«Der hintere Teil meines Fusses fehlt»
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Ukrainische Patientin erzählt:«Der hintere Teil meines Fusses fehlt»

Ukrainer im kriegsgeplagten Donbass haben wenig Hoffnung für das neue Jahr
«Wenn das Gebiet an Russland geht – möge es so sein»

Im Osten der Ukraine werden Menschen auf offener Strasse von russischen Drohnen angegriffen. Oksana weiss nicht, wie es weitergehen soll: «Ich wünsche mir nur, dass der Krieg aufhört.»
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Viele Verletzte im Spital sind allein, wissen nicht, wohin sie gehen sollen.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

  • Yulia (49) wurde durch eine Drohne im Donbass schwer verletzt
  • Das Spital in Druschiwka versorgt Zivilisten trotz regelmässiger Drohnenangriffe
  • Russland besetzt drei Viertel von Donezk, Ukraine kämpft um die Region
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Helena GrafReporterin

«Sie behandeln mich gut hier», sagt Yulia (49). «Ich bekomme zu essen.» Sie liegt auf einem schmalen Bett im Spital von Druschiwka in der Ostukraine. Grelles Licht. Blaue Wände. Fenster, mit Plastikfolie verklebt. 

An einem Metallgestell lehnen gelbe Turnschuhe. Der Rechte ist zerfetzt. Yulia zieht die Decke näher zur Brust. Ihr Fuss kommt zum Vorschein. Die Ferse fehlt.

Am 16. Dezember lief Yulia einer Strasse entlang. In ihrem Dorf ausserhalb von Druschiwka in der Region Donezk. 15 Kilometer zur Frontlinie. «Etwas flog rein und traf mich am Bein», erinnert sie sich.

Yulia (49) wartet auf eine Evakuierung.
Foto: Helena Graf

Vermutlich war es eine Shahed-Drohne. So genau weiss es Yulia nicht. Nur, dass sie seitdem im Krankenhaus liegt. Und die Drohnen noch immer fliegen.

«Vor einigen Tagen haben sie eine direkt über dem Spital abgeschossen», sagt Olena (56), die Klinik-Direktorin. «Sie krachte aufs Dach.»

Das Spital versorgt Zivilisten aus umliegenden Dörfern und Städten. Seit Monaten verschlechtert sich die Lage. Mehr Drohnen, mehr Attacken. Die Hauptstrassen im Donbas sind mit Netzen überspannt. Eine Art Tunnel – hunderte Kilometer lang.

«Wir bezahlen mehr, damit die Ärzte bleiben»

Die Ärzte arbeiten weiter: Drei Chirurginnen, zwei Traumatologen, zwei Gynäkologinnen, zwei Anästhesisten. «Wir bezahlen ihnen mehr, damit sie bleiben», erklärt die Direktorin.

Holzkrücken lehnen an der Wand von Yulias Zimmer. Weit kann sie damit nicht gehen. Sie ist allein. Ohne Familie, die helfen könnte. «Ich warte, bis es mir besser geht. Dann werde ich evakuiert», sagt sie. 

Im Flur steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Daneben ein Rollstuhl. Die Lichter sind eingeschaltet. Niemand bleibt stehen. Yulias Wunsch für Neujahr: «Frieden.»

Russland besetzt inzwischen etwa drei Viertel der Region Donezk. In den ukrainisch kontrollierten Städten Kramatorsk und Slowjansk haben Restaurants und Läden geöffnet. Morgens fällt oft der Strom aus. Dann summen die Generatoren. 

Oksanas Stand auf dem zentralen Markt in Kramatorsk.
Foto: Helena Graf

Der Markt von Kramatorsk wurde letzten Monat getroffen. Nun ist er wieder geöffnet. Oksana (52) verkauft dort Christbaumkugeln, Lametten, Lichterketten. «Ich habe unsere Unterkunft ein wenig dekoriert. Den Tisch und die Fenster», sagt sie. «Wir Menschen brauchen ein wenig Feierlichkeit, auch wenn wir nicht in der Stimmung sind.»

Oksana kommt aus Kostjantyniwka. Ihr Haus dort ist niedergebrannt. «Das Gartentor und die Schaukel stehen noch», sagt sie. Seit letztem Januar lebt sie in Kramatorsk, mit Freunden und ihrem Sohn. «Ich sehe so viele Männer ohne Arme oder Beine. Das schmerzt.»

Leben in der Verhandlungsmasse

In den Friedensgesprächen mit US-Präsident Donald Trump (79) gilt der Oblast Donezk als Verhandlungsmasse. Wladimir Putin (73) fordert, die Ukraine solle das Gebiet angeben. Die USA schlagen eine entmilitarisierte Zone vor.

«Ich weiss nicht, was die beste Lösung ist», sagt Oksana. «Ich wünsche mir nur, dass der Krieg aufhört.»

«Dieser Ort ist nicht mehr mit dem Leben vereinbar»

Im Spital von Druschiwka hinkt Serhii (60) aus seinem Zimmer. Sein rechter Arm ist bandagiert, er trägt eine Schlinge um den Hals. «Dieser Ort ist nicht mehr mit dem Leben vereinbar», murmelt er. 

Ein Schrapnell hat ihn am Bein verletzt, den Arm gebrochen. Vier Tage vor Weihnachten. «Ich habe mein ganzes Leben in Druschiwka verbracht. Ich kann nirgendwo sonst hin.»

Serhii (60) würde gerne in die Westukraine flüchten.
Foto: Eric Feijten

Pensionsgelder bekomme er keine, erklärt Serhii. Die Nummer des Bruders in Saporischschja hat er nirgendwo gespeichert. «Ich würde gerne in die Westukraine fliehen. Aber ich habe kein Geld für die Reise, geschweige denn für eine Unterkunft.»

Seine ganze Hoffnung setzt er in eine Gruppe Freiwilliger. «Ansonsten gibt es niemanden, der mir helfen kann», sagt er.

Vier Jahre Zerstörung und Tod haben ihn gebrochen. Er hat keine Hoffnung mehr auf einen Sieg der ukrainischen Armee im Donbass. «Wenn das Gebiet an Russland geht – möge es so sein. Hauptsache, es hört auf.» 

Serhii geht zurück ins Zimmer, setzt sich aufs Bett. Er ist allein, hat nichts mitgenommen. Draussen dunkelt es. Ein neues Jahr beginnt. Und der Krieg ist noch da.

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