Kahlschlag statt Visionen
Wo sind die genialen Autoretter geblieben?

Jobs weg, Modelle gestrichen, aber keine Visionen für die Kunden. Regieren in Europa die falschen Autobosse? Diese fünf Automanager zeigten, wie es richtig geht.
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An den Spitzen der europäischen Autokonzerne regieren heute fast nur noch Buchhalter – wie zum Beispiel der frühere Finanzbeamte und neue Renault-Chef François Provost ...
Foto: Philippe SERVENT

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Europas Autoindustrie in Krise: Keine Visionen für die Kunden
  • Aktuelle Auto-Manager setzen auf Sparen statt Innovation, grosse Visionäre fehlen
  • VW-Chef Oliver Blume im Vergleich zu Piëch: Klarer Innovationsmangel und kein Riecher für die Strasse
Arthur Konrad

Bei VW wackeln 50’000 Jobs und vier Werke. Bei Stellantis brechen die Gewinne weg. Die europäische Autoindustrie rutscht ungebremst in den Abgrund. Da stellt sich die dringende Frage: Sitzen in den Teppichetagen überhaupt noch die richtigen Bosse am Steuer?

An den Konzernspitzen regieren heute fast nur noch die Buchhalter. VW-Chef Oliver Blume (58) ist zwar ein erfahrener Produktionsmann. Doch vielen Managern fehlt der Riecher für die Strasse. Sie sparen lieber an jeder Schraube, statt Autos zu bauen, die wir auch kaufen wollen. Der heutige Mercedes-Chef Ola Källenius (57) begann seine Karriere als blasser Controller, der neue Renault-Chef François Provost (58) gar als französischer Finanzbeamter.

Liegt hier vielleicht die Wurzel des Problems? Geniale Techniker und Visionäre sind in der Autobranche völlig aus den Führungspositionen verdrängt worden. Im Gleichschritt wurde die Autolandschaft langweiliger. Wo finden wir heute noch den grossen Plan, europäische Autos wieder attraktiver für den Kunden zu machen? Innovative technische Konzepte? Spannende, wegweisende Designs? Stattdessen: SUVs im Einheitslook und natürlich: sparen, sparen, sparen. Werksschliessungen, Entlassungen, weniger Modellvielfalt. Bald könnte Mitleid zum letzten Kaufargument für ein europäisches Auto werden.

Was wäre also, wenn wieder Manager mit mehr Innovationsdenken, mehr Benzin im Blut und grösseren Eiern in der Hose die europäische Autoindustrie lenken würden? Als positive Beispiele wollen wir hier BMW und Renault nicht vergessen, wo offenbar doch noch mehr Emotionen im Spiel sind als anderswo. Sehen wir uns mal die Eigenschaften von Car-Guys und Unternehmensrettern an, die es geschafft haben, das Ruder herumzureissen.

Ferdinand Piëch (1937–2019): Genie und Wahnsinn

Ferdinand Piëch (1937–2019).
Foto: zvg.

Als der an der ETH Zürich promovierte Techniker 1992 den VW-Konzern übernahm, befand sich das Unternehmen mit mehr als nur einem Fuss über dem Abgrund. Piëch schaffte den Turnaround mit einem Feuerwerk an technischen Innovationen und Modellneuheiten. Es wurde cool, ein Produkt aus dem VW-Konzern zu fahren. Noch wichtiger war allerdings das Talent, seine klare Linie auch umsetzen zu können. Der im persönlichen Umgang klirrend kalte Manager zeigte, wenn es darauf ankam, erstaunliches Geschick im Taktieren mit Gewerkschaften und Politik. Exakt daran ist beispielsweise der aktuelle VW-Konzernlenker Oliver Blume kürzlich gescheitert.

Sergio Marchionne (1952–2018): Pragmatiker mit Fantasie

Sergio Marchionne (1952–2018).
Foto: Timothy Pfannkuchen

Der Wahl-Schweizer begann seine Karriere als Wirtschaftsprüfer, stieg aber bald zum Multimanager auf: Alusuisse in Zürich, SGS in Genf. Ein Zahlenmensch also, und anfangs traute ihm kaum jemand den Einstieg ins Autogeschäft zu. Mit hoher Leidenschaft, sicherem Instinkt und viel unternehmerischem Mut schaffte Marchionne die Turnarounds von Chrysler und Fiat. Fiat schenkte er den 500, Alfa Romeo wurde wiederbelebt, Ferrari aus der Imagekrise geholt. Der vielleicht entscheidende Hinweis für den Erfolg: Wie Piëch war auch Marchionne für seine Direktheit und Durchsetzungskraft gefürchtet.

Bob Lutz (94): Der Schweizer Macher

Robert A. (Bob) Lutz (94).
Foto: Philippe Rossier

Eigentlich war der geborene Zürcher auch «nur» ein Mann aus der Produktion, aber als Kampfpilot bei der US-Marine und Motorsportler sicher mit ausreichend Benzin im Blut ausgestattet. Lutz holte in den späten 1970ern gemeinsam mit Lee Iacocca (1924–2019) den Chrysler-Konzern aus der Insolvenz. Das Rezept: Eine billig zu produzierende neue Technik-Plattform und damals neuartige Minivans und SUVs führten den damals drittgrössten US-Autokonzern zurück auf die Erfolgsstrasse. Lutz erkannte aber auch die Bedeutung der Emotionen beim Autokauf. Er liess verrückte und unrentable Projekte wie Dodge Viper oder Plymouth Prowler bauen. Warum? Die neugierigen Kunden kamen zum Gucken und nahmen einen Chrysler mit. Wo sind heute die Showstopper in den Verkaufsräumen?

Wendelin Wiedeking (73): Genie und Wahnsinn, Teil 2

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Unter Wiedekings Führung wurde der Porsche 911 weder schöner noch attraktiver, aber er rettete den Hersteller. Zu Beginn der 1990er stand Porsche kurz vor dem Konkurs. Der Wasserboxer 996 mit den Spiegelei-Augen gefiel nicht jedem, verbesserte aber die Rendite drastisch. Der SUV Cayenne plus Dieselmotor war ein noch viel schlimmerer Tabubruch, trug aber massgeblich dazu bei, dass sich der Börsenwert von Porsche unter Wiedeking verhundertfachte. Dann verzockte sich der übermütig gewordene Manager gewaltig. Was aber nichts daran ändert, dass er Porsches Modellpalette auf Jahrzehnte eine tragfähige Zukunft gab.

Akio Toyoda (70): Piëch minus Wahnsinn

Akio Toyoda (70).
Foto: zvg.

Der heutige Aufsichtsratsvorsitzende und Enkel des Firmengründers führte Toyota als Präsident weit über ein Jahrzehnt (2009–2023) mit unglaublich sicherer Hand. Der Hersteller beherrscht banale Billig-Transportmittel genauso wie absolute Hightech- und Premium-Fahrzeuge. Ferdinand Piëch schaute sich einst seine Produktionsverbesserungen bei Toyota ab. Das weltweite Produktionsnetzwerk ohne explodierende Kosten ist ein Kunstwerk für sich. Bei Akio Toyoda trifft akkurates Management-Handwerk auf eine gehörige Menge Emotionen. Der 70-Jährige ging auch heuer wieder beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring an den Start. Blume, Källenius und Co. lassen sich höchstens auf Champagner und Häppchen beim F1-Monaco-GP sehen.

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