Was der offene Brief an den Kreml bewirkt
Selenskis cleverer Schachzug treibt Putin in die Enge

Der offene Brief von Wolodimir Selenski an Wladimir Putin hats in sich. Die Worte sind sorgfältig gewählt und erreichen den Kreml im richtigen Moment. Wir sagen, was er auslösen wird.
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Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski fordert Putin per Brief zu Verhandlungen auf.
Foto: IMAGO/Bestimage

Darum gehts

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Guido FelderAusland-Redaktor

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (48) schlägt eine neue Strategie ein. Er hat den Angreifern im Kreml einen offenen Brief geschickt, in dem er Verhandlungen und das Ende des Krieges vorschlägt.

Das Schreiben (hier gehts zum Original) ist weit mehr als einfach ein diplomatisches Dokument. Es ist ein taktisches Meisterstück, das den russischen Präsidenten Wladimir Putin (79) mit sanftem Druck in die Enge treibt.

Im Brief schlägt Selenski Putin ein direktes Treffen auf neutralem Boden vor. Explizit erwähnt er nebst der Türkei, den Ländern der arabischen Welt auch die Schweiz. Während der Verhandlungszeit soll es einen vollständigen Waffenstillstand geben. Selenski fordert einen kompletten Gefangenenaustausch und die Rückkehr der vielen verschleppten ukrainischen Kinder.

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Die Ukrainer haben am Mittwoch den Öl-Terminal in St. Petersburg getroffen.
Foto: AP Photo/undefined

Selenski redet Putin ins Gewissen. Erstmals habe sich das mächtige Russland von anderen Ländern wie Nordkorea und China abhängig gemacht. Zudem lasse er an der Front Soldaten sterben, während er selber im sicheren Luxus lebe.

Gleichzeitig unterstreicht Selenski die eigenen Stärken: globale Unterstützung, finanziell und militärisch abgesichert sowie bereit, weiterzukämpfen.

Der Brief ist nicht nur von der Formulierung her ein Meisterwerk. Auch der Zeitpunkt des Poststempels könnte nicht besser sein. Denn das Schreiben trifft Putin in einer heiklen Phase.

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Blamage im Hinterland

Vor den Augen hochrangiger Gäste haben die Ukrainer am Mittwochmorgen bewiesen, dass sie wichtige Ziele im Innern Russlands angreifen können. Wenige Stunden vor der Eröffnung des Wirtschaftsforums jagten in St. Petersburg ukrainische Geschosse den Öl-Terminal der Metropole in die Luft und brachten den Flugverkehr zum Erliegen. Den 20’000 Besuchern aus 130 Ländern – darunter AfD-Politiker und Taliban – dürfte der Schrecken heftig in die Glieder gefahren sein.

Austrocknung der Kriegskasse

Die ukrainischen Angriffe auf Russlands Energie-Infrastruktur haben zu einem Treibstoffmangel geführt. Um den Binnenmarkt zu stabilisieren, müssen Exporte eingeschränkt werden. Das wiederum schwächt Putins Kriegskasse.

Stimmungswandel in den USA

Das Repräsentantenhaus hat am Donnerstag dank der Unterstützung von 18 Republikanern ein Gesetz verabschiedet, das Milliardenhilfen für die Ukraine und Sanktionen gegen Russland vorsieht. Senat und Präsident Donald Trump (79) könnten das Gesetz zwar noch stoppen. Aber es zeigt: In den USA dreht die Stimmung wieder zugunsten der Ukraine.

Unruhen in Tschetschenien

Putin dürfte bald mit einem neuen Problem konfrontiert werden. In der nordkaukasischen Republik Tschetschenien steht ein Machtkampf an. Herrscher Ramsan Kadyrow (49) ist schwer krank, sein Sohn Adam (18) noch zu jung, um zu übernehmen. Es gibt laut foreignpolicy.com Anzeichen, dass das mit Moskau eng verbundene Tschetschenien wieder zu einem Konfliktherd wird, bei dem der Kreml eingreifen muss.

Was bewirkt der Brief?

Putin versucht auf der internationalen Bühne oft, die Ukraine als verhandlungsunwillig darzustellen. Im Schreiben spielt Selenski den Ball an den Kreml zurück. Lehnt Putin ab, steht er vor der Weltgemeinschaft als derjenige da, der keinen Frieden will.

Bisher hat der Kreml offiziell nicht reagiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow (58) sagte nur: «Selenski kann nach Moskau kommen, wenn er mit Präsident Putin reden möchte.» Am Freitagvormittag kündigte er zudem an, dass Selenskis Brief ein Thema am St. Petersburger Wirtschaftsforum sein werde. Dort wird Putins Rede gegen 16 Uhr Schweizer Zeit erwartet.

Ein baldiger Friede ist wegen des Briefes zwar nicht zu erwarten. Denn Moskau wird eigene Bedingungen und Narrative setzen wollen, um die Deutungshoheit zu behalten. Dennoch hat der Brief eine grosse Wirkung. Putin wird den Russen und der Welt erklären müssen, warum er ein Angebot für einen sofortigen Waffenstillstand ausschlägt, während im eigenen Land Öllager brennen, die Treibstoffpreise explodieren und im Zermürbungskrieg im Schnitt täglich über 500 russische Soldaten sterben.

Der Brief zeigt der Welt die wunden Punkte der Russen und dass die Ukraine aus einer Position der Stärke heraus verhandeln will. Daher ist Selenskis Brief ein brillanter Schachzug, der Putin in die Defensive drängt.

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