Darum gehts
- Seit 1. Mai hängt in Leuzigen BE eine verstörende Frauenpuppe an einem Maitannli
- Umfrage: 50 Prozent von 2500 Befragten wollen diesen Brauch abschaffen
- 30 Prozent sehen die Tradition positiv, 20 Prozent fordern vorherige Zustimmung von Involvierten
Wer seit dem 1. Mai die Hauptstrasse von Leuzigen BE entlanggegangen ist, kommt an diesem verstörenden Bild nicht vorbei: Eine verwahrlost aussehende Frauenpuppe mit rosa angemalten Brüsten und Schritt hängt dort an einem Maitannli. Darüber steht in roter Schrift ein Name. Wird «Larissa» öffentlich zur Schau gestellt?
Der Hintergrund der öffentlichen Demütigung einer 16-Jährigen ist eine alte Tradition. Das geschmückte Maitannli wird nach Brauch von jungen Männern vor dem Haus einer angebeteten Dame oder mitten im Dorf aufgestellt. Wenn sie ihren Verehrer nicht innert eines Jahres zum Essen einlädt, wird die Puppe mit Namensschild als Mahnzeichen aufgehängt. Eine Blick-Leserin nennt dieses Verhalten «einschüchternd, entwürdigend und gewaltbezogen». Für andere Anwohner ist der Brauch vollkommen normal. In einer Leserumfrage teilen sich die Meinungen.
So steht die Community zu der Tradition
Von 2500 Umfrageteilnehmern sind ganze 50 Prozent der Meinung, dass solche Traditionen nicht mehr zeitgemäss sind. Sie wünschen sich die Abschaffung des Dorfbrauches.
Dementgegen sehen 30 Prozent darin eine schöne Tradition, die unbedingt bewahrt werden sollte. Die verbliebenen 20 Prozent haben an sich nichts gegen die Sitte. Sie fänden es allerdings angebracht, die Mädchen vorher zu fragen, ob sie an dem Ritual teilhaben wollen. Auch in unseren Kommentaren treffen gegensätzliche Standpunkte aufeinander.
«Leben die Jungs in Leuzingen noch in Höhlen?»
Ein grosser Anteil der Community nimmt die Puppe als zutiefst problematisch wahr. Thierry Eutone fragt ungläubig: «Leben die Jungs in Leuzingen noch in Höhlen?» Marc Winter stimmt zu: «Nötigung durch öffentliche Demütigung. Und wenn das Mädchen den Jungen nicht zum Essen einlädt, wird sie als prüde dargestellt. Was ein furchtbarer Brauch!» Daniela Hufschmid ist ebenso ausser sich: «Der Brauch und diese Puppe sind eine Katastrophe! Gehört nicht mehr in diese Zeit.»
Constantin Katsoulis schliesst sich an: «Makaber und völlig daneben. Dieser Brauch verharmlost psychische und physische Gewalt gegen Frauen.» André Affolter geht noch tiefer ins Detail: «Gewalt ist auch Einschüchterung und öffentlicher Demütigung. Eine Frau zur Zielscheibe machen, weil sie einen Mann abweist, sendet eine soziale Botschaft. ‹Pass auf, was passiert, wenn du Nein sagst›.»
«Wenn man nicht mitmachen will, Tannli fällen und gut ist»
Andere Leserinnen und Leser verteidigen den Dorfritus. Ralf Wichter appelliert: «Lasst doch bitte solche alten Traditionen weiterleben.» Erika Koller kann es nicht glauben: «Was die Leute alles loslassen, wegen eines einfachen Brauchtums. Das förderte früher den Zusammenhalt der Bevölkerung. Heute wollen die Schweizer davon nichts mehr wissen.» Patrick Zola beanstandet: «Irgendwie wird heutzutage alles als zu extrem hingestellt. Mühsam!»
Auch Lukas Baumgartner kann den Aufruhr nicht verstehen: «Peinlich, solch ein Drama draus zu machen. Es ist eine Tradition. Wenn man nicht mitmachen will, Tannli fällen und gut ist.» Beat Mühlethaler kann nur zustimmen: «Es ist sicher nicht böse gemeint. Wenn es die betroffene Familie stört, dann einfach Motorsäge raus und weg damit.»