Darum gehts
- Kreuzlingen: Psychisch auffälliger Mann wiederholt gewalttätig
- Leserumfrage: 62 Prozent für stärkere Überwachung
- Wunsch nach Prävention in der Leserschaft ist gross
«Muss erst jemand sterben, bis die Behörden eingreifen?» Timmy T., Bewohner einer Kreuzlinger Siedlung, bringt die Angst seiner Nachbarn auf den Punkt. Seit Wochen sorgt der psychisch auffällige Eugen E. für Unruhe: Wiederholt wird er gewalttätig, bedroht Nachbarn, beschädigt Fahrzeuge – und kommt jedes Mal wieder frei. Besonders Kinder und ältere Menschen fühlen sich im Quartier nicht mehr sicher.
Die Sorge ist nicht neu: Schon nach der Tragödie von Kerzers, als ein psychisch labiler Mann mehrere Menschen tötete, hatte die Schweiz über die richtige Balance zwischen Schutz der Bevölkerung und Freiheitsrechten diskutiert. Die beiden Fälle verdeutlichen das Dilemma: Wiederholt gewalttätige Personen werden freigelassen, während die Bevölkerung Schutz sucht.
Strengere Massnahmen gefordert
Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Leserinnen und Leser gefragt: Sollten psychisch auffällige Personen bei potenzieller Gefahr für andere stärker überwacht werden? Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Eine klare Mehrheit spricht sich für strengere Massnahmen aus. 62 Prozent der Teilnehmenden befürworten mehr Kontrolle, auch wenn dies eine Einschränkung des Bewegungsspielraums für die Betroffenen bedeutet.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch eine differenzierte Haltung. 29 Prozent finden, dass solche Eingriffe vom Einzelfall abhängig gemacht werden sollten. Nur eine Minderheit von 10 Prozent lehnt zusätzliche Überwachungsmassnahmen grundsätzlich ab und stellt den Schutz der persönlichen Freiheit in den Vordergrund.
Auch in den Kommentaren wird der Ruf nach mehr Prävention deutlich. So schreibt Leser Benjamin Hutter: «Es muss einfach eine Instanz geben, die Warnungen und Drohungen ernst nimmt. Die Polizei darf ja nur eingreifen, wenn tatsächlich etwas passiert ist. Wenn eine Person jedoch mehrmals droht oder mehrfach Warnungen eingehen, dass etwas passieren könnte, muss man einschreiten können.»
In ähnlicher Tonlage kommentiert Richard Meier: «Ich verstehe einfach nicht, warum solche Menschen nicht schon beim ersten Vorfall eingewiesen werden. Wieso kommen sie immer wieder auf freien Fuss? Aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen sind sie gemeingefährlich, und die Bevölkerung muss vor ihnen geschützt werden. Es kann nicht sein, dass das Freiheitsrecht einer solchen Person höher gewichtet wird als der Schutz der Allgemeinheit. Der Fall in Kerzers spricht doch Bände! Wann wachen die Behörden endlich auf?»
Dominic Maurer fordert ebenfalls Konsequenzen: «Solche Menschen gehören durch fürsorglichen Freiheitsentzug in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Einrichtung. Warum muss unsere Gesellschaft die Fehler anderer ausbaden? Dass Täter immer wieder stärker geschützt werden als mögliche Opfer, geht nicht mehr.»
Bedenken zu Prävention
Doch nicht alle Leser sehen präventive Zwangsmassnahmen als praktikable Lösung. Simon Sieber warnt vor einem zu starken Eingriff des Staates: «Was hier angesprochen wird, ist eine extreme Gratwanderung. Personen auf Verdacht wegsperren? Das gibt dem Staat ein Mittel in die Hand, unliebsame Bürger einfach wegsperren zu können. Die Geschichte und die aktuelle Entwicklung in Deutschland und Brüssel zeigen, welches Missbrauchspotenzial solche Massnahmen haben!»
Auch der finanzielle Aspekt wird kritisch betrachtet. Leserin Angelina Maurer weist darauf hin, dass zwar viele nach Prävention rufen, gleichzeitig aber die Bereitschaft fehle, Gelder dafür bereitzustellen. «Sobald es darum geht, Gelder oder Etats dafür einzusetzen oder zu erhöhen, geht das Geschrei los, wer das bezahlen soll. Viele sind einfach nicht bereit, die Mittel bereitzustellen.»
Alexander Meier weist auf die Unwägbarkeiten der Situation hin: «Wenn es 100 tickende Zeitbomben gibt, aber nur eine hochgeht, sperrst du die anderen 99 weg? Einfach vom Restrisiko auszugehen ist nicht zufriedenstellend, aber für diese Art von Unberechenbarkeit gibt es offenbar keine optimale Lösung.»
Wie weit Prävention gehen darf, bleibt umstritten – und die Angst der Nachbarn bestehen. Die Fälle aus Kreuzlingen und Kerzers halten die Fragen um Risiko und Sicherheit aktuell.