Darum gehts
- Mitte-Nationalräte könnten AKW-Neubauverbot trotz Volksentscheid von 2017 kippen
- Blick-Umfrage 2023: 56 Prozent befürworten neue Atomkraftwerke für Stromsicherheit
- Leser kritisieren Energiestrategie 2050 als teuer und ineffizient
Mindestens sieben Mitte-Nationalräte könnten bald aushebeln, was als Königsweg in eine grüne Zukunft galt: das Neubauverbot für Atomkraftwerke (AKW). 2017 hat das Volk dazu Ja gesagt. Unter der damaligen Energieministerin – heute alt Bundesrätin – Doris Leuthard (63), wurde die Energiestrategie 2050 vom Schweizer Stimmvolk in trockene Tücher gebracht. Nun, nicht mal zehn Jahre danach, gerät der Beschluss gehörig ins Wanken und findet immer mehr Zweifler.
Im Parlament regt sich ausgerechnet in Leuthards Partei Widerstand: Mehrere Mitte-Nationalräte stellen sich gegen die bisherige Linie und könnten gemeinsam mit bürgerlichen Kräften das Verbot kippen.
Dass das die aktuelle Stimmung des Volkes spiegeln könnte, dazu gibt eine Blick-Umfrage von 2023 Anhaltspunkte: 56 Prozent der Befragten haben sich damals eher dafür ausgesprochen, dass die Schweiz neue AKW planen soll, um die Stromversorgung zu sichern.
«Endlich erwachen die Politiker aus dem Tiefschlaf»
Mitte März dieses Jahres fragten wir auch unsere Community: «Wie stehst du zum Bau neuer AKW in der Schweiz?» 68 Prozent haben auf «Finde ich gut» gedrückt.
Dass das Thema bei der Blick-Leserschaft ein Dauerbrenner ist, zeigt wiederum der neueste Artikel dazu. Über 200 Leserinnen und Leser haben in der Kommentarspalte ihre Meinung deponiert. Der Tenor ist sogar noch deutlicher als im März.
«Endlich erwachen die Politiker aus dem Tiefschlaf», kommentiert etwa Thomas Zimmermann. «Es hätte nie ein Verbot geben dürfen.» Es sei ja logisch, dass der Energiebedarf im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum und der zunehmenden Bevölkerung stehe. «Mit ‹Windrädli› und Solaranlagen kann dieser Bedarf nie und nimmer abgedeckt werden», ist er überzeugt. Derselben Meinung ist auch Silvia Huber: «Da alles mit Strom betrieben wird, von Kinder-Trottis bis E-Autos, braucht es dringend neue AKW.»
«Wird Zeit, dass dieses Verbot aufgehoben wird!», findet auch Reto Gyr. Er hält eine hybride Lösung für zukunftsfähig: «Zusammen mit Wasserkraftwerken und in Zukunft auch Fusionskraftwerken!»
«Gescheiterte Energiestrategie hat Milliarden gekostet»
Viele greifen in ihrem Meinungsbeitrag die Energiestrategie frontal an und finden, sie anzunehmen, sei ein Fehler gewesen. «Diese gescheiterte Energiestrategie 2050 hat Milliarden gekostet, die Deindustrialisierung vorangetrieben und die Stromkosten in die Höhe getrieben. Es werden keine Politiker deswegen zur Rechenschaft gezogen?», empört sich Paul Portmann.
«Sogar die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnet die Abkehr von der Atomkraft in Europa als einen ‹strategischen Fehler›», unterstreicht Leser Paul Streuli seine Haltung für neue AKW. Mit seiner Aussage bezieht er sich auf den internationalen Atomenergiegipfel in Frankreich, der im März stattfand.
«Auch wenn das Verbot fällt, werden keine AKW gebaut»
Aber selbst wenn das Stimmvolk das AKW-Verbot dereinst wieder kippen würde, stellt sich die Frage des Geldes. Bei einigen Leserinnen und Lesern kommen hier Bedenken auf. Zu ihnen gehört etwa Theo Märki: «Auch wenn das AKW-Verbot fällt, werden trotzdem keine AKW gebaut», vermutet er. Dies, da sie viel zu teuer und unter bestimmten Marktbedingungen nicht rentabel sein dürften.
«So einfach ist das auch nicht», gibt Mario Solario zu bedenken. Prioritär müsse die Standortfrage geklärt werden. «Und das Volk in der Region muss befragt werden ...»
«Wir können nicht 25 Jahre auf ein neues AKW warten»
«Dann aber zuerst vorwärts mit dem Bau des Endlagers», wirft Mark Strasser in die Runde. In seinem Kommentar kritisiert er die herausfordernde Suche nach einem geeigneten Ort, um den Atommüll über einen unvorstellbar langen Zeitraum sicher zu lagern. Dass neue Kernkraftwerke überhaupt gebaut werden können, bevor die Endentsorgung geklärt ist – «das begreift kein normaler Mensch mehr!»
«Wer verbuddelt den Atomabfall gerne in seiner Gemeinde? – Klar meldet sich jetzt niemand», schreibt John Highspeed. Nur profitieren und die Konsequenzen nicht tragen wollen sei nicht zielführend. «Wir haben das Energieproblem jetzt und können nicht 25 Jahre auf ein neues AKW warten …» Damit spricht er sich, wie einige wenige andere Kommentatoren, klar gegen neue Kernkraftwerke und für erneuerbare Energien als die schnellere und praktischere Lösung aus und ist überzeugt, dass moderne Technologien bereits heute eine funktionierende Energiewende ermöglichen würden.