifornien. Sie wirft den Konzernen vor, ihre Sucht nach Social Media habe zu Depressionen und Suizidgedanken geführt. Hinter ihr stehen Hunderte ähnlicher Klagen aus über 40 US-Bundesstaaten.
Worum es geht
Die Kläger greifen das Design der Apps an. Der Vorwurf: Funktionen wie der endlose Feed, automatisch abspielende Videos oder gezielte Benachrichtigungen seien keine harmlosen Features, sondern absichtlich entwickelte Suchtmechanismen.
Dies nennt man Dark Patterns. Es sind manipulative Gestaltungstricks, die Nutzer möglichst lange auf der Plattform halten sollen. Je mehr Zeit eine Person auf Instagram verbringt, desto mehr Werbung sieht sie. Das Geschäftsmodell basiert auf maximaler Aufmerksamkeit. Die zuständige Richterin hat entschieden, dass die Geschworenen genau diese Designfragen prüfen dürfen.
Die Tech-Firmen weisen dies zurück. Zudem böten sie längst Schutzfunktionen und Jugendfilter an. In Gerichtsakten argumentieren die Anwälte, die psychischen Probleme der Kläger hätten andere Ursachen: schwierige Familienverhältnisse, Mobbing in der Schule. Meta-CEO Mark Zuckerberg und Instagram-Chef Adam Mosseri sollen persönlich aussagen.
Die Kläger setzen auf interne Dokumente der Konzerne. Meta führte unter dem Namen «Project Mercury» eine Studie durch, bei der Nutzer einen Monat auf Facebook und Insta verzichteten. Das Ergebnis: weniger Depressionen, Angst und Einsamkeit. Meta stoppte das Projekt mit der Begründung, die Teilnehmer seien voreingenommen gewesen.
Warum das wichtig ist
Verlieren die Tech-Konzerne, drohen ihnen Milliardenzahlungen und möglicherweise gerichtlich angeordnete Änderungen an ihren Produkten. «Wenn endloses Scrollen als gefährlich gilt, werden sich Social-Media-Dienste grundlegend verändern müssen», sagt Jess Miers, Rechtsprofessorin an der University of Akron zu theinformation.com.
Was anderswo passiert
Der Prozess in L.A. ist Teil einer Wende. Weltweit verlieren die Tech-Konzerne ihren regulatorischen Freipass. In Australien gilt seit Dezember ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Die Bilanz: 4,7 Millionen Konten wurden seither gelöscht oder eingeschränkt. Bei Verstössen drohen Bussen bis zu 50 Millionen australische Dollar (26 Mio. Fr.). Und auch Frankreich hat am Montag für das Verbot sozialer Netzwerke für unter 15-Jährige gestimmt. Präsident Emmanuel Macron will, dass das Verbot ab 1. September greift.
Und die Schweiz?
80 Prozent der Schweizer Bevölkerung befürworten laut einer Sotomo-Umfrage vom Mai 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider zeigte sich im Dezember offen dafür. «Wir müssen unsere Kinder besser schützen», sagte sie dem SonntagsBlick.
Die Wissenschaft ist zurückhaltender. «Es ist komplex. Die Forschung zeigt nicht, dass jede Nutzung digitaler Medien schlecht oder süchtig machend ist», erklärt Tamar Mendelson, Professorin an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, der «Washington Post». Eine offizielle psychiatrische Diagnose für Social-Media-Sucht existiert nicht.
Der Bundesrat hat im Oktober das Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen in die Vernehmlassung geschickt. Bis 16. Februar kann man zur Vorlage Stellung nehmen. Es sieht Meldeverfahren für rechtswidrige Inhalte, Transparenzpflichten für Algorithmen und Bussen vor. Kritiker bemängeln: Der Entwurf ist milder als das EU-Vorbild. Eine Recherche der «Republik» zeigt, wie das Gesetz unter Bundesrat Albert Rösti verwässert wurde. Seine Vorgängerin Simonetta Sommaruga hatte eine griffigere Regulierung geplant. Die Plattformen müssen Risiken wie Desinformation oder Suchtpotenzial zwar dokumentieren, aber nichts unternehmen. Die Eidgenössische Medienkommission warnt, die Vorlage stelle Schweizer Nutzer schlechter als jene in der EU. Ein eigentliches Altersverbot für Social Media enthält der Entwurf nicht.
Was jetzt kommt
Der US-Prozess soll sechs Wochen dauern. Der Ausgang wird zeigen, wie hoch der Schadenersatz ausfallen könnte und ob die Konzerne die vielen Klagen einzeln bekämpfen oder einen Gesamtvergleich anstreben. Für sie geht es um mehr als Geld: Es geht um die Frage, ob ihr Geschäftsmodell so noch legal ist.